Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken: Die schrägen Typen der Journaille (von Honoré de Balzac) – ein Gastbeitrag von Sabine Ibing

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(Herausgegeben und aus dem Französischen von Rudolf von Bitter) 1843 hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac in seinem Werk »Monographie de la presse parisienne« seine Geringschätzung gegenüber Journalisten zu Papier gebracht. Nach circa 150 Jahren ist dieses Werk immer noch aktuell. Man kann es nicht glauben, bisher ist dieses Buch nicht auf Deutsch erschienen! Vielen Dank, Rudolf von Bitter, für diese Übersetzung. »Die Presse, wie die Frau, ist wunderbar und erhaben, wenn sie eine Lüge vorbringt. Sie lässt nicht locker, bis Sie ihr glauben, und sie verwendet die größten Talente auf diesen Kampf, in dem das Publikum, so dämlich wie ein Ehegatte, immer unterlegen ist. Wenn es die Presse nicht gäbe, dürfte man sie nicht erfinden.« Balzac unterteilt die »Schmierfinken« in Publizisten und Kritiker, Gattungen mit Untergattungen wie bei Brehms Tierleben. Feuilletonisten bezeichnet er als »fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender«. Es gibt »Pamphletisten, Lobhudler, Schönschreiber, Nihilogen, das Faktotum, Zeilenangler, den Mann fürs Grobe und was sonst noch alles in Redaktionen kreucht und fleucht.« Die »Quarkschläger« gehören zu der Gattung der Journalisten, die Art Artikel schreiben, die die Masse der Leser konsumieren möchte, es sind opportunistische Karriere- Journalisten. Schon damals werden Buch-Piraten benannt, die sich Raubdrucker nannten. »Für den Journalisten ist alles Wahrscheinliche wahr.« Voller Polemik und Satire zieht Balzac über die Presse her, in Wut über die schlechten Rezensionen seiner Bücher. Balzac selbst hatte als Journalist begonnen, sich dann für die Schriftstellerei entschieden, wurde von den Kollegen in den Dreck gezogen. Er behauptet, im Gegensatz zum Schriftsteller bedienen sich Journalisten an vorgefertigten Sätzen. In den Redaktionen befinden sich Menschen »mit grüner, gelber oder roter Brille, die dereinst mit ihrer Brille auf der Nase sterben werden und die man einem bestimmten Blatt zuordnet.« Und die ernsthafte Recherche kann nicht bezahlt werden, drum gilt: »Erst daufhauen, dann klären.« Er kennt sich aus in Zeitungen, beschreibt den Wettbewerb der Marktanteile, politischen Einfluss und den Einfluss der Werbeschaltung. Eine gehaltvolle Fürsprache zum Urheberrecht, wird Jahre später vom Gericht zur Urteilsfindung und gültigen Rechtsprechung herangezogen, ist noch heute brandaktuell. Voll Temperament peitscht Balzac respektlos auf die ehemaligen Kollegen ein, polemisch, ja, aber mit viel Tiefe und Sachverstand. Schmierenpresse, Fake-News, Lügenpresse, Presse zur Meinungsmache zu nutzen, politische Zwecke, gockelhafte Chefredakteure, allzu viel hat sich seit damals nicht geändert. Balzac bedauert, dass die ehrlichen, kritischen Journalisten weder von der Presse noch vom Volk geliebt werden. »Das Blatt mit den meisten Abonnenten ist also das, das der Masse am ähnlichen ist.« Ich finde, dieses Buch darf in keinem Bücherschrank fehlen. »Der junge blonde Kritiker – Drei Arten: 1. Der Leugner, 2. Der Spaßvogel, 3. Der Lobhudler« Nun frage ich, wer bin ich? Zum Glück bin ich nicht blond.

 

Noch mehr Rezensionen? Hier geht’s zum Autorenblog von Sabine Ibing. Viel Spaß!

 

Gebrauchsanweisung zum guten Leben in Diktaturen

„SENECA“  eine rororo Monographie von Marion Giebel

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Eigentlich wollte ich nur etwas über dieses wirklich lesenswerte Buch schreiben, aber irgendwie kam mir ständig die Wirklichkeit dazwischen …

Das kennt Ihr doch auch: Pünktlich zu Ostern gibt es immer Historienschinken und Kostümfilme in denen muskulöse Männer in kurzen Röcken zu dramatisch dräuender Hintergrundmusik Blutiges verrichten.

Auch wenn diese Hollywood-Schinken selten den Ansprüchen historisch kritischer Geschichtsschreibung standhalten: die Intrigenspiele der römischen Herrscherkaste garantieren auch heute noch einen hohen Unterhaltungswert … erst recht, wenn man sie aus der Distanz betrachtet. Mehr als zweitausend Jahre scheinen ein ziemlich komfortabler Sicherheitsabstand zu sein.

Spaßeshalber nehme ich mir mal den verzwickten Stammbaum vor, der im Anhang abgedruckt ist, und dessen Früchte (Früchtchen?!) zumeist Julia oder Claudius heißen. Der Name Agrippina fällt mir ins Auge; als Kölnerin weiß ich, dass diese Dame als Gründerin meiner Heimatstadt gilt. Aber sie war auch die Mutter Neros, und genau hier wird es spannend, denn der war wirklich ein Früchtchen, um es mal salopp auszudrücken.

Schwer erziehbar, verwöhnt und als Siebzehnjähriger viel zu jung auf dem Herrscherthron gelandet, war dieser hoffnungsvolle Spross einer ebenso machtversessenen wie degenerierten Dynastie eine wandelnde politische Zeitbombe. Das erkannte sogar die liebende, bzw. karrierebewusste Mutter und stellte dem jungen Kaiser einen Coach zur Seite: Seneca, den berühmten Philosophen und Vertreter der Stoa, einer ursprünglich aus Griechenland stammenden Philosophieschule.

Im vorliegenden Bändchen (überraschend gehaltvoll, da mit fast schon altmodisch anmutendem kleinem Druckspiegel) wird das Leben des Seneca geschildert. Berühmt wurde er durch seine (verlorengegangenen) Reden aber er war ein echtes Multitalent: schrieb Tragödien, entwickelte die die Philosophie der Stoa weiter und bekleidete hohe Ämter. So wurde er zu einer Figur, die über Jahrtausende hinweg, die Menschen immer noch fasziniert, und auch heute noch stehen seine Werke über das „gute Leben“ in den Top-Listen des Buchhandels.

Marion Giebel folgt dem Auf und Nieder des Lebenslaufes Senecas – krank von Kindheit an (man vermutet Asthma) setzte er sich schon früh mit dem Gedanken der Todesnähe auseinander und sah die Erstickungsanfälle als eine Art mentales Training, um sich der Todesangst zu entledigen. Sein politisches Schicksal war wechselhaft: er war ein echter VIP, neigte jedoch zum privaten Rückzug. Unter Caligula wurde er verfolgt, unter Claudius verbannt und sein prominentester Schüler – Nero – zwang ihn schließlich zum Selbstmord.

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Die Lehre der Stoa bietet viele bedenkenswerte Ansätze und wirkt in ihrem humanitären Kosmopolitismus überraschend modern: In allen Menschen lebe der göttliche Funke – auch in Sklaven. Alle Menschen seien Bürger einer Welt. Die Theorie, dass alles mit allem zu einem harmonischem Ganzen verbunden sei, wirkte wahrscheinlich schon im antiken Rom genauso utopisch wie heutzutage, aber ein schöner philosophischer Gedanke ist es allemal. Seneca erkannte jedoch, dass sich die Philosophie als „Schule des Lebens“, als konkrete Lebenshilfe, bewähren muss, um ihren eigentlichen Sinn außerhalb des ‚Elfenbeinturms‘ zu erfüllen.  „Nicht zum Disputieren, sondern zum Leben werden wir erzogen.“

Mit Emphase vertritt er die Kunst der Mäßigung: Der Weise, der sein Leben nach den Regeln der Philosophie ausrichtet lebt mit der Gewissheit, dass alle sogenannten Güter „indifferentia“ sind, Dinge, auf die es nicht ankomme. Die einzig wichtigen Werte, die Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Klugheit können nicht geraubt werden … sagt einer der reichen Männer Roms (sein Reichtum wurde dem Seneca später oft vorgeworfen, nach dem Motto „Wasser predigen aber Wein trinken“). Voller Einsicht und ergänzt er dann auch folgerichtig, dass die Beherrschung der Affekte und die Askese lebenslange Übungen seien, die in der Kunst des richtigen Sterbens gipfelten.

