Geschichte zum Anfassen – Geschichte die ‚anfasst‘ …

„Der Fall Struensee“

Historischer Roman von Rita Hausen

Roman-Verlag, 2013

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Rita Hausens Roman „Der Fall Struensee“ widmet sich einem hierzulande wenig bekannten Kapitel europäischer Geschichte: Aufstieg und Fall des Arztes Friedrich Struensee im Dänemark des 18. Jahrhunderts. Ich las das Buch, nach meiner ersten Dänemark-Reise, ohne allzu viel historisches Hintergrundwisssen und war sofort gefesselt. Die Story rund um Palastintrigen, einen schwachen König und einen visionären Vordenker bietet viel Spannung – auch wenn schon auf dem Cover das tragische Ende vorweggenommen wird: ein hochgewachsener, elegant gekleideter Mann sitzt am rechten Bildrand. Die Beine sind lässig über einander geschlagen, lediglich die ineinander verkrampften Hände lassen auf seine innere Anspannung schließen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die eisernen Hand- und Fußketten. Der melancholische Blick geht nach rechts, am Betrachter vorbei und wendet sich ab von der Darstellung einer grauenhaften Hinrichtungsszene – der eigenen: Vor düsterem, blutroten Himmel werden einem Mann zuerst die rechte Hand abgehackt, danach wird er enthauptet.
Rita Hausen lässt den Roman im November 1771 beginnen, als sich die Schlinge von Intrigen und Verleumdungen bereits immer enger zieht. In Rückblenden verfolgt sie danach den Werdegang Struensees, der zuerst mit fortschrittlichen Methoden als Arzt Aufsehen erregt und dann zum Berater des seelisch instabilen Königs Christian aufsteigt. Als nimmermüder Weltverbesserer initiiert er aus dieser Position heraus zahlreiche aufklärerische politische Reformen (Abschaffung der Folter, Verbot des Sklavenhandels, Pressefreiheit, Schulreform, Konsolidierung der Staatsfinanzen u.a.). Vom begnadeten Arzt wurde er zum Politiker. Nun heilte er nicht mehr einzelne Menschen, sondern machte sich daran, den Volkskörper zu kurieren. Gut gemeint, aber leider sollte ihn das Kopf und Kragen kosten. Seine größten Fehler dabei: Übereifer – das Volk verstand ihn nicht und alles ging viel zu schnell. So, als ahnte Struensee, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde. (Er wurde kaum 35 Jahre alt). Denn, wie nicht anders zu erwarten, spielten die Eliten, die sich in den bestehenden Verhältnissen gut eingerichtet hatten, nicht mehr mit. Zu Fall brachte ihn dann schließlich sein Liebesverhältnis mit der Königin.
So weit, so gut. Das ist alles lange her und Stoff für Geschichtsbücher. Wirklich?
Ich fand jedenfalls Textstellen von geradezu beklemmender Aktualität. Zum Beispiel zum Thema Facebook und Shitstorm: „Die Pressefreiheit wird nicht aufgehoben. Aber niemand sollte mehr seine Giftpfeile anonym abschießen dürfen. Jeder sollte mit seinem Namen zu dem stehen, was er veröffentlicht. Es ging darum, den Missbrauch der Pressefreiheit einzudämmen und den Kern zu bewahren.“
In Zeiten, in denen Blogger wegen freier Meinungsäußerung nicht nur mundtot gemacht werden, sondern ganz real zum Tode verurteilt werden (siehe unter vielen anderen auch „Der Fall Badawi“), stimmt so etwas nachdenklich.
Und finden nicht auch solche Szenen nicht wieder tagtäglich statt? Zitat: „Der Henker hob ein riesiges Beil und ließ es auf das Handgelenk Struensees niedersausen […] Die Henkerknechte pressten ihn mit Gewalt auf den Block zurück. Dann traf das Beil seinen Nacken und die Welt erlosch. . […] [Die gaffende Menge] schwieg merkwürdigerweise dazu. Kein Gejohle, kein Geschrei. […] Die Henkersknechte [… setzten] Köpfe und Hände auf Stangen […].
Aber jeder, der Dänemark kennt, weiß, dass die Geschichte glücklicherweise weiterging: Eine Generation später verwirklichte König Friedrich VI. fast alle von Struensee angestoßenen Reformen. Ohne Blutvergießen und Revolution wurde Dänemark zu dem modernen Staat, den wir heute oft als Vorreiter in gesellschaftspolitischen Themen empfinden. Und, ganz nebenbei bemerkt: Die Monarchie gibt es dort immer noch – und Königin Margarethe ist beim Volk so beliebt, dass niemand ernsthaft über die Abschaffung der Monarchie diskutiert.

