coole Zeitreisen ;-)

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Zur Abwechslung mal ein Indie-Buch, das mir ausgesprochen gut gefallen hat – ich dachte: Da habe ich ja eine Art Seelnverwandten getroffen 😉 Es ist ja eigentlich nicht sehr höflich zuerst von sich selbst zu erzählen, aber diesmal sei es gestattet: Zum Einstieg in diese Rezension muss ich nämlich erzählen, was mich zur Künstlerin machte. Ich erinnere mich genau: mit etwa vier (!) Jahren betrachtete ich im Museum ein Bild von Chagall. Blau in Blau, am oberen Bildrand kopfüber ein gelber Ziegenbock, man kennt das. Als Kind stellte ich fest: „Das geht doch nicht – eine gelbe Ziege, die vom Himmel oben runterhängt.“ – „Doch das geht“, belehrte mich mein Vater. „Künstler dürfen alles.“ – Dieser Satz ist mir geblieben und kam mir wieder in den Sinn als ich „SPONK“ las, die Geschichte des zeitreisenden Autisten Jonas. Die Figur eines norddeutschen Autisten mit trockener, hanseatisch schnörkelloser, kühl distanzierter Ausdrucksweise schafft zugegebenermaßen zuerst eine innere Distanz des Lesers zum Protagonisten, aber dies ‚Kühle‘ ist unbedingt notwendig als (literarischer) Gegenpol zu der total irren Sturzfahrt durch Zeit, Raum und abendländische Philosophie, auf die uns der Autor hier mitnimmt. Kunstvoll führt er uns durch verschiedene Ebenen, Begegnungen mit längst Verstorbenen inklusive, beantwortet die alte Frage danach, ob man die Vergangenheit mit dem Wissen um die Zukunft verbessern könnte und erschafft zahlreiche Parallel-Universen. Dem Leser wirbelt dann vielleicht der Kopf, aber erstaunlicherweise verliert er nie den Überblick. Hanseatisch cool eben – und Jonas rückt mit jedem Kapitel näher, wird einfühlbarer und zu dem Jungen, der er sein könnte. Als Autist hat er natürlich einen breiten Überblick über Philosophie, Literatur und auch die Ikonographie des Rock ‘n Roll – hier hätte ich mir manchmal etwas weniger Zitat und etwas mehr konkretes Erleben im Beispiel gewünscht, aber – geschenkt! Dieses Buch ist ein Gesamtkunstwerk und ich wünsche ihm viele Leser. Genauso wie Jonas sagt: Er denkt literal, nicht lateral.

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Starke Kinder sagen ‚Nein‘ zum Missbrauch und ‚Ja!‘ zum Leben

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Das liebevoll illustrierte Kinderbuch „Pfoten weg“ von Irmi Wette wurde nach dem gleichnamigen Puppenspiel der Konstanzer Puppenbühne konzipiert.  Es ist Teil eines Präventionsprojektes zur Stärkung der Persönlichkeit von Kindern. Das klingt nicht nur toll, sondern das ist auch toll. Aber reichlich theoretisch für die lieben Kleinen. Deswegen sollen den ausführlichen Teil, in dem renommierte Fachpersonen zu Wort kommen,  dann doch lieber die Erwachsenen lesen 😉

Denn wir stürzen uns mitten ins Getümmel und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn die Wildsauen wie die Schweine mit ihrem kanllroten Motorrad durch die Gegend brausen, dann bekommen die drei kleinen Katzenkinder vor lauter Staunen kugelrunde Augen. Sie spielen unbeschwert und fröhlich – aber auf einmal droht Verwandtenbesuch. Und hier ist der Name Programm: Onkel Burschi und Tante Herzi  sind so ziemlich das Unangenehmste, was einem Kind widerfahren kann: kussfreudig wie Glitschfrösche und grapschig wie die Oktopusse, kein Wunder kriegen die kleinen Katzen Bauchweh.

Glücklicherweise haben sie Freunde, die ihnen zeigen, wie Selbstbehauptung auch ganz praktisch geht und als dann schließlich in Person einer weiß-rosa Katzenfee auch noch magische Verstärkung bei Nein-Sagen anrückt, ist klar, dass das Ganze gut ausgehen wird.

In weiteren Kapiteln wird dan n dieses Sich Wehren , das zuerst einmal ein Sich-Spüren voraussetzt, kindgerecht und durchaus witzig gezeigt und eingeübt.

Und zum Schluss singen alle gemeinsam das „Pfoten-weg“-Lied.

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Missbrauch ist ein heikles Thema. Es umfasst eine große Spannweite, beginnt oft scheinbar harmlos und führt zu schweren Übergriffen. Die Verfasserin dieser Rezension hat jahrelang mit Missbrauchsopfern therapeutisch gearbeitet und weiß sehr wohl ein ‚Lied davon zu singen‘, dass am Anfang einer Missbrauchssituation nicht der Griff unter die Gürtellinie steht, sondern die Verzerrung der Wahrnehmung beim Opfer. Was ist richtig, was ist falsch? Darf der/die das, weil er/sie erwachsen ist? Was ist ein gutes, was ein schlechtes Geheimnis? Wem gehört mein Körper? Kann ich meinem Bauchgefühl trauen?

Und genau diese ver-rückte Selbstwahrnehmung nehmen die missbrauchten Kinder mit ins Erwachsenenleben. Sie bleiben, auch wenn die körperlichen Wunden schon längst geheilt sind. Deshalb schreibt Prof. Dipl. Psychologe A. Gallwitz, Dozent an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen im Nachwort dieses Buches: „Als Vater und Polizeipsychologe finde ich es wichtig, dass ihr komische Bauchgefühle ernst nehmt. Sie schützen euch vor Gefahren.“

Und wenn das Buch (bzw. das tolle Puppenspiel) es schafft, nur diese eine Botschaft bei den Kindern zu verankern, ist schon viel erreicht und kann viel Leid verhindert werden.