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Vielleicht klingt das für viele heutzutage verstaubt und abgehoben. Aber immer wieder kommt die Sprache Seneca so erstaunlich frisch und unverbraucht daher, dass es ein Genuss ist, dieses Buch zu lesen (und natürlich seine Werke) . Fast meint man, dass er sie alle kannte: die Diktatoren und düsteren Gestalten der Vergangenheit genauso, wie die aktuell angesagten Populisten und GröFazze.

Und so wird Senecas Erziehungsversuch des aufstrebenden Nero zu einem Lehrstück über den Umgang mit Gewaltherrschern und größenwahnsinnigen Narzissten. Seinem philosophischen Rat geht eine schonungslose Analyse voraus. Seneca durchschaute seinen Herrn und Schüler – und versuchte ihn zuerst an der „langen Leine“ zu führen und sittliches Wohlverhalten positiv zu verstärken.  Seine Idee: wenn der Herrscher nur erkenne, dass auch er sterblich sei und sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetze, führe dies automatisch zu Milde und Gerechtigkeit im Denken und Handeln.

Geholfen hat dieses wunderbare Konzept leider nicht, wie wir heute wissen.

Als Seneca die Gefahr erkannte, zog er sich aus dem politischen Leben zurück und schrieb sein Werk über die „Muße“. Er kannte seine Grenzen und scheute das sinnlose Opfer. Man kann es Kapitulation nennen, aber für Seneca war diese innere Emigration eine schaffensreiche Zeit, von der er nur zu genau wusste, wie begrenzt sie war.  Kann man einen Tyrannen „aussitzen“? Er schreibt dazu: Ein solcher Herrscher hat bald viel Feindschaft, Hass, Gift und Schwert auf seinen Fersen. So viele, wie er bedroht, werden zur Bedrohung für ihn selbst. So wird er bisweilen durch Anschläge von einzelnen, sonst aber durch öffentliche Empörung überwältigt.“

Währenddessen wütete Nero weiter. Und Rom brannte.

War Tyrannenmord für Seneca eine Option? Obwohl er wohl nicht direkt an der pisonischen Verschwörung gegen Nero beteiligt war, gilt er doch als einer der geistigen Wegbereiter des Attentates gegen einen Herrscher, der „im […] Wutrausch rast“ und dessen „Burg stets von frischem Blut trieft“. Über den Tyrannenmord sagt er, dass er sowohl für den Tyrannen als auch für die Allgemeinheit eine Wohltat sei.

Die wunderbare Theorie der Persönlichkeitsbildung durch die philosophische Lebensschule hatte also im Falle des Nero vollkommen versagt. Meditationen über die eigene Sterblichkeit? Lächerlich. Denn Autokraten sterben nicht. Sie töten.

Und so zwang Nero den Seneca in den Tod.

Seine Werke jedoch sind unsterblich.

Am Beispiel des Seneca kann man auch heute noch so einiges lernen – hier ein paar Denkanstöße:

  1. Die Politik der langen Leine ist bei Gewaltherrschern nur begrenzt sinnvoll. Wenn man ihnen nicht rechtezeitig ihre Grenzen aufzeigt, brennt nicht nur Rom, sondern gern einmal die ganze Welt. Seit Jahrtausenden immer noch ungelöst ist allerdings die Frage, wie man das praktisch erreicht: Durch Wettrüsten, Wirtschaftsboykott oder ähnliche Druckmittel? Oft trägt das nur Volk die Konsequenzen und der Herrscher überschreitet ungestraft eine „rote Linie“ nach der anderen.
  2. Auch die widerständigsten Menschen sollten sich selbst schützen. Aber wie macht man das? Wegducken und innere Emigration funktioniert nur, wenn man dabei auch Stillschweigen bewahrt (modern: Pressezensur), denn wer die Klappe aufmacht, dem wird sie rasch gestopft werden (manchmal gar unter Verlust des ganzen Kopfes …). Um dem vorzubeugen, bleibt oft nur noch die Flucht.
  3. Lasst euch nicht leichtfertig auf Nebenkriegsschauplätze locken! Im Eskalieren sind Diktatoren einsame Spitze – und während sich das Volk mit rassistischen und sonstigen Parolen gegenseitig auf die Mütze haut, bringen die da oben ihre Schäfchen ins Trockene.
  4. Wobei wir bei der leidigen Elitendiskussion wären, der sich auch schon Seneca stellen musste. Aber das ist dann eine andere Geschichte ….

FAZIT: lesenswerte Einführung in das Denken und Werk des Seneca und gleichzeitig guter Überblick über die julisch-claudische Kaiserdynastie. Als Ergänzung empfehle ich Senecas gesammelte Werke z.B. „Das große Buch vom glücklichen Leben“ und als unterhaltsame Dreingabe: „Ich Claudius Kaiser und Gott“ von Robert von Ranke-Graves

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Frauen im Käfig – in Sicherheit oder im Gefängnis?

Rezension des Romans „Ehre“ von Elif Shafak; ein Beitrag zur Reihe #Starke Frauen

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Nachdem unsere Blogparade zu Ende ist, werde ich dennoch weiter in lockerer Reihenfolge unter #StarkeFrauen interessante Entdeckungen zum Thema Frauenliteratur vorstellen und dazu auch Gastbeiträge hochladen. Die Autorin Elif Shafak lebt mit ihrer Familie in London und Istanbul und ist eine glaubwürdige Wanderin zwischen den kulturellen Welten.

Im ersten Kapitel erfahren wir, dass nach 14 Jahren die Haftentlassung von Iskender bevorsteht, der als Sechzehnjähriger die eigene Mutter tötete. Ein Ehrenmord, um das Gesicht der Familie zu retten. Aber Rettung ist nirgends in Sicht, die Familie scheint zerstört.

Danach entfaltet sich der Roman in Rückblenden, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt werden. Wo liegen die Wurzeln dieser Familie? Erklärt die Vergangenheit die gegenwärtige Tragödie? Wenn die ungeschriebenen Gesetze der Tradition eine hilfreiche Klammer darstellen, die Familien stützen und gesellschaftliches Miteinander erst möglich machen, welche Opfer dürfen dafür gebracht werden?

Im Jahr 1945 werden die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila als 7. und 8. Mädchen einer kurdischen Familie geboren. Sie werden früh zu Halbwaisen, als das Projekt „Sohn“ ebenso endgültig wie tragisch scheitert. So wird Naze, die Mutter der Zwillinge, zum ersten Opfer der Verhältnisse.

In symbiotischer Zweisamkeit wachsen die Mädchen im traditonellen Umfeld heran, großgezogen von der ältesten Schwester, die zum Mutterersatz wird. Auch sie wird zum Opfer werden. Der Sinn im Leben einer Frau? „Sie wollte später einmal heiraten – ein Brautkleid und eine Buttercremtorte, wie man das in der Stadt machte, fand sie wunderbar. […] Sie wollte Kinder.“

Aber als sich Adem in Jamila verliebt, diktieren die ungeschriebenen Gesetze, dass diese Beziehung nicht gelebt werden darf. Also heiratet Adem Pembe, die (fast) identisch aussehende Zwillingsschwester. Pembe und Adem ziehen nach London und gründen dort eine Familie mit drei Kindern. Jamila bleibt im Dorf und arbeitet als Hebamme. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Elif Shafak nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren. Adem wird mit seiner Herkunftsfamilie vorgestellt, und obwohl der Spieler und Schürzenjäger sicher kein Sympathieträger ist, kann man nicht vergessen, was ihm als Kind widerfuhr. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Die Lösung? Vielleicht wäre es Offenheit gewesen, der Mut Dinge direkt anzusprechen. Vielleicht, sich Hilfe von außen zu holen – eine Therapie? Lächerlich. In solchen Kategorien denken weder Adem noch Pembe. Sie sind Gefangene ihrer Herkunft.

