Frauen, die nicht auf Bestsellerlisten stehen … schreiben Bücher, die in keine Schublade passen

Rezension von „VINDICTA“ und Plauderei mit der Autorin Isabella Bach

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Vor einiger Zeit landete auf meinem Rezensionsstapel ein Buch, das ich erstmal nicht aufschlug. Auf dem Cover eine halbentblößte junge „Sklavin“ mit Augenbinde und wohlgeformter Oberweite (übrigens wurde das Cover für die hier gezeigt Kindle-Ausgabe optisch „entschärft“).  „Deutschlands Antwort auf „Fifty Shades of Grey“ hieß es. Ach du meine Güte! Den Bestseller hatte ich nämlich damals gelangweilt zur Seite gelegt. War „VINDICTA“ auch so eine miese Mischung aus verlogener Romantik und Voyeurismus – als Krimi dann notgedrungen dekoriert mit den obligatorischen Körperflüssigkeiten?

Meine Erwartungen sollten angenehm enttäuscht werden.

Felicitas alias „Lady Caprice“ arbeitet in einem Sado-Maso-Studio und hat zwei jüngere Kolleginnen, von denen die eine ermordet und die andere hochverdächtig ist. Aber auch der attraktive „Dark Raven“ treibt als sadistischer „Dom“ seine manipulativen Spielchen. Felicitas hat eine grausame Vorgeschichte. Einziger Halt ist ihre Großmutter. Diese wiederum hat eine Liebesbeziehung mit dem ermittelnden Kommissar, der nicht nur aussieht wie Heinz Rühmann, sondern genauso schlitzohrig sympathisch rüberkommt.

Mit diesen Charakteren entfaltet sich ein solide und handwerklich gut gemachter Krimi. Es gibt viel Berliner Lokalkolorit, witzige und anrührende Dialoge, gut gemachte Rückblenden, falsche Verdächtige und klug geführte Spannungsbögen, die das Buch stellenweise zum echten Pageturner machen. Die Geschichte spielt in einem ungewöhnlichen Milieu und man lernt so ganz nebenbei viel über die Sado-Maso-Szene. Dabei gelingt der Autorin eine faszinierende Innenschau, die übertriebene voyeuristische Elemente gekonnt vermeidet und trotzdem den Kitzel des Verbotenen aufrechterhält.

Isabella Bach hat also alles richtig gemacht. Das Buch sollte auf dem Markt problemlos seine Leserschaft finden und Erfolg haben.

Hat es aber nicht.

Warum?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum Bespiel der gewählte Verlag. Wahrscheinlich greift der übliche Krimiliebhaber nicht gerade zu einem Buch aus dem „Marterpfahl-Verlag“. Dort findet sich äußerst erfolgreiche Sex-Literatur vor allem aus dem Themenbereich des BDSM, aber auch Ratgeber („Sex für Fortgeschrittene“) und Neuauflagen erotischer Klassiker. Zugegeben: Politisch korrekt und feministisch geht anders. Aber Schmuddelkram, pikant Ergötzliches und das Gefühl des Verbotenen garantierten schon immer gute Geschäfte – warum dann nicht auch für VINDICTA, ein Buch, das – oberflächlich betrachtet – prima ins Programm passt?

Ich habe mich mit der Autorin darüber unterhalten:

Isabella Bach antwortet nachdenklich: Ich sehe auch das Problem, dass der Verlag nicht ideal zur Zielgruppe meines Romans passt. Ich hatte mich seinerzeit mit VINDICTA bei unzähligen Literaturagenten und Verlagen beworben. Leider vergeblich … Und ich muss dem Marterpfahl-Verlag zugutehalten, dass dieses Buch, auch wenn es nicht perfekt ins Programm passt, sorgfältig und professionell gemacht wurde.

Ulrike Blatter: Es gibt ja durchaus Bücher, die das Thema Sado / Maso auf unterhaltsame Art und Weise behandeln. Warum hattest gerade du solche Probleme mit deinem Roman?