Kein Wunder, hat das Buch einen Kooperationspartner beim weißen Ring gefunden.

Es bleibt zu wünschen, dass es auch einen Kooperationspartner bei einem Publikumsverlag und damit eine größere Verbreitung findet. Es hätte es verdient. Und die Kinder auch.

Buch, eine begleitende DVD oder ein Hörspiel köönen Sie direkt bei der Konstanzer Puppenbühne bestellen – hier klicken!

Schmökern vom Feinsten und nicht nur für die Kleinsten

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In unserem Freundeskreis hat die Grippe zugeschlagen und als Geschenk für eine fiebernde kleine Leseratte kam mir dieses Buch gerade recht. Das Kind musste sich allerdings etwas gedulden, denn ich hatte mich ratzfatz festgelesen. Rund um den 13-jährigen Kaspar  entwickelt sich ein Mittelalter-Krimi, nachdem der Junge bei einem Zaubertrick ein kostbares Schmuckstück so gründlich verschwinden lässt, dass es unauffindbar bleibt. Die nun einsetzende Jagd auf den Übeltäter führt ihn quer durch die Stadt und er begegnet vom Gesetzlosen über den Bänkelsänger bis zu gekrönten Häuptern den unterschiedlichsten Figuren. Das glückliche Ende ist vorgezeichnet – es handelt sich ja um ein Kinderbuch – allerdings sind einige happige Szenen darunter, z.B. als der Kaspar auf seiner Flucht auf dem Galgenbuck landet …  Lebendige Charaktere, glaubwürdige Dialoge und eine hervorragend recherchierte Geschichte – dies alles macht ein tolles Kinderbuch aus. Was dieses Werk aber zu einer kleinen Kostbarkeit macht, sind die außergewöhnlichen Illustrationen von Ralf Staiger, die den Text lebendig machen und die Szenen fast schon filmreif. Geschichte zum Anfassen im besten Wortsinn und ich stehe mitten im modernen Konstanz, schließe meine Augen, und auf einmal entsteht um mich herum eine ganz andere, versunkene Welt. Magisch! Ich habe das Buch weiterverschenkt aber mir selber noch ein zweites Exemplar zugelegt, das ich nicht mehr hergeben werde!

 

Hier sind nur die Hauptdarsteller flüchtig …

 

 

 

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Ja klar geht es hier um Flucht, aber flüchtig hat Michaela Karl hier wahrhaftig nicht gearbeitet – im Gegenteil!

Man kann dieses Buch über Bonnie und Clyde aus unterschiedlichen Perspektiven lesen. Mein persönliches Hintergrundwissen beschränkte sich auf den Kult-Film. Beim Lesen des hervorragend recherchierten Buches von Michalea Karl beschlichen mich dann Beklemmungen einer Mutter mit heranwachsenden Kindern, die hilflos mit ansehen muss, wie es aus dem Rutschen auf der berüchtigten schiefen Bahn eine Schussfahrt wird. Michaela Karl gelingt es jeodoch die individuelle Tragödie zweier lebenshungriger junger Menschen vor dem Hintergrund der amerikanischen Depression historisch einzuordnen, und auf einmal kippt das Bild: Eine Auswahl der Kapitelüberschriften „Warum passiert hier eigentlich nie was?“ – „Ich bin der Beste“ „Wir beide gegen den Rest der Welt“ und „Früchte des Zorns“ – spiegelt die Ruhelosigkeit junger, hungriger unterprivilegierter Menschen, die mehr wollen, als geduldig abzuwarten, bis ihnen das Leben einen Platz in der Schlange vor der Suppenküche beschert; all dies scheint angesichts der jungen Flüchtlinge auf einmal noch besser nachvollziehbar. Genauso wie das Foto von ‚Hooverville‘ im New Yorker Central Park auf einmal deckungsgleich mit dem Camp voor dem LAGESO in Berlin erscheint. Chancenlosigkeit und Größenwahn, modischer Chic und Naivität, ja eine seltsame Form von Weltfremdheit bei schlechter Bildung gehen eine unheilvolle Allianz ein, die in einer tödlichen Verfolgungsjagd gipfelt. All dies könnte auch heute wieder passieren und bei der sattsam bekannten Schießwütigkeit der US-amerikanischen Polizei auch genauso blutig enden … Michaela Karl recherchiert nicht nur gut, sie schreibt auch flott und ich habe mir vorgenommen das Buch ein zweites Mal mit ebensolchem Genuss (und den unvermeidlichen Beklemmungen) zu lesen.

ein Jugendbuch nicht nur für Jugendliche

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Ein Jugendlicher aus behüteten Verhältnissen, auf der Rasiermesserkante zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Keine Möglichkeit mit Frustrationen umzugehen, übersteigerte Erwartungen, Enttäuschung … Gründe gäbe es viele für die Tat, die Sebastian begeht – aber die Gründe entschuldigen nichts. Es bleibt die Frage, an welcher Stelle es noch möglich gewesen wäre, den Ablauf zu ändern. Diese Frage muss jeder Leser selbst beantworten und das ist nicht einfach.
Ein Jugendroman? Ja – aber es sollten ihn auch viele Erwachsene lesen, die mit Jugendlichen zu tun haben. Wie immer hat Petra Ivanov glänzend recherchiert und ‚von innen heraus‘ geschrieben. Sie trifft immer den Ton ohne sich anzubiedern.  Fazit: lesenswert – auch ein zweites Mal!