Aufklärungsquote 120 % – Dona Holstein ermittelt über Länder- und Zeitgrenzen hinweg

holstein

Als ich das Buch aufschlug stolperte ich über eine ellenlange Liste mit Charakteren: Über drei Seiten „Personal“! Wofür das denn?! Das ist doch nur ein Krimi und kein russisches Familienepos der Jahrhundertwende.

„Nur“ ein Kriminalroman? Wohl wahr, aber ziemlich kunstvoll konstruiert und außerdem herrlich schräg und mit einem Feuerwerk ebenso charmanter wie bösartiger Details. Zur Beruhigung: ein Teil des Krimipersonals ist zu Beginn des Buches schon tot – und ein großer Prozentsatz der Akteure stirbt, während die Ermittlungen noch laufen. Und es ist eine wahre Freude wie die Autorin Erzählstränge bündelt und Charakterprofile mit hohem Wiedererkennungswert schärft, so dass beim Leser nur diese Art von Verwirrung entsteht, ohne die ein Krimi nun mal nicht spannend wäre. Allerdings sollte man mit dem Lesen „dranbleiben“ – wenn man eine längere Pause macht, tut man sich vermutlich schwer wieder in die Handlung hineinzufinden.

Worum geht es? Eine Erbengemeinschaft, die sich spinnefeind ist, beauftragt die Ermittlergruppe rund um Dona Holstein mit Nachforschungen zu drei mysteriösen Todesfällen, die eigentlich bereits aufgeklärt wurden. Eigentlich … aber jeder der potentiellen Erben aus Wales, Flandern und Deutschland schwebt selbst in akuter Lebensgefahr. Ausgenommen selbstverständlich der oder die Täter …

Wobei die Spuren bis tief in die Vergangenheit führen – um genau zu sein, bis zu einer Jahrhunderte zurückliegenden Sturmflut, und so spielen auch  längst begrabene Tote eine nicht unbedeutende Rolle bei der Jagd nach dem Familienschatz. Wie praktisch, dass Donas Team auch die Qualifikation Geisterjäger mitbringt. Neben einem echt britischen Butler, einer blinden Detektivin und einem ehemaligen Ringer gibt es weitere Spezialisten, so dass kein Geist und kein Mörder und erst recht kein mörderischer Geist eine Chance hat; auch die Quote von 120 % gelösten Fällen erscheint auf einmal plausibel. Wie diese statistisch eigentlich unmöglichen Prozente zustande kommen? Das ist ebenso unglaublich wie  die Unterstützung von Puschen, Omo, Muskelkater, Journey Lazy Mc Brain und weiteren vierfüßigen oder geflügelten Assistenten, die im Zweifelsfall jede Situation retten.

Im Stil britischer Kriminalkomödien erzählt Fenna Williams diese turbulente Geschichte im stets leicht amüsierten Plauderton, schwarzhumorig und mit einem Sarkasmus, der durch einen unschuldig-menschenfreundlichen Augenaufschlag nur oberflächlich entschärft wird.

Fazit: Ein gut gebauter Krimi mit vielen falschen Spuren und so vielen liebevoll beschriebenen details, dass das Lesen so viel Spaß macht und man gar nicht merkt, wie man wieder auf Abwege gelockt wurde. Wer einen stringent geplotteten Ermittlerkrimi mit viel Action und strategisch platzierten Cliffhängern erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Wer sich aber Zeit nimmt einfach nur witzige Sprache und skurrile Typen zu genießen, wer britischen Humor mag und es liebt, sich auf mäandernde Gedankenabwege mitnehmen zu lassen, ist gut bedient. Eins ist sicher: Langweilig ist dieses Buch keine Sekunde – und ist eine Situation noch so abstrus – Donas Team schafft mit vereinten Kräften einfach alles. Und falls es doch einmal ausweglos sein sollte, gibt es da immer noch diese Handtasche mit ihrem gut gehüteten Geheimnis. Aber das werde ich hier nicht verraten. Um keinen Preis. OK, ok, auch ich bin käuflich …. aber einer Dona möchte ich wirklich nicht in die Quere kommen. Deshalb schweige ich hier und jetzt und für immer (was die Handtasche angeht).