Iskender, der Erstgeborene ist Mutters „Löwe“, der „kleine Sultan“, die hemmungslos verhätschelte Wiedergutmachung der endlich gestillten Sehnsucht nach einem Sohn. Esma, die Zweitgeborene ist „kein englisches Mädchen“ – sagt zumindest die Mutter. Pubertätsnöte, Verantwortungsgefühl, kleine Geheimnisse und die ewige kulturelle Zerrissenheit führen zu ständigen Loyalistätskonflikten. Eine brisante Mischung, die durch die Liebe zur Familie zusammengehalten wird. Yunus, der Jüngste schließt sich einer Horde von Punkern an, die im wilden London der Siebziger Jahre ein Haus besetzen. Er, das am wenigsten angepasste „Problemkind“, wird es schließlich sein, der einen ungewöhnlichen Rettungsweg aufzeigen wird.

Ist Pembe eine schwache Frau, weil sie die Eskapden ihres Mannes hin nimmt und nie so richtig Englisch lernt? Oder ist sie eine starke Frau, weil sie die Familie zusammenhält und Geld verdient, nachdem ihr Mann zuerst alles verspielte und dann die Familie verließ?

Ist das ungeschriebene Gesetz der Ehre ein Schutz, weil es das Zusammenleben der Generationen und der Geschlechter unmissverständlich regelt, oder ist es ein Gefängnis, das jegliche individuelle Weiterentwicklung brutal verhindert? Jede Figur im Buch gibt eine andere Antwort auf diese Fragen – und diese ändern sich, je nach Lebensalter und Erfahrungshintergrund. Nichts bleibt wie es ist. Aber das ist verwirrend. Und kränkend – für Männer, deren uneingeschränkte Autorität in Frage gestellt wird. Für Frauen, die sich ständig schämen müssen. Für beide, weil sie keine Worte finden für das, was mit ihnen geschieht. Und diese Sprachlosigkeit ist die eigentliche Tragödie.

Ebenso tastend wie die Suche nach den richtigen Wörten entwickelt sich dann auch die Liebesgeschichte zwischen Pembe und Elias. Nachdem Adem verschwunden ist, beginnt Pembe sich mit der Zufallsbekanntschaft zu treffen. Heimlich schauen sie Filme an, meist Stummfilme, da hier das Sprachverständnis nicht so wichtig ist. Eigentlich passiert nicht viel zwischen den beiden. Aber es reicht aus, um alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen. Und so kommt es zur Tragödie: Iskender, aufgehetzt von seinem Onkel Tarik und einen Hassprediger, stürzt sich mit einem Messer in der Hand auf die Mutter.

Wie es der Autorin nach dieser Bluttat gelingt, die losen Fäden der Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls vergisst sie niemanden, jede Figur kommt zu ihrem Recht, und sie schlägt den ganz großen Erzählbogen, ohne dass es künstlich oder konstruiert wirkt – obwohl sie einige erzählerische Kniffe anwendet.

Ja, es gibt sogar eine Art von Happy-End – obwohl je Figur im Buch das natürlich komplett anders sehen würde. Zumindest öffnen Esma und Yunus Fenster und Türen in eine Welt, die anders sein könnte und auch Iskender hat einen langen Weg zu sich selbst zurückgelegt.

Vergleich:  Beim Lesen musste ich mehrmals an „das Verborgene Wort“ von Ulla Hahn denken. Die miefige Gesellschaft der 50iger erscheint heute genauso fern wie ein Dorf in Kurdistan, aber die brutale Unterdrückung derjenigen, die anders leben wollen, ist auch bei uns noch gar nicht so lange her.

Und dann kam mir noch ein anderes Buch in den Sinn: Vor einigen Wochen schrieb ich eine Rezension zu „Makaronissi“ von Vea Kaiser, ebenfalls ein Generationenroman, geprägt durch Migrationserfahrungen. Makaronissi hat mir sehr gut gefallen. Hier standen im Vordergrund, die ungebremste Fabulierlust, die Freude an schrägen Typen und der große historische Erzählbogen der von Tradition über Migration zu neu zusammengewürfelten Beziehungen führt. Vordergründig gesehen auch die Themen von „Ehre“. Elif Shalfak schreibt, meiner Meinung nach, jedoch konsistenter, glaubwürdiger. Die einzelnen Charaktere sind zwar in ihren Rollen gefangen, offenbaren jedoch in überraschenden Wendungen Tiefe und Glaubwürdigkeit, wie sie nur das echte Leben verleiht. Kurz gesagt: Vea Kaiser schreibt als Beobachterin ‚von außen‘, Elif Shafak schreibt sozusagen aus dem ‚Inneren ihrer Figuren‘ heraus. Die eigene Biographie spielt dabei sicher eine große Rolle. Aber sie erwähnt auch, dass viele Frauen ihr die eigene Lebensgeschichte anvertraut haben.

Fazit: Ein schönes Buch. Ein schreckliches Buch. Eines der Bücher, bei denen man bedauert, dass sie zu Ende sind.

 

Tag 6 und Abschluss der Blogparade #StarkeFrauen: Interview mit der Verlegerin Else Laudan

Gastbeitrag von Sabine Ibing

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Else Laudan, Verlegerin, 1963 in Berlin geboren, betreut die Reihe der “Ariadne Kriminalromane” im Argument Verlag, Hamburg, seit 1988. Mit viel Begeisterung übernahm Else Laudan mit 25 Jahren von ihrer Mutter Frigga Haug die Krimireihe, die ein Jahr vorher gegründet war. Sie hatte ein Soziologie-Studium und eine abgebrochene Ausbildung zur Maschinenschlosserin hinter sich. Mit P.M. Carlson, K.V. Forrest und Val McDermid ermittelten Detektivinnen, lesbische Kommissarinnen entgegen der männlichen Dominanz. Sie deckten Verbrechen an Frauen auf und beschrieben neue weibliche Lebensformen.  E. L.:  „Meine eigenen Lesevorlieben, mein von Soziologiestudium und Lebenserfahrung geschulter Verstand und mein Gefühl beim Betrachten der Welt sagen mir, dass Aufklärung nötig und das Verbreiten guter politischer Krimis wichtig ist. Natürlich müssen sie auch gut geschrieben sein, sonst nützt es alles nichts.“

S.I.:    Mit dem Ariadne Frauen-Krimi-Kulturprojekt hast du seit langem Erfolg. Immer noch produziert Ariadne niveauvolle Krimis aus Frauenfeder, abgedreht, humorvoll, knallhart, immer politisch, manchmal intellektuell, manche tiefschwarz. Gegründet wurde der Verlag zu Zeiten, als Krimis nicht zur Literatur zählten, schon gar nicht die von Frauen. Der weibliche Blick im Kriminalroman, wie du es gerne nennst, sei eine Stärke und keine Schwäche. Was meinst du damit?