I.B.: Als ich mit dem Thema anfing, dachte ich auch, dass ich vom Hype der „Fifty Shades of Grey“ profitieren könnte. Aber da gibt es ziemliche Unterschiede: Insider haben nicht wirklich eine Distanz zu dem, was sie tun. Sie lieben es. Sie sind geil drauf. Das ist für mich okay, wenn es sie glücklich macht. Leute, außerhalb der Szene, die Bücher schreiben oder Filme machen, achten meist nur darauf, dass Szenen eingebaut werden, die bizarr und geheimnisvoll rüberkommen. Um Tiefe kümmert sich kaum einer.

U.B.: Heißt das, es darf nicht zu echt sein? Vielleicht weil es dann bedrohlich nahe heranrückt? Mir fällt da etwas ein. In einem Interview mit einem Bestsellerautor las ich einmal (sinngemäß) den folgenden Satz: „Wenn ein Roman „zu echt“ wird, spüre ich das sofort und lege das Buch zur Seite. Ich lese ausschließlich Fiktion.“

Hast du vielleicht „zu gut“ recherchiert? Eine Ex-Domina schreibt ja zu Deinem Buch: „Als Kennerin der Szene […] hat mich überrascht, wie genau die Autorin Isabella Bach die Gefühle und Gedanken einer Domina und Sklavin beschrieben hat.“

I.B.: Mal andersherum gefragt: Kann man zu gut recherchieren? Mir geht es um Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber ich habe ja keine Reportage geschrieben, sondern einen Krimi … Dafür habe S + M-Leuten interviewt, war in der Szene unterwegs, habe einen Stapel Insider-Literatur gelesen, mich auf Internet-Portalen informiert und mir aus der Distanz heraus eine eigene Meinung gebildet. Dadurch schaffte ich es mich immer besser, mich in meine Charaktere einzufühlen.

U.B.: Auch für mich war es spannend zu lesen, dass Masochismus unterschiedliche Facetten und Spielarten hat und wie Felicitas zur Domina wurde. Die junge Protagonistin mit ihrer Brutalität und gleichzeitig in ihrer Verletzlichkeit fand ich faszinierend.

I.B.: Es war mir wichtig zu zeigen, dass die Motive meiner Figuren sich aus ihrer Biografie heraus erklären. Warum quält jemand? Warum lässt sich jemand (für viel Geld) quälen?

U.B.: Ich finde, das ist dir gelungen. Das Buch ist ziemlich spannend geworden. Aber da ist ja noch etwas – noch so ein Tabu …. Sag mal ernsthaft: Hat dich der Teufel geritten?!

I.B. (grinst entwaffnend): Das meinst du jetzt wortwörtlich, nicht wahr? Meinst du wirklich, die Kritik an der katholischen Kirche ist ein Killer-Kriterium für dieses Buch?

U.B.: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nach Missbrauchsskandalen und einer Welle von Kirchenaustritten ist es ja nichts wirklich Neues, was du beschreibst – ich gehe jetzt nicht ins Detail, da ich nicht spoilern will …

I.B.: Eins kann man vielleicht doch sagen: Ich versuche die Parallelen zwischen Katholizismus und Sado/Maso herauszuarbeiten. Diese ganzen Verstrickungen von angeblicher Schuld und Sühneritualen, die einen Menschen klein machen und in Abhängigkeit halten. Deshalb war Felicitas als junge Frau auch Nonne.

U.B.: Ich fasse zusammen: „VINDICTA“ ist ein spannender, gut gemachter Krimi, der Einblicke in eine ungewöhnliche Szene gewährt – aber leider ist das Buch nur sichtbar für die „falsche“ Zielgruppe. Vielleicht können wir das ja mit diesem Interview ändern?

I.B.: Ich würde mich freuen. Das würde mir Mut machen, auch weiter über Tabuthemen unserer Gesellschaft zu schreiben.

U.B.: …. und ich dachte immer, in unserer Gesellschaft gibt es keine Tabus mehr …

I.B.: Unsere Gesellschaft erinnert mich eher an ein scheinbar intaktes Haus: Frisch gestrichene Fassade, aber die Mauern bröckeln.Und die Bewohner weigern sich, darüber zu reden.

***

VINDICTA – Strafe muss sein; Taschenbuch: 210 Seiten; erschienen 2015 im Marterpfahl Verlag; Homepage der Autorin: www.isabella-bach.de

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

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So was von tragisch! So was von unnötig!

