Ein Kindsmord ist kein Kinderspiel – seine Beurteilung aber ein Kaleidoskop der Wirklichkeiten

bartsch

Die Geschichte des Kindermörders Jürgen Bartsch liest sich flüssig, ja man kann sie als echten ‚Pageturner‘ bezeichnen.
Bei einem Täter, der Kinder zu Tode quält, steht das Urteil schnell fest: „So eine Bestie in Menschengestalt gehört weggesperrt auf Lebenszeit“ – um die eher zurückhaltenden Formulierungen aus dem Mund aufrechter Bürger zu zitieren. Das ist heute noch genauso wie in den Sechziger Jahren, egal ob der ‚Kirmesmörder’ Jürgen Bartsch im Ruhrgebiet zuschlägt oder Silvio S. ein Kind vor dem LAGESO in Berlin entführt. Die Sehnsucht sich das Grauen vom Leib zu halten, und das faszinierte Aufsaugen möglichst vieler Details sind die zwei Pole der Berichterstattung und auch der Wahrnehmung solcher Fälle in der Öffentlichkeit. Das Verlangen nach schwerer Bestrafung, ja Rache geht Hand in Hand mit dem Wunsch eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden. Schnell ist man da mit Schuldzuweisungen bei der Hand. Die Gene. Das Elternhaus. Schule. Mobbing. Sexueller Missbrauch. Schlechte Freunde. Drogen und Alkohol. Arbeitslosigkeit. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Irgendwas ist immer – und jeder pickt sich das heraus, was zu seiner Weltanschauung passt. Und genau dieses Kaleidoskop der Wirklichkeiten bildet Regina Schleheks Tatsachenroman auf beeindruckende Weise ab. Es kommen verschiedene Wegbegleiter Jürgen Bartschs zu Wort, von seinem Kindermädchen bis zum Mitschüler und Kollegen, aber auch Außenstehende, die alles nur aus der Presse kennen und sich ein Bild machen, das mehr oder weniger subjektiv eingefärbt ist (mehr oder weniger braun könnte man auch sagen, denn die Nazizeit wirft immer noch erschreckend lange Schatten bis weit in die Sechziger hinein). In den protokollartigen Statements weht uns der ganze Mief der Nachkriegszeit an, die bis tief in die Familien hinein von Gewalt, Tabus, Lügen und Verschweigen verkrustet war. Aufatmend möchte man das Buch zur Seite legen und sich trösten damit, dass die Zahl der Kindsmorde seit Jahren stark zurückgeht. Aber zum einen nimmt dafür die Gewalt gegen Kinder signifikant zu. Und zum anderen, klingen viele Statements im Roman erschreckend vertraut: sei es die ‚Lügenpresse‘, dem Ruf nach (rechter) Zucht und Ordnung, der Wunsch nach traditionellen Familienverhältnissen und nicht zuletzt eine krasse Fremdenfeindlichkeit und Schwulenhetze. Unsere plurale Gesellschaft, von deren Vorteilen so viele profitieren, scheint beim Lesen auf einmal wieder durchweht vom Geiste des Ewiggestrigen. Das macht dieses Buch so beklemmend aktuell. Nicht wegen der gut recherchierten Mordgeschichte, sondern als Porträt einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Last but not least sei noch erwähnt, dass auch die Voyeure extremer Gewalt ziemlich harten Stoff geboten bekommen. Die Mordszenen sind nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber die Stärke des Buches liegt eindeutig darin, verschiedene Stimmen der bundesrepublikanischen Wirklichkeit der Sechziger zu einem Kaleidoskop der Wirklichkeiten zusammenzufassen.

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