E. L.:    Diese Aussage wehrt sich gegen zwei verbreitete Vorurteile: Erstens, dass das Erzählgeschlecht doch egal sei, dass im herkömmlich-männlichen Blick die ganze Welt vorkommt und keine Leerstellen bleiben. Wie könnte das sein? Solange es ein soziales Gefälle gibt, ist der erzählerische Blick davon befangen. Grundsätzlich leben vom Status Quo Begünstigte in einer anderen Welt als nicht Begünstigte, sie erleben verschiedene Realitäten, erzählen dieselbe Geschichte unterschiedlich. Selbst in unserer „aufgeklärten“ Wohlstandsgesellschaft werden Frauen in Lohnarbeit schlechter bezahlt, wo immer etwas zu entscheiden ist, trifft man auf ein Männerübergewicht, nach wie vor gilt „Machen“ als männlich, „Sorgen“ als weiblich. Mit dem Blickwinkel der Frauen kommen also nicht nur Machtunterschiede, sondern auch Milieus und Themen ins Bild, die sonst ausgeblendet bleiben. Das ergibt komplexere Alltagsbezüge, sorgt für lebensnahe Brisanz. MISS TERRY von Liza Cody ist z.B. ein Buch, das eine untypische, unterlaufende Erzählperspektive bietet, sehr bereichernd. Das zweite Vorurteil lautet, dass sogenannte Frauenthemen/Frauenbücher irgendwie etwas Läppisches seien, weniger relevant. Der Mainstream sieht Frauenliteratur ja immer noch gern in der Romantik-Nische wie einst die Groschenromane fürs Dienstmädchen. Frauen haben in den letzten drei Dekaden das Krimigenre erobert, aber da, wo „relevante“ Literatur definiert wird, sind sie total unterrepräsentiert. Genau wie die Milieus und Themen, die traditionell nicht Felder männlichen Heldentums sind: Jenseits von heroischen Ermittlern, Aktivisten, Spionen, Enthüllungsjournalisten in Kriegsgebieten und dergleichen gibt es Alltag, der mit seinen Verstrickungen gemeistert werden muss, damit ein Morgen überhaupt möglich ist. Es gibt Kranke, Versehrte, Alte und Kinder, für die gesorgt und vorausgedacht werden muss. Aber das sind als langweilig geltende Themen, die übrigens in der Gesellschaft genauso zu kurz kommen wie in der Kultur (siehe Pflegenotstand). Fraglos existenziell, aber ohne den Glamour des kulturell „Wichtigen“. Ich finde das borniert und dürftig, ich will die ganze Welt in guten Krimis vorfinden, nicht bloß den tradierten Jungskram. Den lese ich, sofern er toll geschrieben ist, dann zwischendurch auch gern. Aber bitte nicht nur.

S.I.:    Milieubeschreibungen, Reales, Plots, die die Gesellschaft beleuchten, Sozialstrukturen offenlegen, kritisch betrachten, das ist dein Anliegen.

E. L.:    Ja, das ist für mich die Aufgabe von und der Vorteil bei guter Kriminal- und Noir-Literatur. Ich behaupte zudem: „Über die realen Machenschaften der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, über ihre Gier und deren Auswirkungen auf menschliches Leben erfährt man heute aus guten Kriminal- und Verbrechensromanen mehr Wahres, mehr Hintergrund und mehr Konkretes als aus den offiziellen Medien“ (Essay in der Polar Gazette, Link: http://www.polar-gazette.de/?p=1532). Letztlich kommt es natürlich darauf an, wie etwas geschrieben ist und was die Schreibweise mit mir macht. Ich will mich weder belehren lassen noch wollüstig gruseln, sondern ich will mitreißende, realistische, starke Romane über echte Lebenswelten, relevantes Zeitgeschehen.

S.I.:    Du hast dich für Krimis von Frauen eingesetzt, als diese in Deutschland nicht zur Literatur gehörten. Doch als sich Krimis etablierten machten große Publikumsverlage deinen Autorinnen gute Angebote und dein kleiner Verlag ging zugrunde. Wie fühlt man sich, wenn Autoren wegrennen, die man aufgebaut hat und diese immer unterstützte. Dir war der finanzielle Erfolg immer Nebensache. Deinen Autorinnen anscheinend nicht.

E. L.:    Das stimmt so nicht ganz. Eigentlich hat uns keine Autorin schnöde verlassen, obwohl es harte Zeiten gab. Aber das führt hier zu weit, man kann es ausführlicher in einem öffentlichen Vortrag nachlesen, wo ich berichte, wie sich die Ariadne-Reihe entwickelte und was dann geschah: http://www.krimis- machen.eu/wp-content/uploads/2013/09/13-08-26-Laudan_Krimi- ist-politisch_Vortrag.pdf S.I.:    Du hast neu angefangen mit deutschen Autorinnen, eine Menge Talente aufgebaut: Monika Geier, Christine Lehmann, Dagmar Scharsich, Anne Goldmann, Merle Kröger und die Südafrikanerin Charlotte Otter, sowie die französische Königin des Noir, Dominique Manotti. Es braucht ein gutes Auge und einen langen Atem, bis sich ein Autor etabliert. Woher nahmst du den Mut neu anzufangen?

E. L.:     Ich bin Überzeugungstäterin, in doppelter Hinsicht. Ich bin überzeugt, dass der politische Kriminalroman die stärkste und dynamischste Gegenwartsliteratur ist, weil er von der Wahrheit erzählt. Und ich will immer alle überzeugen, zumindest aber alle leidenschaftlich Lesenden. In fast 30 Ariadne-Jahren hab ich Können und Erfahrung im Verlegen politischer Krimis gesammelt, und ich bin stur. Zudem ist unser Projekt noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt so kluge, kühne, geniale Autorinnen, für deren Sichtbarkeit zu streiten eine sehr erfüllende Aufgabe ist.

S.I.:    Du bist bekannt für ein hartes und faires Lektorat, für Teamarbeit, die die Autorin vorantreibt. Die Autorinnen von Adriane haben alle etwas zu sagen. Spannende Bücher, die einen sozialkritischen Hintergrund haben, kein Mainstream. Du springst auf keinen Hype auf, holst dir Schwedenkrimis (obwohl es dort sozialkritische Bücher gäbe) oder machst auf Almdudelserien. Ist vielleicht das dein Erfolg? Du bleibst dir treu in fast 30 Jahren Verlegertätigkeit.

E. L.:    Wenn ich Moden nachjagen würde, müsste mich verbiegen, und erfahrungsgemäß bringt das nichts außer Verdruss. Wir haben in harten Jahren gelernt, dass wir nur gebraucht werden, wenn wir etwas Besonderes machen. Da ist es naheliegend, sich auf das zu spezialisieren, woran man selber glaubt. Ich wollte immer eine Arbeit, die mich zum Glühen bringt, ohne dass ich mich selbst und andere belügen muss – dafür nehme ich es in Kauf, ständig zeitknapp und pleite zu sein. Nur zu verlegen, was ich ohne Kompromisse großartig und relevant finde, ist ein Privileg und verpflichtet dazu, es mit allen Kräften richtig gut zu machen.

S.I.:    Merle Kröger erhielt für ihren Roman „Grenzfall“ den Deutschen Krimipreis 2013, mit „Havarie“ stand sie 2016 auf dem 2. Platz. Ich gratuliere auch der Verlegerin. Es sind übrigens zwei wirklich gute Krimis. Wie stolz ist die Verlegerin?

E. L.:     Na, schon maßlos stolz. Merle ist eine so kühne Autorin, ich liebe sie und habe vom ersten Buch an ihr inhaltliches Rückgrat und ihre Courage bewundert, ihre formale Experimentierlust bei großer Klarheit im Anliegen. Sie riskiert viel und eckt damit auch an, so gibt es bei jedem Buch Stimmen, die meinen, der Roman sei „kein richtiger Krimi“, aber sie hat ein sagenhaftes Gespür fürs Mitreißende. Als politische Dokumentarfilmerin recherchiert sie unglaublich gewissenhaft und bleibt ganz dicht an den Menschen mit all ihren Sehnsüchten und Widersprüchen, sie bringt etwas Filmisches ins Genre ein und dokumentiert mit ihrer Fiktion zugleich das reale Leben. Ich brenne für ihre Romane.

S.I.:    Bei Ariadne müssen angehende Autorinnen mit der Einsendung eines Exposés einem Fragebogen ausfüllen. Hier muss man genau sein Skript analytisch beschreiben, Sozialstrukturen und Figuren offenlegen, seine Intention für das Manuskript erklären. Warum dies Prozedere?

E. L.:     Der Fragebogen ist uralt, etwa 25 Jahre, aber er stellt klar, dass wir inhaltliche Ansprüche haben. Die werden eingefordert, noch ehe wir auf die Erzählkunst schauen. Von den Krimiautor/innen vergangener Epochen bewundern wir ja gerade die „unbequemen“ für ihre Schärfe und Relevanz. Schreiben ist Kunst, aber es ist auch Haltung und Aussage. Form und Inhalt gehören beide in ein Bezugssystem, mit dem sich Autorinnen befassen müssen, wenn sie nicht einfach unbedeutenden Quark produzieren wollen. So sehr ich hardboiled auch liebe: Eine Autorin, die mit den Mitteln des Hardboiled affirmative oder politisch indifferente Geschichten erzählt, reizt mich null. Also fragen wir gleich vorweg: Du willst gelesen werden, willst eine Eintrittskarte in anderer Leute Köpfe. Was gedenkst du in diesen Köpfen zu hinterlassen? Was hast du zu geben, das dich dazu berechtigt? Man kann z.B. nicht wie Manotti schreiben, wenn man nicht zornig ist und zornig machen will.  Im politischen Krimi geht es darum, das Verbrecherische in den Strukturen offenzulegen. Kurz: Schreibenkönnen allein reicht noch nicht für Ariadne, es muss ein Anliegen da sein, das wir als Verlag teilen können, erst dann wird ein Buch zu unserem Projekt.

