Gut geschüttelt und nie gerührt – das Leben der wunderbaren Mrs. Parker

martini

„Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“

von: Michaela Karl

btb-Verlag, 2012

Das wunderliche Leben der wunderbaren Mrs. Dorothy ‚Dotty‘ Parker. Hervorragend recherchierte Biographie einer atemlosen Existenz. Hochintelligent, witzig und stets bestens gelaunt – das ist Dorothy Parker, die Königin der Tafelrunde im legendären Hotel Algonquin. Mit spitzer Zunge und spitzer Feder, gleicht sie einem intellektuellem Feuerwerk,  das selbst in den Roaring Twenties noch spetakulär wirkte. In selbstentworfenen, maßgeschneiderten Kleidern und ausgefallenen Hüten war sie auch äußerlich betrachtet ein Hingucker. Als Schriftstellerin hochgelobt, Geliebte der interessantesten Männer ihrer Zeit, ebenso verwöhnt wie ehrgeizig, erklomm sie den Gipfel des Erfolgs – oberflächlich betrachtet. Zynisch und enttäuscht, durch eine traumatische Abtreibung körperlich und seelisch gebrochen, von Depression und den Folgen exzessiven Alkoholkonsums gezeichnet, wird ihr Leben zu einer rasanten Achterbahnfahrt -und sie schreibt um ihr Leben. Was ist hier Ursache, was ist Wirkung? In Dorothys Texten, die so leicht und mit einem Augenzwinkern daherkommen, schwingt die Erfahrung eines wahrhaftig gelebten Lebens mit. Michaela Karls Biographie wird dieser Frau gerecht. Was soll man Besseres über eine Biographie sagen? Spritzig und empathisch geschrieben, nähert sie sich ihrem ‚Objekt‘ ebenfalls mit einem Augenzwinkern, das eine Träne wegblinzelt, die vielleicht den unbestechlichen Blick der Biographin trüben könnte. Man möchte beim Lesen lachen und weinen, bekommt Schutzinstinkte („Dotty, bitte tu es nicht – nicht schon wieder!“), spürt Wut und freut sich – machmal sogar alles gleichzeitig. Für alle satuierten Schreiberlinge aus den Elfenbeintürmen der etablierten Literaturschmieden ein Muss!  Alternative: Zehn Jahre Taxi fahren (und zwar nicht auf dem Rücksitz!).

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Still droht der See …

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Chris Inken Soppa:  „Unter Wasser“

Erschienen 2010 edition karo, Berlin

Schon bei manchem Zeitgenossen hat die Liebe eingeschlagen wie ein Blitz. Und manch einer, der einen Blitzschlag überlebte, fand, dass hinterher nichts mehr war wie vorher.

Genauso ergeht es Thomas, dem schrägen Loser vom Bodensee. Ein wahrhaft elektrisierender Beginn! Nora rettet Thomas vor dem Ertrinken. Ob Thomas Nora auch retten kann? Zum Beispiel vor ihrer verschwurbelten Religiosität? Aber warum eigentlich? Was wäre Nora ohne Jesus?

Dass Chris Inken Soppa eine präzise Beobachterin menschlicher und allzu menschlicher Regungen ist, hat sich ja allmählich herumgesprochen. Und so serviert sie uns mit nonchalanter Lässigkeit und offensichtlichem Vergnügen ein Panoptikum gut beobachteter Charaktere.

Dieses Planetensystem umfasst einen mit allen Wassern gewaschenen Nebenbuhler und ein lästige „Familienbande“ (Köstlich: die steifleinene Familienfeier zu Ehren eines längst verstorbenen Uropas!). Und immer wieder wird klar: nirgends gehört Thomas so richtig dazu.

Und zwar mit ungutem Grund.

Warum hat Thomas diesen fatalen Hang zum Wasser? Insbesondere zum trügerisch friedlichen Bodensee? Eine Marotte, die bald schon ein Todesopfer fordert. Thomas gerät in einen Strudel, den er nicht nur metaphorisch betrachten kann, sondern der ihn in existenzielle Not bringt. Und ein solcher Wasserwirbel schwemmt Dinge an die Oberfläche, die schon längst versunken und vergessen schienen.

Mit leichter Hand knüpft die Autorin ein lesenswertes Netzwerk über komplizierte Beziehungen. Die Sympathie ist dabei immer auf Seiten der schrägen Vögel. Je schräger, desto lieber. Dies schließt sogar einen „verlogenen, hinterfotzigen Yogahelden“ mit ein!