Bei dieser Geschichte gibt es nur Opfer. Vollkommen zu Unrecht.

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Totgeliebt – das trifft es. Ein Paar, das sich in der Wirtschaftswunderzeit kennenlernt und gemeinsam zu neuen Ufern aufbricht. Sie: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber die junge Frau steht auf eigenen Beinen. Er: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber der junge Mann steht auf eigenen Beinen und macht Karriere als Flieger-Offizier. Sie hält ihm den Rücken frei und ordnet sich ein (oder unter?). So weit, so traditionell. Aber trotz aller Schwierigkeiten: Beide lieben sich herzlich und finden sich auch nach 30 Jahren Ehe körperlich noch anziehend.

Und dann schießt sie ihn tot.

Einfach so? Andreas Kläne hat diesen Fall sorgfältig recherchiert und schafft es, ein Szenario zu entwickeln, in dem nachfühlbar wird, warum diese Liebe so grausam endete. Vieles ist aus dem historischen Kontext heraus zu verstehen – beide Ehepartner waren in traditionellen Rollenbildern geradezu einzementiert und dort, wo Hilfe (z.B. therapeutisch) dringend notwendig gewesen wäre, herrschte Sprachlosigkeit. Die Tragik ist, dass jede/r sein Bestes gab und am eigenen Leben quasi vorbei lebte. Vorwürfe und Schuldzuweisungen gab es kaum. Auch keinen Streit. Alles wurde stets in schier unerschöpflicher Harmoniesucht übertüncht. Bis sich das nicht gelebte Leben endlich Bahn brach – und keine Mittel zur Verfügung standen, um mit einer solchen Situation umzugehen. Aus existenziell erlebter Bedrohung wurde eine Alles-oder Nichts-Lösung. Mit fatalen Konsequenzen. Tragisch, da es so viele potentielle Wendepunkte gegeben hätte, da so viel guter Wille vorhanden war und die Sache dann letztendlich an Sprachlosigkeit und (vermeintlichen) gesellschaftlichen Erwartungen scheiterte.

Andreas Kläne hat diesen Niedergang einer Ehe sorgfältig dokumentiert. Wer einen reißerischen Thriller erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch ist eher eine Dokumentation und im Stil einer sorgfältigen Reportage geschrieben (der Autor hat ja auch einen journalistischen Hintergrund). Andreas Kläne lässt sich viel Zeit damit, die Partner über Jahrzehnte zu begleiten und kommentiert nicht. Mit Perspektive-Wechseln schafft er Verständnis für beide Seiten ohne etwas zu entschuldigen. Was mir ein wenig gefehlt hat: Warum wurde aus der sinnlichen Geliebten und selbstbewussten Berufsfrau ein zugeknöpftes, frigides, putzwütiges Hausmütterchen? Man kann sich das als Leser denken – aber hier der Täterin bei ihrem psychischen Wandel näher zu kommen, wäre interessant gewesen. Aber wahrscheinlich wollte der Autor hier nicht zu sehr in die Fiktion abgleiten und hielt sich an das vorliegende Interviewmaterial mit einer Frau, die zur „Innenschau“ offenbar kaum fähig ist.

Die Sprache des Autors ist eher nüchtern, journalistisch. Seine Figuren sind ungeübt darin ihre Gefühle jenseits von Klischees auszudrücken. Auch dies vielleicht mit ein Grund dafür, dass mir die sprachliche Umsetzung nicht durchgängig gefallen hat. Teilweise gibt es unnötige Wortwiederholungen oder die Dialoge wirken etwas hölzern bzw. „aufgesetzt“. Das sind allerdings nur kleine Kritikpunkte. Das Buch ist absolut lesenswert, ein Zeitdokument bzgl. der Auffassung von dem was eine „Ehe in Deutschland“ ist (bzw. war) und ein flammendes Plädoyer gegen zementierte Geschlechterrollen – und dafür, sich rechtzeitig helfen zu lassen und nicht alle seelischen Nöte hinter einer geputzten Fassade zu verstecken.

Totgeliebt: Tatsachenroman; 392 Seiten

erschienen bei tredition

Frauen im Käfig – in Sicherheit oder im Gefängnis?