S.I.:    Männer blenden gern bestimmte politische Probleme aus, wie der Themenberg Südafrika mit Vergewaltigung, sexueller Verstümmelung, Aids, Waffenhandel. Gibt es Frauen, die diese Strukturen in Krimis angehen?

E. L.:     Natürlich, bei dem Thema denke ich sofort an Charlotte Otter. Aus Südafrika kommt ja seit rund zehn Jahren sehr starke politische Kriminalliteratur. Autoren wie Deon Meyer, Mike Nichols, Andrew Brown und andere zeigen das Post-Apartheids-Südafrika als Gesellschaft im Umbruch, ein Land der Extreme. Ihre Romane sind beinhart, vielschichtig und intelligent, es geht um ethnische Konflikte, Waffenhandel, Korruption, Gangs, Kriegsgewinnlertum, soziale Schere u.v.m. Doch einige brisante Themen, die zentral zu Südafrika gehören, stehen kaum im Fokus. Es ist absurd, in sexistischer Gewalt oder Politik um HIV und AIDS „weibliche“ Themen zu sehen, trotzdem bleiben sie bei den Jungs erstaunlich oft ausgespart. Charlotte Otters Maggie- Cloete-Romane sind genauso hardboiled wie die ihrer Kollegen, doch der Fokus verschiebt sich leicht: Es geht um Arzneimittel, Gesundheitspolitik, „Aidswaisen“ (Balthasars Vermächtnis) oder um bedrohte Arten, Lebensweisen und Monokulturen (Karkloof Blue). Charlotte schreibt niemals voyeuristisch, auch nicht etwa zahm, sondern krachend rasant, das sind schnelle, harte, starke Krimis mit weitem Blick. Echte „Fenster zur Welt“.

S.I.:    Heute steht der Thriller im Focus, manchmal lediglich sinnloses Abschlachten durch Psychopathen und Soziopathen, bis ins Detail geschildert. Auch auf diesen Hype bist du nicht aufgesprungen.

E. L.:     Ich halte Serienkiller- und Metzelthriller für eine üble Besänftigungsdroge, gepflegtes Pseudo-Grauen, damit die Realität heiler aussieht, als sie ist. Solange unwägbare Monster durch die Fantasie geistern,  bleibt „Sicherheit“ ein käufliches Gut, das hoch im Kurs steht und beruhigt. Diese Thriller sind affirmativ: Das Bedrohliche an den echten Zuständen rückt gar nicht ins Bild, das Böse ist ja in der Psyche geparkt, fernab unserer Verantwortung – sehr praktisch, wenn sich nichts ändern soll.

S.I.:    Autorinnen sind meist bescheidener als Autoren. Sie müssten mehr Ego zeigen, was Männer von Natur aus machen. Warum fällt es Frauen so schwer, ihre Kompetenz zu zeigen?

E. L.:     „Von Natur aus“? Das sehe ich ganz anders, da geht es nicht um Natur, sondern um Sozialisation und übrigens auch um mächtige Mythen, die Herrschaftsverhältnisse stärken und erhalten. Aber lass mich die Frage mal drehen. Wohin führt denn das „Ego zeigen“? Ist aggressiver Konkurrenzkampf etwa das, was die Welt braucht? Damit noch mehr zu Bruch geht, mehr Krieg, Zerstörung, Ausbeutung … Das gängige Geschlechterrollenbild ist erfolgreich eingespannt in den Erhalt von lebensfeindlicher, kindisch unverantwortlicher Politik und Kultur. Wenn wir uns davon nicht alle mal emanzipieren, bleiben für kommende Generationen nur Trümmer! Frauen sind nicht von Natur aus bessere Menschen, sie haben bloß noch mehr Gründe, gegen herrschendes Unrecht aufzubegehren, weil ihnen noch mehr vorenthalten, noch weniger zugestanden wird. Die Rollenmuster und Glücksversprechen für beide Geschlechter sind eine Schande. Wir müssen alle mehr Verantwortung für die Welt übernehmen, statt ängstlich an dem festzuhalten, was die Norm uns zugesteht.

S.I.:    Du hast die Vereinigung „HERLAND“ gegründet, ein Zusammenschluss weiblicher Krimiautoren. „Allen gemeinsam ist der feministische Ansatz. Literatur von Frauen, gerade mit politischen Themen, verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihr momentan zuteil wird. Deshalb finden Sie hier Essays, Stories, Literaturempfehlungen, Satirisches, geschrieben mit einem weiblichen Blick auf die Welt.“ Ein interessanter Blog übrigens. Warum dieser Bund?

E. L.:     Das Netzwerk HERLAND haben wir, Frauen aus mehreren Generationen (zwischen dreißig und fast achtzig), zu neunt gegründet, weil feministische Einmischung kulturell nötig ist.  Kluge politische Autorinnen arbeiten daran, unbequeme Wahrheiten in gute Romane zu packen und damit Literatur zu erschaffen, die nicht verblödet, sondern von der Welt erzählt und dem Publikum Denken zutraut. Statt damit jede allein zu lassen, will HERLAND ein kultureller Pool werden, eine Plattform, wo Autorinnen gesellschaftskritischer Krimis sich austauschen können, eine Quelle für Inspiration und Kritik und Courage. Obwohl gute politische Kriminalliteratur immer stärkere Verbreitung findet, weil sie zu den relevantesten Literaturen der Gegenwart gehört, blüht immer noch der Macho-Kult im Genre, „Frauenkrimi“ steht für romantischen Schund, und was als große Erzählung die höheren Weihen erhält, erzählt fast immer von Männern. Eine einzelne Gegenstimme geht unter und reibt sich schnell auf, also bilden wir einen wachsenden Chor. Frauen können denken, hingucken, schreiben, Frauen haben Rechte, Frauen sind überall. (Ganz besonders übrigens dort, wo die gesellschaftlich notwendigste Arbeit verrichtet wird.) HERLAND fordert mit vielfältiger Stimme:  Mischen wir uns ein. Fangen wir damit an, Frauen sichtbarer zu machen – da, wo es drauf ankommt. Die Welt ist in einem beschissenen Zustand, von dem das Genre adäquat zu erzählen weiß. Doch um seine Welthaltigkeit umfassend zu machen, braucht es den feministischen Blick, der im Politischen dem ganzen Leben gerecht zu werden sucht. Denn das Persönliche ist politisch.

S.I.:    Eine letzte Frage, was gibt es für dieses Jahr für eine Planung? Magst du uns kurz vorstellen, was Ariadne in diesem Jahr Neues herausbringt?