Kleine Genre-Anmerkung zum Schluss: ich würde dieses interessante und lesenswerte Buch eher als Biographie einordnen, denn als Roman. Die sauber recherchierten Fakten sind schon für sich genommen spannend genug. Die dazwischen eingestreuten ‚Spielszenen‘ geben dem ganzen Farbe und einen emotionalen Bezug. Mich erinnert dieses Buch an eine gut gemachte TV-Dokumentation. Vielleicht taugt es sogar als Drehbuchvorlage? Diese Sendung würde ich jedenfalls gern sehen.

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Vom Einerseits zum Andererseits …

Rezension von „ich bin Loris“ – Kindern Autismus erklären
von B. Tschirren, P. Hächler, M. Manbourg
Erschienen in der Reihe Kids in Balance (BALANCE buch+medien verlag)

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Loris ist dreitausendzweihundertundsiebenundneunzig Tage alt. Und wenn ihm jemand sagt „Wir sehen uns so gegen zwei Uhr“, kann er damit nichts anfangen. Genauso wenig wie mit dem Ausdruck „Die sieht ja aus wie drei Tage Regenwetter“ – scheint denn draußen nicht die Sonne? Loris lebt meist in seiner eigenen Welt: Er sammelt Uhren und sein Tagesablauf duldet keine Abweichungen, selbst das Essen muss immer gleich sein, sonst wird Loris kribbelig.
Vom Aussehen her unterscheidet Loris nichts von seinen Altersgenossen, aber dennoch ist er spürbar anders … einerseits.
Andererseits: Loris besucht die Regelschule. Manchmal ist der Unterricht für ihn anstrengend und schwer durchschaubar; vor allem bei Gruppenarbeiten oder wenn es laut und wuselig wird. Aber er hat einen Freund mit dem er Angeln geht, und der keine unnötigen Worte macht.
Einerseits: Texte schreiben ist nicht Loris‘ Stärke – er versteht oft die Aufgabenstellung nicht. Andererseits bringt er im Matheunterricht gute Leistungen, weil er da in Ruhe Aufgaben lösen kann, die ein eindeutiges Ergebnis haben.
Die Autorinnen stellen uns in diesem Buch ein Kind vor, das zwar typische Einschränkungen des Autismus-Spektrums hat, aber in keiner Weise dem gängigen Klischee des ‚sozial verwahrlosten Asperger-Genies‘ entspricht. Umfasst doch der heutige Begriff des ‚Autismus-Spektrums‘ auch viele Eigenschaften, die vor einigen Jahren noch nicht eindeutig zuzuordnen waren, wird begreiflich, dass sich immer häufiger Kinder wie Loris auch in Regelklassen finden werden. Und dann besteht Gesprächsbedarf. Hier setzt dieses Buch an. Man merkt, dass die Autorinnen ein fundiertes Fachwissen zum Thema Autismus haben und auch praktisch mit betroffenen Familien arbeiten. So fließen viele konkrete Anregungen in die Handlung des Buches ein, die durch das gut gemachte Begleitmaterial (Downloadlink unten) noch ergänzt werden. Ich habe dieses Buch mit einem 16-Jährigen, der an Autismus leidet (ähnlich wie Loris) besprochen und er war sehr angetan davon, wie präzise die typischen Probleme eingefangen sind, die seinen Alltag prägen. Auch dieser Jugendliche hat deutliche Einschränkungen – einerseits … aber da ist auch das andererseits, das man nicht übersehen darf.
In der Geschichte wird deutlich, dass Loris in einzelnen Feldern Unterstützung braucht: er ist nicht flexibel und kann seine Arbeitsabläufe gut planen, es fällt ihm schwer, die Mimik anderer Menschen zu ‚lesen‘ und anderes. Andererseits ist er anderen auch überlegen: er hat zum Beispiel eine überragende Beobachtungsgabe. Wie diese Eigenschaft ihm ganz entscheidend weiterhilft, soll hier nicht verraten werden, aber spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage: was ist normal? Und haben wir nicht alle Stärken und Schwächen?
In diesem Zusammenhang auch spannend: wie aus Albert eine Albertine wird (aber jetzt habe ich schon fast zu viel gesagt …)
Am Ende der Geschichte haben alle etwas dazugelernt – auch Loris, den es zum Schluss gar nicht so sehr stört, dass ‚dieser Tag nicht genau gleich ist, wie jeder andere.‘
Lediglich einen Kritikpunkt habe ich – den ich jedoch diesem hervorragend gemachtem Buch nicht anlasten will, sondern der in die öffentliche Diskussion des Themas schulische Integration gehört: mit keinem Wort wird erwähnt, dass es nicht ausreicht, wenn ein Kind wie Loris lediglich durch Eltern und einen gut motivierten Lehrer gefördert wird. Da braucht es mehr, viel mehr! Sonderpädagogen, angepasste Lehrpläne und Räumlichkeiten – also kurz gesagt: Geld – denn eine gute schulische Integration bekommt man nicht gratis. Umsonst ist sie aber auch nicht!
Downloadmaterial zum Buch
http://www.psychiatrie-verlag.de/fileadmin/storage/files/pv_book/153_Downloadmaterial.pdf