Rezension des Romans „Ehre“ von Elif Shafak; ein Beitrag zur Reihe #Starke Frauen

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Nachdem unsere Blogparade zu Ende ist, werde ich dennoch weiter in lockerer Reihenfolge unter #StarkeFrauen interessante Entdeckungen zum Thema Frauenliteratur vorstellen und dazu auch Gastbeiträge hochladen. Die Autorin Elif Shafak lebt mit ihrer Familie in London und Istanbul und ist eine glaubwürdige Wanderin zwischen den kulturellen Welten.

Im ersten Kapitel erfahren wir, dass nach 14 Jahren die Haftentlassung von Iskender bevorsteht, der als Sechzehnjähriger die eigene Mutter tötete. Ein Ehrenmord, um das Gesicht der Familie zu retten. Aber Rettung ist nirgends in Sicht, die Familie scheint zerstört.

Danach entfaltet sich der Roman in Rückblenden, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt werden. Wo liegen die Wurzeln dieser Familie? Erklärt die Vergangenheit die gegenwärtige Tragödie? Wenn die ungeschriebenen Gesetze der Tradition eine hilfreiche Klammer darstellen, die Familien stützen und gesellschaftliches Miteinander erst möglich machen, welche Opfer dürfen dafür gebracht werden?

Im Jahr 1945 werden die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila als 7. und 8. Mädchen einer kurdischen Familie geboren. Sie werden früh zu Halbwaisen, als das Projekt „Sohn“ ebenso endgültig wie tragisch scheitert. So wird Naze, die Mutter der Zwillinge, zum ersten Opfer der Verhältnisse.

In symbiotischer Zweisamkeit wachsen die Mädchen im traditonellen Umfeld heran, großgezogen von der ältesten Schwester, die zum Mutterersatz wird. Auch sie wird zum Opfer werden. Der Sinn im Leben einer Frau? „Sie wollte später einmal heiraten – ein Brautkleid und eine Buttercremtorte, wie man das in der Stadt machte, fand sie wunderbar. […] Sie wollte Kinder.“

Aber als sich Adem in Jamila verliebt, diktieren die ungeschriebenen Gesetze, dass diese Beziehung nicht gelebt werden darf. Also heiratet Adem Pembe, die (fast) identisch aussehende Zwillingsschwester. Pembe und Adem ziehen nach London und gründen dort eine Familie mit drei Kindern. Jamila bleibt im Dorf und arbeitet als Hebamme. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Elif Shafak nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren. Adem wird mit seiner Herkunftsfamilie vorgestellt, und obwohl der Spieler und Schürzenjäger sicher kein Sympathieträger ist, kann man nicht vergessen, was ihm als Kind widerfuhr. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Die Lösung? Vielleicht wäre es Offenheit gewesen, der Mut Dinge direkt anzusprechen. Vielleicht, sich Hilfe von außen zu holen – eine Therapie? Lächerlich. In solchen Kategorien denken weder Adem noch Pembe. Sie sind Gefangene ihrer Herkunft.

Iskender, der Erstgeborene ist Mutters „Löwe“, der „kleine Sultan“, die hemmungslos verhätschelte Wiedergutmachung der endlich gestillten Sehnsucht nach einem Sohn. Esma, die Zweitgeborene ist „kein englisches Mädchen“ – sagt zumindest die Mutter. Pubertätsnöte, Verantwortungsgefühl, kleine Geheimnisse und die ewige kulturelle Zerrissenheit führen zu ständigen Loyalistätskonflikten. Eine brisante Mischung, die durch die Liebe zur Familie zusammengehalten wird. Yunus, der Jüngste schließt sich einer Horde von Punkern an, die im wilden London der Siebziger Jahre ein Haus besetzen. Er, das am wenigsten angepasste „Problemkind“, wird es schließlich sein, der einen ungewöhnlichen Rettungsweg aufzeigen wird.

Ist Pembe eine schwache Frau, weil sie die Eskapden ihres Mannes hin nimmt und nie so richtig Englisch lernt? Oder ist sie eine starke Frau, weil sie die Familie zusammenhält und Geld verdient, nachdem ihr Mann zuerst alles verspielte und dann die Familie verließ?