E. L.:    Mit Vergnügen, also der Reihe nach: Drei Bücher kommen jetzt im Frühjahr, zwei davon sind schon im Druck.  „Nach der Schlacht“ von Le Minh Khue ist ein literarischer Einblick in die Kultur und Lebenswirklichkeit Vietnams. Die meisten von uns kennen Vietnam aus Hollywoodfilmen, wo es ein US- amerikanisches Soldatendrama ist. Le Minh Khue zeigt in zwei Erzählungen ein ganz anderes Vietnam mit eigener Geschichte, vernarbt, voller Spuren von Unrecht und Gewalt, fremd und im besten Sinn merk-würdig. Auch dies ist eine Gesellschaft im Umbruch. Die deutsche Autorin Anne Kuhlmeyer spielt auf eigene Art mit dem Genre, mit dem Realismus darin. Sie erschafft faszinierende Gestalten und schickt sie in surreale Szenarien, die sie an ihre Grenzen bringen und darüber hinaus, mit viel Fabulierlust und Sinn für Geschichte(n). Ihr neuer Roman „Drift“ beginnt mit einer Hochwasserkatastrophe, dabei wird mehr weggespült als „nur“ Landschaft: Verhaltensmuster kommen auf den Prüfstand, Literatur übernimmt eine den Plot lenkende Rolle. Das ist wagemutig und herausfordernd, sehr reizvoll. Im Mai kommt dann ein funkensprühender neuer Roman von Monika Geier, die wieder zeigt, wie unglaublich originell und aktuell auch ein „klassischer“ Krimi sein kann. „Alles so hell da vorn“ erzählt von einem Frankfurter Puff, wo ein Bulle erschossen wird, von einem störrischen alten Haus, von einer geheimnisvollen jungen Hure und natürlich von Halbtagskommissarin Bettina Boll, die da Licht ins Dunkel bringen soll. Genial und verschmitzt, Rätselspannung auf allerhöchstem Niveau. Im Herbst bringen wir eine großartige Schriftstellerin aus Indien: Anita Nair nutzt das Genre, um extrem finstere Seiten der aktuellen Normalität auf den Tisch zu bringen. Bangalore, eine Drehscheibe des Kinderhandels in einem Land voller Ungleichheiten. Ein redlicher Kommissar in einem Dschungel aus Korruption. Mehrere Erzählstimmen und Blickwinkel eröffnen ein Panorama tagtäglicher Gewalt, ein Netz aus Macht und Ohnmacht und Gier. Atemberaubend und grimmig. Dann haben wir noch ein Debüt in petto, eine Art Country Noir von einer indianischen Autorin, die ihrerseits historische blinde Flecken ausleuchtet – sehr eigenwillig erzählt, sehr charismatisch. Außerdem machen wir Neuausgaben von Dagmar Scharsichs historischen Krimis „Der grüne Chinese“ und „Die gefrorene Charlotte“, beides sind absolute Juwelen literarischer Spannungsliteratur. Das sind Ariadnes Vorhaben für 2017. Und 2018 kommen neue Bücher von Anne Goldmann, Dominique Manotti und Liza Cody, wir holen endlich Denise Mina zu Ariadne, und wie ich sie kenne, wird auch Christine Lehmann etwas Neues machen – es gibt ja unendlich viel zu tun.

S.I.:    Liebe Else, ich danke dir, dass du mir einen Teil deiner kostbaren Zeit geschenkt hast.

Weitere Interviews von und mit Sabine Ibing

Tag 5 der Blogparade #StarkeFrauen: Mutterrolle im Wandel: „Die Spuren meiner Mutter“

ein Gastbeitrag von Marie Lanfermann

mutter

 

Wer sich mit den Büchern von Jodi Picoult beschäftigt hat, der weiß, dass Jodi Picoult in ihren Romanen sehr stark auf Beziehungen eingeht und sich ihre Romane dabei zumeist um eine Familie drehen. Auch im neuen Roman von Jodi Picoult geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung. Dieses Buch wirft somit gleich zwei Fragen auf, die eigentlich wenig mit dem Buch oder der Geschichte selbst zu tun haben. Zum einen wäre da das Thema, „Die Mutterrolle in Gesellschaft und Literatur“, zum anderen aber auch die Frage, warum die Mutter in so vielen Büchern und auch genreübergreifend eine derart wichtige Rolle spielt.
Dieser Artikel wird somit also keine klassische Rezension.

1. Die Rolle der Mutter in Gesellschaft und Literatur

Nun, betrachtet man die Rolle der Mutter in Gesellschaft und Literatur, so dürfte auffallen, dass sie sich seit den Fünfzigerjahren kontinuierlich und unaufhaltsam geändert hat, galt die Mutter früher als den Haushalt machend und die Familie zusammenhaltend, womöglich sogar als Mittelpunkt der Familie, gibt es heute sogar Business-Frauen, die Mutter werden.
Betrachtet man das Frauenbild von früher und heute hat es den gleichen Wandel durchlaufen. Heute besteht die Rolle der Frau nicht mehr nur darin, den Haushalt zu führen, die Familie zusammenzuhalten und dem man den Rücken zu stärken, vielmehr haben Frauen heute ein Recht auf eine eigene Karriere. Eine Karriere, die sowohl in typisch femininen Berufen und Bereichen als auch in maskulinen Bereichen stattfinden kann.
Natürlich gibt es immer noch nicht so viele Frauen in der Chefetage, hier ist es immer noch zumeist eine Männerdomäne, aber es werden mehr und die Frauen, die heute in diese Position kommen, sind zum Teil auch Mutter, obwohl das noch seltener vorkommt als eine Frau in der Chefetage.
Früher hieß es „Kind oder Karriere“, heute heißt es „Kind UND Karriere“. Ein auf den ersten Blick kleiner Unterschied mit einer großen Wirkung. Einer Wirkung, die Gesellschaft unaufhörlich verändern und verschieben wird und die sich heutzutage auch schon in der Literatur findet.
Heute findet man in Büchern neben den scharfen Heldinnen, die schon seit jeher den historischen Büchern zugrunde liegen und die es irgendwie geschafft haben selbst in schwierigsten Zeiten ihren eigenen Weg zu finden, auch die realistischen Beschreibungen von Mutterschaft, von Stress, Karriere und Kind. Ob es nun in Büchern wie jenen von Jodi Picoult ist oder in einem vergleichsweise leichten Roman, ist aber erst einmal irrelevant.
Fakt ist die Beziehung zwischen Kindern und ihren Müttern hat sich verändert und ist heute mit deutlich mehr Konflikten aufgeladen als früher, scheint es, doch ob dies tatsächlich der Fall ist, kann, glaube ich, niemand so recht beantworten, da Fassade und Wirklichkeit auch sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können.
Im Fall von Jodi Picaults „Die Spuren meiner Mutter“ folgt die 13-jährige Jenna den Spuren ihrer vor zehn Jahren verschwundenen Mutter und begibt sich somit auf eine spannende Reise auf der Suche nach ihrer Identität.
Somit bekommt man tatsächlich schon einen Anhaltspunkt davon, was die Aufgabe einer Mutter in der Gesellschaft ist. Eine Mutter oder auch ein Vater schafft Identität, in Büchern hingegen hat die Mutter zumeist noch eine andere Aufgabe, sie hütet und behütet. In den allermeisten Fällen hütet sie ein Familiengeheimnis, das so über die Jahre nie ans Licht kommen darf und wenn doch, dann würde es zu einem großen Chaos kommen. In den allermeisten Fällen jedoch kommt das besagte Familiengeheimnis ans Licht und dann folgt der große Knall und das Chaos am Ende ist meist gar nicht so groß, wie zunächst gedacht.
Dann jedoch gibt es auch noch die behütende Mutter, die sehr an dem Wohl ihrer Kinder interessiert ist, und somit insbesondere in der Literatur zu einem Problem führt, denn sie steht dem Abenteuer vieler Bücher im Wege, ist ein Hindernis für den Protagonisten oder etwas Vergleichbares.
Im Fall von „Die Spuren meiner Mutter“ ist die Rolle der Mutter noch einmal etwas spezieller, denn sie ist effektiv abwesend, seit über zehn Jahren und niemand weiß genau, was ihr zugestoßen ist. Das alles ist ein wenig mysteriös, rätselhaft. Um zu verstehen, worum es eigentlich geht, müsste man eigentlich das gesamte Buch lesen, da reicht ein Klappentext nicht aus. Dennoch möchte ich Euch an dieser Stelle besagten Klappentext präsentieren.

2. Klappentext

„Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mithilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.“ (Quelle: Randomhouse.de)

3. Originell aber anders

So könnte man dieses Buch mit wenigen Worten beschreiben, doch das würde diesem Buch nicht gerecht werden, weswegen ich mich an dieser Stelle auch nicht an einer Rezension versuche, stattdessen möchte ich weiter über die Rolle der Mutter in der Literatur nachdenken und widme mich der Frage, warum bietet sie sich in so vielen Büchern als Haupt- oder Nebenfigur an?