„Halb zog sie ihn, halb sank er hin …“ – Chris Inken Soppas Roman: Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein

Auch Chris I. Soppas dritter Roman spielt am Bodensee. Um genau zu sein: die Stelle, an der der noch junge Rhein den See verlässt, der sogenannte ‚Seerhein‘ spielt eine wichtige Rolle. Aus dem Klappentext: Nikola „Niks“ Berger ist eine alleinstehende agile ältere Frau, die das ganze Jahr über im Seerhein schwimmen geht. Eines Tages nimmt sie den 21-jährigen Hektor als Untermieter bei sich auf. Was Niks nicht erwartet: Sie verliebt sich in ihn.

kalypso

In der antiken Mythologie ist Kalypso eine Meernymphe, die Odysseus sieben Jahre lang festhält und ihm ewige Jugend verspricht, wenn er bei ihr bleibt. In Chris Inkens Roman befinden wir uns nicht an der Ägäis, sondern am winterlichen Bodensee und die alternde Niks übernimmt die Rolle der Kalypso. Eigentlich heißt sie Nikola, aber nicht umsonst klingt ihr Rufname wie ‚Nix‘ … Oft genug drohte in ihrem Leben das ‚Nichts‘ und sie bewegt sich zu allen Jahreszeiten im Wasser des Seerheins wie eine Nixe. Und nasskalt, oder sollte man sagen ‚nassforsch‘ nähert sie sich einem jungen ‚Trojaner‘. Nein, es ist nicht Odysseus, sondern Hektor, und nein, er ist auch kein besonderer Held, sondern eher ein Muttersöhnchen, mit trotzig verstrubbeltem Goldhaar, das mit dem kalkulierten Aufstand droht. Natürlich verfällt er der Nixe – oder etwa dem Nichts? „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“ … gerade so erotisch, dass es schön ist, und so komisch, dass es nicht weh tut (zumindest lässt es sich aushalten). Jedenfalls geht die Sache nicht ohne heftigen Schnupfen ab und man(n) kann das, was passiert, für eine Fieberphantasie halten: „Fever all through the night“ oder für eine mehr oder minder gelungene Verleugnung der eigenen Sterblichkeit. Fest steht jedenfalls: Die Nixe Niks hat nicht verlernt, was sie schon immer am intensivsten ans Leben gebunden hat, wofür sie Freundschaften riskierte und Herzen brach. Und ebenso traumwandlerisch streift sie das Kleid des Alters ab ‚wie einen alten Fetzen‘ und schwimmt, trotz verdicktem Herzmuskels in den kalten Fluten – bricht ihr Herz oder bricht es nicht? Sie streift durch das winterliche Konstanz und beobachtet das bieder-bunte Völkchen der Möchtegern-mediterran-mittelalterlichen Stadt am Bodensee (Köstlich: die Ökos mit Stockbrot!). Nimmt Anteil, teilt sich aber nicht – bleibt ganz und gar sie selbst und auch die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit stört uns da nicht weiter, den es wird weitergehen, immer weiter … Nixen und Nymphen sind unsterblich, mögen auch die Helden ihrer Wege ziehen. In der antiken Mythologie wissen wir wie die Geschichte ausgeht: Odysseus verzichtet auf ewige Jugend und macht sich auf zu seinem angetrauten Eheweib. Aber es dauert lange, bis er wieder im Hafen der Ehe landet. Eins steht jedenfalls fest: Wehe Hektors Ehe, falls er falls er auf die Idee käme Niks zur Trauzeugin zu erwählen!  – Eine schöne Sprache, präzise Beobachtungen und ein leiser Humor machen das Buch zu einer tollen Lektüre – ich habe es im Hochsommer gelesen und fand es sehr erfrischend 😉