Ist das ungeschriebene Gesetz der Ehre ein Schutz, weil es das Zusammenleben der Generationen und der Geschlechter unmissverständlich regelt, oder ist es ein Gefängnis, das jegliche individuelle Weiterentwicklung brutal verhindert? Jede Figur im Buch gibt eine andere Antwort auf diese Fragen – und diese ändern sich, je nach Lebensalter und Erfahrungshintergrund. Nichts bleibt wie es ist. Aber das ist verwirrend. Und kränkend – für Männer, deren uneingeschränkte Autorität in Frage gestellt wird. Für Frauen, die sich ständig schämen müssen. Für beide, weil sie keine Worte finden für das, was mit ihnen geschieht. Und diese Sprachlosigkeit ist die eigentliche Tragödie.

Ebenso tastend wie die Suche nach den richtigen Wörten entwickelt sich dann auch die Liebesgeschichte zwischen Pembe und Elias. Nachdem Adem verschwunden ist, beginnt Pembe sich mit der Zufallsbekanntschaft zu treffen. Heimlich schauen sie Filme an, meist Stummfilme, da hier das Sprachverständnis nicht so wichtig ist. Eigentlich passiert nicht viel zwischen den beiden. Aber es reicht aus, um alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen. Und so kommt es zur Tragödie: Iskender, aufgehetzt von seinem Onkel Tarik und einen Hassprediger, stürzt sich mit einem Messer in der Hand auf die Mutter.

Wie es der Autorin nach dieser Bluttat gelingt, die losen Fäden der Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls vergisst sie niemanden, jede Figur kommt zu ihrem Recht, und sie schlägt den ganz großen Erzählbogen, ohne dass es künstlich oder konstruiert wirkt – obwohl sie einige erzählerische Kniffe anwendet.

Ja, es gibt sogar eine Art von Happy-End – obwohl je Figur im Buch das natürlich komplett anders sehen würde. Zumindest öffnen Esma und Yunus Fenster und Türen in eine Welt, die anders sein könnte und auch Iskender hat einen langen Weg zu sich selbst zurückgelegt.

Vergleich:  Beim Lesen musste ich mehrmals an „das Verborgene Wort“ von Ulla Hahn denken. Die miefige Gesellschaft der 50iger erscheint heute genauso fern wie ein Dorf in Kurdistan, aber die brutale Unterdrückung derjenigen, die anders leben wollen, ist auch bei uns noch gar nicht so lange her.

Und dann kam mir noch ein anderes Buch in den Sinn: Vor einigen Wochen schrieb ich eine Rezension zu „Makaronissi“ von Vea Kaiser, ebenfalls ein Generationenroman, geprägt durch Migrationserfahrungen. Makaronissi hat mir sehr gut gefallen. Hier standen im Vordergrund, die ungebremste Fabulierlust, die Freude an schrägen Typen und der große historische Erzählbogen der von Tradition über Migration zu neu zusammengewürfelten Beziehungen führt. Vordergründig gesehen auch die Themen von „Ehre“. Elif Shalfak schreibt, meiner Meinung nach, jedoch konsistenter, glaubwürdiger. Die einzelnen Charaktere sind zwar in ihren Rollen gefangen, offenbaren jedoch in überraschenden Wendungen Tiefe und Glaubwürdigkeit, wie sie nur das echte Leben verleiht. Kurz gesagt: Vea Kaiser schreibt als Beobachterin ‚von außen‘, Elif Shafak schreibt sozusagen aus dem ‚Inneren ihrer Figuren‘ heraus. Die eigene Biographie spielt dabei sicher eine große Rolle. Aber sie erwähnt auch, dass viele Frauen ihr die eigene Lebensgeschichte anvertraut haben.

Fazit: Ein schönes Buch. Ein schreckliches Buch. Eines der Bücher, bei denen man bedauert, dass sie zu Ende sind.