Das letzte Kapitel trägt den Titel: „Auszug aus dem Paradies“

Das ist beruhigend, wenn man weiß, dass ‚das Paradies‘ lediglich ein Stadtteil von Konstanz ist.

Und es ist außerdem beruhigend, wenn man sich daran erinnert, dass manche Liebesgeschichten erst so richtig losgehen, wenn man mal vom Baum der Erkenntnis genascht hat.

Fortsetzung erwünscht!

41Sorf2s2VL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_SX385_SY500_CR,0,0,385,500_SH20_OU03_„Blutfunde“ von Jutta Motz, erschienen 2013, Elster-Verlag Zürich

Normalerweise beginne ich bei einer Buchbesprechung nicht mit Äußerlichkeiten, aber wann findet man heutzutage außerhalb des Bestseller-Zirkus schon einen schön gemachten Krimi in Hardcover-Ausgabe und Schutzumschlag? Na eben!
Soll etwa das haptische Vergnügen über das happige Thema hinwegtrösten? Das Mittelmeer als Massengrab für Bootsflüchtlinge … ein sperriges Sujet, das Abwehrimpulse beim Leser auslösen könnte. Die Kosmopolitin Jutta Motz gestaltet jedoch einen packenden Krimi mit glaubwürdigen Charakteren und viel italienischem Lokalkolorit. Das Grauen des Massenmordes im Mittelmeer bleibt so lange außen vor, bis es einer kriminellen Bande in Süditalien ‚gefällt‘ sechs Bootsflüchtlinge in einem abgelegenen Steinbruch umzubringen. Doch es gibt Zeugen … und Menschen, die nicht nur das Herz auf dem rechten Fleck haben, sondern auch über die richtigen Kontakte verfügen. Aber sie haben Gegenspieler – gefährliche Gegenspieler. Ein spannendes Ränkespiel beginnt. Unvergesslich: die pragmatische Tante aus Süditalien und eine ebenso gewitzte wie mutige Nonne mit geheimnisvollem Gepäck, auf das so einige Dunkelmänner scharf sind. Wie Jutta Motz diesen Knoten löst, soll hier aus begreiflichen Gründen nicht verraten werden. Aber das kriminelle Kräftemessen ist spannend und mit großer Sachkenntnis geschrieben. Einziger Kritikpunkt: neben den starken Figuren der HelferInnen bleiben die meisten Flüchtlinge etwas blass. Aber vielleicht ergibt sich hier die Idee für einen Folge-Roman? Sozusagen vice versa aus Flüchtlingsperspektive. Ich bin sicher: Jutta Motz wäre die richtige Autorin dafür!

Gelungene Mischung

meerkristall

Regine Kölpin mischt in ihrem Roman gekonnt historische Elemente mit denen einer spannenden Krimihandlung. Der (Tat)-Ort liegt wieder einmal in Friesland, dort, wo sich die Autorin bestens auskennt. Diese fundierten Kenntnisse nutzt sie fintenreich, um den Leser auf eine falsche Spur nach der anderen zu locken. Sie zeichnet ein lebendiges Bild einer durch Religionskriege tief zerrissenen Gesellschaft, deren Mitglieder zwischen banalem Geldverdienen und großen gesellschaftlichen Ideen schwanken,  von Gefühlen aus der Bahn geworfen werden, sich unterstützen, sich misstrauisch beobachten und diskriminieren – alles ganz so wie heute? Nicht ganz – aber ähnlich genug, dass man sich manchmal wundern muss. Die Marketenderin Anneke, der Scharfrichter Klaas, Grabrand der flüchtige Mönch und Melchior der Seifensieder: gewieft und umsichtig handhabt Regine Kölping ihr reichhaltiges Figuren-Panoptikum, ohne dass der Leser befürchten muss, die Übersicht zu verlieren. Nicht zu vergessen die starken Frauen: Hiske, die Hebamme und noch so einige andere, deren Entdeckung lohnt. Nur der verflixte Täter will sich einfach nicht zeigen (zumindest dauert es verflixt lange, bis man eine Ahnung bekommt, wer es denn doch sein könnte – aber da war man schon mindestens viermal vorher ganz sicher …).