3. Mutter – eine Figur mit Konfliktpotenzial

Nun in den allermeisten Büchern ist die Mutter eine Figur, die entweder eine Nebenfigur ist, aus dem Hintergrund eine wichtige Rolle spielt oder für eine andere Hauptfigur ein Konfliktpotenzial darstellt. Schon im echten Leben reiben sich Menschen an Elternteilen auf, spätestens mit Beginn der Pubertät, der Adoleszenz oder der Ablösezeit beginnt ein Abnabelungsprozess und ein jeder steht irgendwo auf den eigenen Beinen mehr oder weniger großen Erfolg.
In Büchern ist dieser Konflikt auf wenigen Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gefasst. Das heißt, die einzelnen Konfliktpotenziale und Konfliktherde schwelen nicht nur, sie brechen innerhalb kürzester Zeit auf. Genau aus diesem Grund ist die Mutter als Figur wohl auch so beliebt.

4. Die wandelbarste Figur

Die Protagonistin, welche die Rolle der Mutter innehat, kann völlig anders aussehen als in einem anderen Buch und doch kann sie Mutter sein, und hat somit gleich eine ganze Reihe neuer Konflikte, dass sich ihre Rolle womöglich verschoben hat. Kippt die Protagonistin in irgendeiner Weise um und erscheint schwach, kann sie durch die Mutterrolle aus der langweiligen Position in die interessanteste Figur des ganzen Buches verhandelt werden.

5. Die Spuren meiner Mutter: viele Geschichten wandelnder Perspektiven

Die Geschichte die Jodi Picoult erzählt ist eigentlich eine Vielzahl von Geschichten mit einer Vielzahl von möglichen Perspektiven und jeder einzelne Perspektive bietet andere Sichtweisen auch auf die Rolle der Mutter. Am spannendsten in diesem Buch sind für meine Fragestellung eigentlich die Rolle von Jenna und ihrer Mutter Alice, denn die eine weiß ganz genau, wo sie sich befindet und was passiert ist, und die andere begibt sich eigentlich auf ihre Fährte. Sie liest Tagebucheinträge, Polizeiakten und spricht mit Menschen, die mit dem Verschwinden ihrer Mutter in Verbindung standen.
Niemand mit Ausnahme von Alice weiß was passiert ist und auch Alice tut sich schwer damit dem Leser irgendetwas zu verraten, sodass er stückweise immer neue Details erfährt und so tappt der Leser ebenso im Dunkeln wie Jenna.

6. Die abwesende Mutter

Was veranlasst eine Mutter dazu ihr Kind allein zurückzulassen oder es zu verlassen und Verwandten und Bekannten zu überlassen das eigene Kind zu versorgen. Nun, diese Frage gibt es auch im echten Leben, und ist eine Parallele zu diesem Buch. Die Frage warum Alice die dreijährige Jenna damals zurückließ, möchte ich an dieser Stelle nicht beantworten, damit würde ich Euch den ganzen Fall auf dem Silbertablett präsentieren und Euch würde das Buch am Ende gar nicht mehr gefallen.

7. Nicht nur thematisch interessant

Aus diesem Grund sage ich nicht viel mehr, als dass es sich lohnt, ein Blick in dieses Buch hinein zu werfen, denn es bietet so viel mehr als nur eine Geschichte zwischen Mutter und Tochter ist keine klassische Familiengeschichte, denn sie ist irgendwie anders und doch ist sie natürlich eine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte mit Abenteuercharakter, Elementen des Spannungsromans  (kein Krimi!) Und noch einiges mehr.
Schon in ihren früheren Büchern zeigte sich, dass Jodi Picoult eigentlich alle schreiben kann. In all ihren Büchern kann sie vor allem auch eins unterhalten. In vielen ihrer Bücher regen ihr Stil und die Art und Weise, wie sie ihre Geschichten erzählt, den Leser zum Nachdenken an und das ist auch bei diesem Buch wieder mal nicht anders.

8. Die Autorin

„Jodi Picoult, geboren 1967 in New York, studierte in Princeton und Harvard. Seit 1992 schrieb sie mehr als zwanzig Romane, von denen viele Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste waren. Die Autorin wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, wie etwa 2003 mit dem renommierten New England Book Award. Picoult lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und zahlreichen Tieren in Hanover, New Hampshire. „Die Spuren meiner Mutter“ ist nach dem Weltbestseller „Bis ans Ende der Geschichte“ ihr zweiter Roman bei C. Bertelsmann.“ (Quelle: Randomhouse.de)

9. Die Rolle der Mutter in der Literatur: ein Fazit

In vielen Büchern kommt die Mutter als eine Figur mit mehr oder weniger starker Ausprägung und Orientierung auf ihre Mutterrolle vor. Es gibt sicherlich viele Bücher, in denen dieser Archetyp eine Rolle spielt und doch gehört sie mit zu den am wandlungsfähigsten Figuren, die man sich vorstellen kann, denn die Mutterrolle bedeutet zwar eine Handvoll Charakterzüge, ist jedoch mit diejenige Figur, die am wandlungsfähigsten erscheint, da sie nicht oder nicht immer alleine daherkommt. Die Mutterrolle bedeutet lediglich die Anwesenheit von Charakterzügen, nicht jedoch die Abwesenheit von weiteren Merkmalen.

Danke Marie, für diesen Beitrag! Wer mehr von der „Vielleserin“ lesen will, wird hier fündig!

 

Tag 4 der Blogparade: #StarkeFrauen lassen sich in kein (gesellschaftliches) Korsett zwängen

Rezension „Der Puppensammler“ von Mila Lippke

geschrieben von Ulrike Blatter

puppensammler-cover

Im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts tauchen an öffentlichen Plätzen nach und nach mehrere Frauenleichen auf, deren innere Organe entfernt wurden. Danach hat sie der Täter mit Stroh ausgestopft, mit Konservierungsflüssigkeit ‚haltbar‘ gemacht und wie Puppen hergerichtet. Frauen, die (vorerst) niemand vermisst, missbraucht als Spielzeug, ebenso namen- wie willenlose Opfer menschenverachtender Manipulationen. Im weiteren Verlauf wird sich zeigen, dass diese Mordopfer exemplarisch stehen für ein auf die Spitze getriebenes Frauenbild dieser Zeit. Und so viel sei bereits jetzt verraten: das ist es, was das Buch tatsächlich spannend macht.

Die Forensik ist zu dieser Zeit ein relativ junger Zweig der medizinischen Wissenschaft, ja die Kriminalistik steckt insgesamt noch in den Kinderschuhen – der Augenschein (getrübt von so manchem wohlfeilen Vorurteil) gilt mehr als die naturwissenschaftliche Beweisführung. So hat der Gerichtsarzt Hektor von Thorwald bei seinen Ermittlungen keinen leichten Stand. Neben den grausam zugerichteten Mordopfern obduziert er wie besessen quasi jede Leiche, deren er habhaft werden kann – nicht aus einer perversen Neigung heraus, sondern um sein Wissen in puncto „nicht natürlichen Todesfällen“ zu erweitern. Bei seiner Arbeit im Leichenkeller wird er von einem ebenso eifersüchtigen wie devoten Faktotum namens Max unterstützt. Kommissar Tiegler, der die polizeiliche Mordermittlung vorantreibt, sitzt allzu oft zwischen allen politischen Stühlen und ist nur eine beschränkte Hilfe bei der Fahndung.

Aber wer wird auch so naiv sein, nach der Wahrheit zu fragen? Oder gar von der Polizei zu verlangen den Mörder zu finden? Geht es doch vielmehr darum, der Öffentlichkeit den gesellschaftlich „passenden“ Täter zu präsentieren und so ganz nebenbei auch politisch dem Gegner eins auszuwischen – stehen doch Wahlen vor der Tür (dieses neumodische Demokratie-Zeugs, das sowieso nur Unruhe und Aufruhr mit sich bringt). So folgt der Plot dieses Krimis dem altbekannten „Whodunit-Prinzip“ und lockt den geneigten Leser auf einige falsche Fährten. Ohne zu spoilern, kann ich verraten, dass an dem Geständnis auf S. 256 nicht viel dran sein kann – hat der Roman doch 318 Seiten. Und auch der notorische Hauptverdächtige, der einzige, der logischerweise in Frage käme und noch dazu ein ausgesprochenes Ekel ist, fällt aus – das wäre ja zu einfach.