 

Tag 5 der Blogparade #StarkeFrauen: Mutterrolle im Wandel: „Die Spuren meiner Mutter“

ein Gastbeitrag von Marie Lanfermann

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Wer sich mit den Büchern von Jodi Picoult beschäftigt hat, der weiß, dass Jodi Picoult in ihren Romanen sehr stark auf Beziehungen eingeht und sich ihre Romane dabei zumeist um eine Familie drehen. Auch im neuen Roman von Jodi Picoult geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung. Dieses Buch wirft somit gleich zwei Fragen auf, die eigentlich wenig mit dem Buch oder der Geschichte selbst zu tun haben. Zum einen wäre da das Thema, „Die Mutterrolle in Gesellschaft und Literatur“, zum anderen aber auch die Frage, warum die Mutter in so vielen Büchern und auch genreübergreifend eine derart wichtige Rolle spielt.
Dieser Artikel wird somit also keine klassische Rezension.

1. Die Rolle der Mutter in Gesellschaft und Literatur

Nun, betrachtet man die Rolle der Mutter in Gesellschaft und Literatur, so dürfte auffallen, dass sie sich seit den Fünfzigerjahren kontinuierlich und unaufhaltsam geändert hat, galt die Mutter früher als den Haushalt machend und die Familie zusammenhaltend, womöglich sogar als Mittelpunkt der Familie, gibt es heute sogar Business-Frauen, die Mutter werden.
Betrachtet man das Frauenbild von früher und heute hat es den gleichen Wandel durchlaufen. Heute besteht die Rolle der Frau nicht mehr nur darin, den Haushalt zu führen, die Familie zusammenzuhalten und dem man den Rücken zu stärken, vielmehr haben Frauen heute ein Recht auf eine eigene Karriere. Eine Karriere, die sowohl in typisch femininen Berufen und Bereichen als auch in maskulinen Bereichen stattfinden kann.
Natürlich gibt es immer noch nicht so viele Frauen in der Chefetage, hier ist es immer noch zumeist eine Männerdomäne, aber es werden mehr und die Frauen, die heute in diese Position kommen, sind zum Teil auch Mutter, obwohl das noch seltener vorkommt als eine Frau in der Chefetage.
Früher hieß es „Kind oder Karriere“, heute heißt es „Kind UND Karriere“. Ein auf den ersten Blick kleiner Unterschied mit einer großen Wirkung. Einer Wirkung, die Gesellschaft unaufhörlich verändern und verschieben wird und die sich heutzutage auch schon in der Literatur findet.
Heute findet man in Büchern neben den scharfen Heldinnen, die schon seit jeher den historischen Büchern zugrunde liegen und die es irgendwie geschafft haben selbst in schwierigsten Zeiten ihren eigenen Weg zu finden, auch die realistischen Beschreibungen von Mutterschaft, von Stress, Karriere und Kind. Ob es nun in Büchern wie jenen von Jodi Picoult ist oder in einem vergleichsweise leichten Roman, ist aber erst einmal irrelevant.
Fakt ist die Beziehung zwischen Kindern und ihren Müttern hat sich verändert und ist heute mit deutlich mehr Konflikten aufgeladen als früher, scheint es, doch ob dies tatsächlich der Fall ist, kann, glaube ich, niemand so recht beantworten, da Fassade und Wirklichkeit auch sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können.
Im Fall von Jodi Picaults „Die Spuren meiner Mutter“ folgt die 13-jährige Jenna den Spuren ihrer vor zehn Jahren verschwundenen Mutter und begibt sich somit auf eine spannende Reise auf der Suche nach ihrer Identität.
Somit bekommt man tatsächlich schon einen Anhaltspunkt davon, was die Aufgabe einer Mutter in der Gesellschaft ist. Eine Mutter oder auch ein Vater schafft Identität, in Büchern hingegen hat die Mutter zumeist noch eine andere Aufgabe, sie hütet und behütet. In den allermeisten Fällen hütet sie ein Familiengeheimnis, das so über die Jahre nie ans Licht kommen darf und wenn doch, dann würde es zu einem großen Chaos kommen. In den allermeisten Fällen jedoch kommt das besagte Familiengeheimnis ans Licht und dann folgt der große Knall und das Chaos am Ende ist meist gar nicht so groß, wie zunächst gedacht.
Dann jedoch gibt es auch noch die behütende Mutter, die sehr an dem Wohl ihrer Kinder interessiert ist, und somit insbesondere in der Literatur zu einem Problem führt, denn sie steht dem Abenteuer vieler Bücher im Wege, ist ein Hindernis für den Protagonisten oder etwas Vergleichbares.
Im Fall von „Die Spuren meiner Mutter“ ist die Rolle der Mutter noch einmal etwas spezieller, denn sie ist effektiv abwesend, seit über zehn Jahren und niemand weiß genau, was ihr zugestoßen ist. Das alles ist ein wenig mysteriös, rätselhaft. Um zu verstehen, worum es eigentlich geht, müsste man eigentlich das gesamte Buch lesen, da reicht ein Klappentext nicht aus. Dennoch möchte ich Euch an dieser Stelle besagten Klappentext präsentieren.