Der Wechstabenverbuchsler – eine schanz gön gräge Schechichte

wechsstabenverbuchsler

Rezension von: Der Wechsstabenverbuchsler; Mathias Jeschke und Karsten Teich, erschienen im BOJE-Verlag

In dieser Überschrift hat der Fehlerteufel zugeschlagen?  Oh nein! Es ist eine ganz einfache Wechstabenverbuchslerei – oder für nicht Eingeweihte: Eine Buchstabenverwechselei. Eines meiner Lieblings-Vorlese-Bücher! Es erzählt die Geschichte von Herrn Beckermann, der in eine Drehtür geriet und danach alle Buchstaben verwechselte. Und jedes Mal passiert beim Vorlesen das Gleiche: Schon nach zurzer Keit machen alle Kinder begeistert mit. Es ist auch gar nicht schwer! Probiert es doch mal selber aus!  Es macht einen Riesenspaß und wer erst einmal damit angefangen hat kann fast nicht mehr höfauren (tschuldigung: aufhören): Schnutenpitzel, Blühgirne, Schnimtzecke, Mederflaus, Tarnstunge, Matoten mit Rozzamella und Wiemenbluse. (Auflösung: Putenschnitzel, Glühbirne, Zimtschnecke, Fledermaus, Turnstange, Tomaten mit Mozarella und Wiesenblume.) 

Und sedhalbt endet diese Spuchbebrechung hier. Denn Ihr habt ganz sicher viele eigene Edien zur Wechsstabenverbuchslerei, edor?

Hoch gestapelt und tief gegraben!

 simonides

Rezension von:  Rüdiger Schaper; Die Odyssee des Fälschers; Siedler Verlag 2011

Rüdiger Schaper ist kein Mathematiker, sondern Journalist und Autor, vorwiegend im Kulturressort. Für diese Biographie, die eher einem locker erzählten Essay-Roman gleicht (sofern diese literarische Gattung überhaupt existiert), hat er sich jedoch eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten vorgenommen – ob diese Rechnung aufgeht?

Constantin Simonides wurde 1820 geboren – oder vielleicht doch 1824? Er starb vollkommen verarmt 1867 an der Lepra oder doch erst 1895? Der kühn gespannte Lebensbogen zwischen diesen ach, so wackeligen Lebensdaten, ist jedenfalls schwindelerregend. Er führt aus der Schattenwelt eines missbrauchten Kindes und Beinahe-Giftmörders, in die (nur vordergründig) stille Zurückgezogenheit des heiligen Berges Athos und von dort quer durch Europa und den Nahen Osten (wobei auch einige dieser Stationen zweifelhaft bleiben). Immer mit im Reisegepäck: Pergamente – alte, uralte und auf alt getrimmte. Der Grundstock einer gloriosen Fälscher-Karriere. Denn damals ging es einem auf die Antike geradezu versessenen Bildungsbürgertum weniger darum, die europäische Früh-Geschichte zu entdecken, als sie sie (nach eigenem Gusto) neu zu erschaffen. Archäologie zerstörte damals mehr, als sie rettete, Forschungsexpeditionen glichen Plünderungszügen und Fälscher jedweder Couleur hatten Hochkonjunktur. So einer wie Simonides, der die Sucht nach angeblichen Originalen einfühlsam bediente, kam da gerade recht (wenn er auch nicht immer billig war). Kurz und gut: Rüdiger Schaper setzt mit offensichtlichem Vergnügen die dubiosen Bruchstücke einer zweifelhaften Existenz zu einem unterhaltsamen Kaleidoskop europäischer Kulturgeschichte und Charakterkunde zusammen. Und wie bei einem Kaleidoskop zerfällt das Bild immer dann wieder in seine Einzelteile, wenn man es zu erkennen glaubt. Für diese leichtfüßige Biographie hat Schaper in Archiven tief gegraben und Simonides hat genügend hoch gestapelt, so dass die Gleichung mit den vielen Unbekannten am Ende tatsächlich aufgeht:

Hochgradiges Lesevergnügen wird abgerundet durch aktuelle Bezüge – nicht nur in puncto Griechenlandpolitik. Es gibt sie nämlich noch: die begnadeten Fälscher, die es bis in die Sammlungen renommierter Museen schaffen – oder in den Kulturteil der Zeitungen. Ein aktuelles Beispiel findet man unter folgendem Link:  http://www.zeit.de/2014/01/faelschung-zeichnungen-galileo-galilei-horst-bredekamp