Vorab-Rezension: Das Signum der Täufer

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Regine Kölpin

Das Signum der Täufer

KBV-Verlag – erscheint im März 2014

Gottes Wille steht über allem. Und der Prophet sagt, wo es langgeht. Bis in die kleinsten Details des täglichen Zusammenlebens. Abweichler werden nicht geduldet. Wer zweifelt, eine andere Meinung hat, den Falschen liebt oder gar einer anderen Religion angehört, wird gnadenlos verfolgt.

Todesurteile werden sofort vollstreckt. Auf undenkbar grausame Weise. Und wem die Flucht gelingt, dem bleiben die Rächer unerbittlich auf den Fersen. Zeitlebens.

Nein, Regine Kölpin hat keinen Roman über die finsteren Machenschaften verblendeter Islamisten geschrieben. Es ist der dritte Band der Trilogie rund um die ‚Lebenspflückerin‘ Hiske Aalken.

Wieder einmal entführt sie uns in das Ostfriesland der ‚Täuferzeit‘, wo sich verschiedene religiöse Strömungen begegneten, teils in friedlicher Koexistenz, aber auch mit fundamentalistischem Hass. Der Vergleich zu heutigen, religiös motivierten Konflikten drängt sich auf.

Im strengen Winter des Jahres 1549 kämpfen die Menschen in der Herrlichkeit Gödens ums Überleben. Die meisten darben, da ihre Brennholz- und Speisevorräte zur Neige gehen. Aber eine kleine Gruppe der Gemeinschaft kämpft bald schon ganz existenziell: Fremde schleichen sich ein – was führen sie im Schilde? Warum wird immer wieder nach diesem Boot gefragt, das vor vielen Jahren auf dunkler See kenterte und dessen Schipper auf Nimmerwiedersehen verschwand? Was hat es mit diesen geheimnisvollen Bibelbotschaften auf sich, die plötzlich auftauchen? Bald gibt es die ersten Toten, Hiskes Verlobter, der Arzt Jan Valkensteyn wird entführt. Der Opportunist und Intrigant Dudernixen kehrt verstümmelt von einem tagelangen Fußmarsch durch die Einöde der Moorlandschaften zurück. Er trägt die Leiche eines Mannes auf den Schultern und ist offenbar irre geworden. Sein Gestammel und seine Fieberfantasien haben dennoch einen wahren Kern, der Hiske, die sehnsüchtig auf ihren Geliebten wartet, aufhorchen lässt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Suche zu machen. Selbstverständlich wird sie wieder begleitet vom abtrünnigen Mönch Garbrand und ihrem Ziehsohn, dem Wortsammler.

Wölfe streifen durch die Einöde. Nachts hört man ihr Hecheln und Heulen. Entsetzliche Geräusche. Dennoch sind Wölfe für die einsamen Wanderer kaum je eine Gefahr. Aber wie heißt es? Homo homini lupus – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Dass Regine Kölpin Spannung erzeugen kann, wissen ihre Leser bereits seit den ersten beiden Bänden der Lebenspflückerinnen-Trilogie. In puncto Spannung erfüllt auch dieser Band alle Erwartungen. Die 400 Seiten lesen sich süffig und trotz der vielen Figuren kommt nie Verwirrung auf. Es gibt reichlich falsche Spuren und plausible Verdächtigungen, die ebenso plausibel ins Leere laufen, so dass auch der Fan eines typischen Ermittlerkrimis vergnügliche Hirn- und Nervennahrung findet. Vielleicht setzt Regine Kölpin ihre Schnitte ein klein wenig zu routiniert, vielleicht erscheint der Roman eine Spur zu durchkomponiert.

Eigene Erfahrung sowie sorgfältige Recherche schwingen vor allem bei vielen medizinischen und naturheilkundlichen Details mit. Das ist interessant und man lernt auch viel dabei. Gleichzeitig nähern sich die Charaktere hier wieder sehr stark dem modernen Menschenbild. Die Autorin schildert eine Epoche im Umbruch, die ihr um vieles faszinierender erscheint, als das eher ‚statische‘ Weltbild des Mittelalters. Manches erscheint wie aus unserer Zeit gegriffen. So schließt sich auch wieder der Bogen zu heutigen religiös motivierten Konflikten, sieht man das Gemeinwesen der Herrlichkeit Gödens als Folie heutiger oberflächlicher Multi-Kulti-Gesellschaften. Die Täufer wollten nichts weniger, als das neue Jerusalem – das Paradies auf Erden. Und leben wir nicht heutzutage in einem Land, in dem Milch und Honig fließen? Aber zumindest sind bestialische Methoden, wie im Roman geschildert, nicht mehr Mittel europäischer Politik.

Aber immer noch kentern Boote auf dunkler See. Und irgendwann wird jemand in unser wohlsortiertes Gemeinwesen kommen und nachforschen. Homo homini lupus.

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