2. Klappentext

„Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mithilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.“ (Quelle: Randomhouse.de)

3. Originell aber anders

So könnte man dieses Buch mit wenigen Worten beschreiben, doch das würde diesem Buch nicht gerecht werden, weswegen ich mich an dieser Stelle auch nicht an einer Rezension versuche, stattdessen möchte ich weiter über die Rolle der Mutter in der Literatur nachdenken und widme mich der Frage, warum bietet sie sich in so vielen Büchern als Haupt- oder Nebenfigur an?

3. Mutter – eine Figur mit Konfliktpotenzial

Nun in den allermeisten Büchern ist die Mutter eine Figur, die entweder eine Nebenfigur ist, aus dem Hintergrund eine wichtige Rolle spielt oder für eine andere Hauptfigur ein Konfliktpotenzial darstellt. Schon im echten Leben reiben sich Menschen an Elternteilen auf, spätestens mit Beginn der Pubertät, der Adoleszenz oder der Ablösezeit beginnt ein Abnabelungsprozess und ein jeder steht irgendwo auf den eigenen Beinen mehr oder weniger großen Erfolg.
In Büchern ist dieser Konflikt auf wenigen Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gefasst. Das heißt, die einzelnen Konfliktpotenziale und Konfliktherde schwelen nicht nur, sie brechen innerhalb kürzester Zeit auf. Genau aus diesem Grund ist die Mutter als Figur wohl auch so beliebt.

4. Die wandelbarste Figur

Die Protagonistin, welche die Rolle der Mutter innehat, kann völlig anders aussehen als in einem anderen Buch und doch kann sie Mutter sein, und hat somit gleich eine ganze Reihe neuer Konflikte, dass sich ihre Rolle womöglich verschoben hat. Kippt die Protagonistin in irgendeiner Weise um und erscheint schwach, kann sie durch die Mutterrolle aus der langweiligen Position in die interessanteste Figur des ganzen Buches verhandelt werden.

5. Die Spuren meiner Mutter: viele Geschichten wandelnder Perspektiven

Die Geschichte die Jodi Picoult erzählt ist eigentlich eine Vielzahl von Geschichten mit einer Vielzahl von möglichen Perspektiven und jeder einzelne Perspektive bietet andere Sichtweisen auch auf die Rolle der Mutter. Am spannendsten in diesem Buch sind für meine Fragestellung eigentlich die Rolle von Jenna und ihrer Mutter Alice, denn die eine weiß ganz genau, wo sie sich befindet und was passiert ist, und die andere begibt sich eigentlich auf ihre Fährte. Sie liest Tagebucheinträge, Polizeiakten und spricht mit Menschen, die mit dem Verschwinden ihrer Mutter in Verbindung standen.
Niemand mit Ausnahme von Alice weiß was passiert ist und auch Alice tut sich schwer damit dem Leser irgendetwas zu verraten, sodass er stückweise immer neue Details erfährt und so tappt der Leser ebenso im Dunkeln wie Jenna.

6. Die abwesende Mutter

Was veranlasst eine Mutter dazu ihr Kind allein zurückzulassen oder es zu verlassen und Verwandten und Bekannten zu überlassen das eigene Kind zu versorgen. Nun, diese Frage gibt es auch im echten Leben, und ist eine Parallele zu diesem Buch. Die Frage warum Alice die dreijährige Jenna damals zurückließ, möchte ich an dieser Stelle nicht beantworten, damit würde ich Euch den ganzen Fall auf dem Silbertablett präsentieren und Euch würde das Buch am Ende gar nicht mehr gefallen.