***

„Wer einmal stirbt, dem glaubt man nicht“

Fenna Williams

Taschenbuch: 464 Seiten

List Taschenbuch (2015)

 

 

Werbeanzeigen

Frauen, die nicht auf Bestsellerlisten stehen … schreiben Bücher, die in keine Schublade passen

Rezension von „VINDICTA“ und Plauderei mit der Autorin Isabella Bach

vindicta

 

Vor einiger Zeit landete auf meinem Rezensionsstapel ein Buch, das ich erstmal nicht aufschlug. Auf dem Cover eine halbentblößte junge „Sklavin“ mit Augenbinde und wohlgeformter Oberweite (übrigens wurde das Cover für die hier gezeigt Kindle-Ausgabe optisch „entschärft“).  „Deutschlands Antwort auf „Fifty Shades of Grey“ hieß es. Ach du meine Güte! Den Bestseller hatte ich nämlich damals gelangweilt zur Seite gelegt. War „VINDICTA“ auch so eine miese Mischung aus verlogener Romantik und Voyeurismus – als Krimi dann notgedrungen dekoriert mit den obligatorischen Körperflüssigkeiten?

Meine Erwartungen sollten angenehm enttäuscht werden.

Felicitas alias „Lady Caprice“ arbeitet in einem Sado-Maso-Studio und hat zwei jüngere Kolleginnen, von denen die eine ermordet und die andere hochverdächtig ist. Aber auch der attraktive „Dark Raven“ treibt als sadistischer „Dom“ seine manipulativen Spielchen. Felicitas hat eine grausame Vorgeschichte. Einziger Halt ist ihre Großmutter. Diese wiederum hat eine Liebesbeziehung mit dem ermittelnden Kommissar, der nicht nur aussieht wie Heinz Rühmann, sondern genauso schlitzohrig sympathisch rüberkommt.

Mit diesen Charakteren entfaltet sich ein solide und handwerklich gut gemachter Krimi. Es gibt viel Berliner Lokalkolorit, witzige und anrührende Dialoge, gut gemachte Rückblenden, falsche Verdächtige und klug geführte Spannungsbögen, die das Buch stellenweise zum echten Pageturner machen. Die Geschichte spielt in einem ungewöhnlichen Milieu und man lernt so ganz nebenbei viel über die Sado-Maso-Szene. Dabei gelingt der Autorin eine faszinierende Innenschau, die übertriebene voyeuristische Elemente gekonnt vermeidet und trotzdem den Kitzel des Verbotenen aufrechterhält.

Isabella Bach hat also alles richtig gemacht. Das Buch sollte auf dem Markt problemlos seine Leserschaft finden und Erfolg haben.

Hat es aber nicht.

Warum?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum Bespiel der gewählte Verlag. Wahrscheinlich greift der übliche Krimiliebhaber nicht gerade zu einem Buch aus dem „Marterpfahl-Verlag“. Dort findet sich äußerst erfolgreiche Sex-Literatur vor allem aus dem Themenbereich des BDSM, aber auch Ratgeber („Sex für Fortgeschrittene“) und Neuauflagen erotischer Klassiker. Zugegeben: Politisch korrekt und feministisch geht anders. Aber Schmuddelkram, pikant Ergötzliches und das Gefühl des Verbotenen garantierten schon immer gute Geschäfte – warum dann nicht auch für VINDICTA, ein Buch, das – oberflächlich betrachtet – prima ins Programm passt?

Ich habe mich mit der Autorin darüber unterhalten:

Isabella Bach antwortet nachdenklich: Ich sehe auch das Problem, dass der Verlag nicht ideal zur Zielgruppe meines Romans passt. Ich hatte mich seinerzeit mit VINDICTA bei unzähligen Literaturagenten und Verlagen beworben. Leider vergeblich … Und ich muss dem Marterpfahl-Verlag zugutehalten, dass dieses Buch, auch wenn es nicht perfekt ins Programm passt, sorgfältig und professionell gemacht wurde.

Ulrike Blatter: Es gibt ja durchaus Bücher, die das Thema Sado / Maso auf unterhaltsame Art und Weise behandeln. Warum hattest gerade du solche Probleme mit deinem Roman?