Das funktioniert gut, liest sich flott und man verzeiht der Autorin sogar, dass die Auflösung nicht besonders originell ist, denn die Stärken des Romans liegen eindeutig auf Seiten der gut recherchierten Milieuschilderung des Gründerzeit-Berlins, das sich gerade zur Metropole mausert. Adel, Bürgertum und Proletariat leben zwar offiziell in unterschiedlichen Universen, aber ihre Umlaufbahnen nähern sich aneinander an, ja überschneiden sich teilweise – wenn zum Beispiel der verarmte Graf aus purem Kalkül eine Bürgertochter ehelicht, die der neureiche Vater auf dem Heiratsmarkt an den Meistbietenden verschachert. Gesellschaftlicher Aufstieg gegen bare Münze, das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Mit Neigung oder gar Liebe hat das gar nichts zu tun – für romantische Gefühle sind Kitschromane zuständig, die von den Damen gierig konsumiert werden – reiner Eskapismus aus einer Welt, die vor allem eins bietet: nicht enden wollende Langeweile.

So fragt sich die junge Bürgerliche Cecile Blum wohl zu recht, was sie noch vom Dasein erwarten kann, wenn die Hochzeit „der schönste Tag im Leben einer Frau“ sein soll. Intelligenz und Neugier sind in ihrem Universum jedenfalls keine attraktiven weiblichen Attribute und bei dem, was der Zeitgeist verlangt – Brust, Bauch und Hintern, hat die Natur Cecile eindeutig vernachlässigt, und so muss die junge Dame mit Korsett, Reifrock und Tournüre so kräftig nachhelfen, dass das Ergebnis dieser Figuroptimierung an Körperbehinderung grenzt. Aber so nach und nach entledigt sie sich der beengenden Kleidungsstücke und verlässt die gesellschaftlich vorgeschriebenen Trampelpfade. Denn Cecile will Ärztin werden (sie hat gute Gründe, die ich hier aus dramaturgischen Gründen verschweige). Damals war den Frauen jedoch das Studium in Deutschland verboten (die offizielle Statistik zum Frauenstudium in Deutschland beginnt erst im Jahr 1909).

Frisch und unglücklich verlobt, bricht Cecile aus und gelangt auf Umwegen in den Leichenkeller des düsteren Gerichtsarztes Hektor Thorwald. Von ihm erfährt sie, dass Frauen in Zürich Medizin studieren dürfen. Danach bietet die Handlung einige Verwirrungen und Schlenker – die beiden sind sich nicht darüber im Klaren, wen sie da eigentlich vor sich haben. Ceciles weiblicher Blick, geschult in ganz anderen Details als Thorwalds anatomisch-wissenschaftliche Herangehensweise, erkennt jedoch Indizien, die gar nicht so nebensächlich sind, wie sie zuerst erscheinen. So werden die beiden bei den Ermittlungen allmählich zu Verbündeten.

Natürlich entspinnt sich zwischen Hektor und Cecile eine Liebesgeschichte, bei der ich mich gefragt habe, ob sie wirklich notwendig ist. Hier folgt die Autorin dem (vom Verlag vorgegebenen?) Schreibprinzip, das sich an eine vorwiegend weibliche Leserschaft richtet – ein Schuss Romantik muss eben sein. Ironischerweise wird zwischen den Zeilen gegen diese Art des kalkulierten Liebesdramas geätzt, wenn die weiblichen Hauptfiguren den Kitschroman „Melusine“ lesen. Ein Roman im Roman, der ebenso langweilig wie gesellschaftlich korrekt ist.

Die Stärken der Story liegen ganz eindeutig bei den gut recherchierten Milieuschilderungen. Man durchschreitet im Geiste den Torbogen eines prächtigen Berliner Vorderhauses und durchquert bis zu sieben Hinterhöfe, wo dichtgedrängt das menschliche Elend haust – sich aber gleichzeitig auch die „Brutstätten“ der Sozialdemokratie befinden, wo Solidarität, Bildungs- und Aufstiegshunger genauso ihren Platz finden, wie erste zaghafte  Emanzipationsversuche von Frauen.

Pia „die Proletarierin“ steht exemplarisch für diesen ebenso pragmatischen wie selbstbewussten Frauentypus. Selbstverständlich gerät sie in Schwierigkeiten …

Die Zeitreise ist insgesamt gelungen, das alte Berlin wird mit allen Sinnen erlebbar. Leider sind die Charaktere teilweise etwas zu klischeehaft geraten. In einigen Rezensionen wurde kritisiert, dass die Sprache zu umständlich und auf künstliche Weise an die des 19. Jahrhunderts angelehnt sei. Eine gewisse Umständlichkeit und Behäbigkeit ist durchaus vorhanden, was aber zum Sujet passt. Über Geschmack lässt sich aber bekanntermaßen nicht streiten, da muss sich jede*r ein eigenes Urteil machen. Auf jeden Fall wirken die im Berliner Dialekt geschriebenen Passagen erfrischend (leider kommen sie etwas zu kurz!).

Fazit: Lesenswert, vor allem vor dem historischen Hintergrund einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft. Es wird klar, wie erbärmlich kurz die Geschichte der Frauenrechte im deutschsprachigen Raum ist.

Leider kann der Roman nicht ganz auf gängige (Romantik)Klischees verzichten.

Tag 3 der Blogparade #Starke Frauen: heute wirds märchenhaft …

Gastbeitrag von Angela Gaede: Der Fluch der Spindel von Neil Gaiman und Chris Riddell:

fluch

Heute bin ich bei der Blogtour dran und darf euch ein Buch zum Thema “Starke Frauen in Büchern“ präsentieren. Meine Wahl fiel auf Der Fluch der Spindel von Neil Gaiman und Chris Riddell. Dieses Buch weicht ein bisschen von denen der anderen ab. Es ist dünner, schräg und doch hat es eine aussagekräftige Botschaft. Ich finde das Buch passend, weil es auch jüngere Leser erreicht. Zwar schwingt bei Neil Gaiman stets eine düster-melancholische Grundstimmung mit, trotzdem bezeichne ich das Buch als leicht. Es setzt das Thema “starke Frauen“ auf eine witzige, schräge und leichte Weise um, wodurch es Zugang zu Lesern bekommt, die sich mit dem Thema normalerweise nicht auseinandersetzen.
Der Fluch der Spindel ist eine Märchenadaption mit modernen Elementen und überraschenden Wendungen, gleichzeitig bleibt die Form des Märchenerzählens erhalten. Die Geschichte ist nicht lang, aber aussagekräftig und wird mit vielen Illustrationen zu einem wahren Augenschmaus.

Um was geht es genau?

In einem fernen Land liegt hinter einer dichten Rosenhecke ein Schloss, dessen Bewohner seit über sechzig Jahren Schlafen. Für das Land, in dem die Geschichte spielt, ist das nichts Ungewöhnliches. Der Schlaf beginnt sich jedoch auszubreiten. Erst befiel er die umliegenden Bauernhöfe, dann kleinere Dörfer und nun steht er vor der Grenze des Nachbarlandes.
Von ihren treuen Zwergen wird die Königin dieses Nachbarlandes auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Eigentlich hatte sie etwas anderes vor, ihre Hochzeit stand an, doch wie soll man heiraten, wenn alle schlafen. Die Hochzeit wird auf Eis gelegt und dem Geheimnis des Schlafs auf den Grund gegangen.

Ich habe jede Seite genossen. Die Illustrationen sind wundervoll, die Geschichte spannend, humorvoll und anders. Was mich besonders berührt hat, war die Widmung, die Neil Gaiman und Chris Riddell für ihre Töchter geschrieben haben. Sie spiegelt den Kern der Geschichte wieder.

Selbst wenn du Schneewittchen bist, kannst du dich dafür entscheiden auf eine abenteuerliche Reise zu gehen.

Danke, Angela für diesen schräg märchenhaften beitrag und  weiter geht’s hier mit einem Video zum Buch, Viel Spaß!

Der Fluch der Spindel
Neil Gaiman, Chris Riddell
Knesebeck
ISBN: 9783868738728

Morgen berichtet Manuela wie eine vierfache Mutter erfolgreich in die berufliche Selbstständigkeit startet. Es bleibt also spannend – Dranbleiben! 🙂