I.B.: Als ich mit dem Thema anfing, dachte ich auch, dass ich vom Hype der „Fifty Shades of Grey“ profitieren könnte. Aber da gibt es ziemliche Unterschiede: Insider haben nicht wirklich eine Distanz zu dem, was sie tun. Sie lieben es. Sie sind geil drauf. Das ist für mich okay, wenn es sie glücklich macht. Leute, außerhalb der Szene, die Bücher schreiben oder Filme machen, achten meist nur darauf, dass Szenen eingebaut werden, die bizarr und geheimnisvoll rüberkommen. Um Tiefe kümmert sich kaum einer.

U.B.: Heißt das, es darf nicht zu echt sein? Vielleicht weil es dann bedrohlich nahe heranrückt? Mir fällt da etwas ein. In einem Interview mit einem Bestsellerautor las ich einmal (sinngemäß) den folgenden Satz: „Wenn ein Roman „zu echt“ wird, spüre ich das sofort und lege das Buch zur Seite. Ich lese ausschließlich Fiktion.“

Hast du vielleicht „zu gut“ recherchiert? Eine Ex-Domina schreibt ja zu Deinem Buch: „Als Kennerin der Szene […] hat mich überrascht, wie genau die Autorin Isabella Bach die Gefühle und Gedanken einer Domina und Sklavin beschrieben hat.“

I.B.: Mal andersherum gefragt: Kann man zu gut recherchieren? Mir geht es um Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber ich habe ja keine Reportage geschrieben, sondern einen Krimi … Dafür habe S + M-Leuten interviewt, war in der Szene unterwegs, habe einen Stapel Insider-Literatur gelesen, mich auf Internet-Portalen informiert und mir aus der Distanz heraus eine eigene Meinung gebildet. Dadurch schaffte ich es mich immer besser, mich in meine Charaktere einzufühlen.

U.B.: Auch für mich war es spannend zu lesen, dass Masochismus unterschiedliche Facetten und Spielarten hat und wie Felicitas zur Domina wurde. Die junge Protagonistin mit ihrer Brutalität und gleichzeitig in ihrer Verletzlichkeit fand ich faszinierend.

I.B.: Es war mir wichtig zu zeigen, dass die Motive meiner Figuren sich aus ihrer Biografie heraus erklären. Warum quält jemand? Warum lässt sich jemand (für viel Geld) quälen?

U.B.: Ich finde, das ist dir gelungen. Das Buch ist ziemlich spannend geworden. Aber da ist ja noch etwas – noch so ein Tabu …. Sag mal ernsthaft: Hat dich der Teufel geritten?!

I.B. (grinst entwaffnend): Das meinst du jetzt wortwörtlich, nicht wahr? Meinst du wirklich, die Kritik an der katholischen Kirche ist ein Killer-Kriterium für dieses Buch?

U.B.: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nach Missbrauchsskandalen und einer Welle von Kirchenaustritten ist es ja nichts wirklich Neues, was du beschreibst – ich gehe jetzt nicht ins Detail, da ich nicht spoilern will …

I.B.: Eins kann man vielleicht doch sagen: Ich versuche die Parallelen zwischen Katholizismus und Sado/Maso herauszuarbeiten. Diese ganzen Verstrickungen von angeblicher Schuld und Sühneritualen, die einen Menschen klein machen und in Abhängigkeit halten. Deshalb war Felicitas als junge Frau auch Nonne.

U.B.: Ich fasse zusammen: „VINDICTA“ ist ein spannender, gut gemachter Krimi, der Einblicke in eine ungewöhnliche Szene gewährt – aber leider ist das Buch nur sichtbar für die „falsche“ Zielgruppe. Vielleicht können wir das ja mit diesem Interview ändern?

I.B.: Ich würde mich freuen. Das würde mir Mut machen, auch weiter über Tabuthemen unserer Gesellschaft zu schreiben.

U.B.: …. und ich dachte immer, in unserer Gesellschaft gibt es keine Tabus mehr …

I.B.: Unsere Gesellschaft erinnert mich eher an ein scheinbar intaktes Haus: Frisch gestrichene Fassade, aber die Mauern bröckeln.Und die Bewohner weigern sich, darüber zu reden.

***

VINDICTA – Strafe muss sein; Taschenbuch: 210 Seiten; erschienen 2015 im Marterpfahl Verlag; Homepage der Autorin: www.isabella-bach.de

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

DSC_9730