7. Nicht nur thematisch interessant

Aus diesem Grund sage ich nicht viel mehr, als dass es sich lohnt, ein Blick in dieses Buch hinein zu werfen, denn es bietet so viel mehr als nur eine Geschichte zwischen Mutter und Tochter ist keine klassische Familiengeschichte, denn sie ist irgendwie anders und doch ist sie natürlich eine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte mit Abenteuercharakter, Elementen des Spannungsromans  (kein Krimi!) Und noch einiges mehr.
Schon in ihren früheren Büchern zeigte sich, dass Jodi Picoult eigentlich alle schreiben kann. In all ihren Büchern kann sie vor allem auch eins unterhalten. In vielen ihrer Bücher regen ihr Stil und die Art und Weise, wie sie ihre Geschichten erzählt, den Leser zum Nachdenken an und das ist auch bei diesem Buch wieder mal nicht anders.

8. Die Autorin

„Jodi Picoult, geboren 1967 in New York, studierte in Princeton und Harvard. Seit 1992 schrieb sie mehr als zwanzig Romane, von denen viele Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste waren. Die Autorin wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, wie etwa 2003 mit dem renommierten New England Book Award. Picoult lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und zahlreichen Tieren in Hanover, New Hampshire. „Die Spuren meiner Mutter“ ist nach dem Weltbestseller „Bis ans Ende der Geschichte“ ihr zweiter Roman bei C. Bertelsmann.“ (Quelle: Randomhouse.de)

9. Die Rolle der Mutter in der Literatur: ein Fazit

In vielen Büchern kommt die Mutter als eine Figur mit mehr oder weniger starker Ausprägung und Orientierung auf ihre Mutterrolle vor. Es gibt sicherlich viele Bücher, in denen dieser Archetyp eine Rolle spielt und doch gehört sie mit zu den am wandlungsfähigsten Figuren, die man sich vorstellen kann, denn die Mutterrolle bedeutet zwar eine Handvoll Charakterzüge, ist jedoch mit diejenige Figur, die am wandlungsfähigsten erscheint, da sie nicht oder nicht immer alleine daherkommt. Die Mutterrolle bedeutet lediglich die Anwesenheit von Charakterzügen, nicht jedoch die Abwesenheit von weiteren Merkmalen.

Danke Marie, für diesen Beitrag! Wer mehr von der „Vielleserin“ lesen will, wird hier fündig!

 

Tag 4 der Blogparade: #StarkeFrauen lassen sich in kein (gesellschaftliches) Korsett zwängen

Rezension „Der Puppensammler“ von Mila Lippke

geschrieben von Ulrike Blatter

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Im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts tauchen an öffentlichen Plätzen nach und nach mehrere Frauenleichen auf, deren innere Organe entfernt wurden. Danach hat sie der Täter mit Stroh ausgestopft, mit Konservierungsflüssigkeit ‚haltbar‘ gemacht und wie Puppen hergerichtet. Frauen, die (vorerst) niemand vermisst, missbraucht als Spielzeug, ebenso namen- wie willenlose Opfer menschenverachtender Manipulationen. Im weiteren Verlauf wird sich zeigen, dass diese Mordopfer exemplarisch stehen für ein auf die Spitze getriebenes Frauenbild dieser Zeit. Und so viel sei bereits jetzt verraten: das ist es, was das Buch tatsächlich spannend macht.

Die Forensik ist zu dieser Zeit ein relativ junger Zweig der medizinischen Wissenschaft, ja die Kriminalistik steckt insgesamt noch in den Kinderschuhen – der Augenschein (getrübt von so manchem wohlfeilen Vorurteil) gilt mehr als die naturwissenschaftliche Beweisführung. So hat der Gerichtsarzt Hektor von Thorwald bei seinen Ermittlungen keinen leichten Stand. Neben den grausam zugerichteten Mordopfern obduziert er wie besessen quasi jede Leiche, deren er habhaft werden kann – nicht aus einer perversen Neigung heraus, sondern um sein Wissen in puncto „nicht natürlichen Todesfällen“ zu erweitern. Bei seiner Arbeit im Leichenkeller wird er von einem ebenso eifersüchtigen wie devoten Faktotum namens Max unterstützt. Kommissar Tiegler, der die polizeiliche Mordermittlung vorantreibt, sitzt allzu oft zwischen allen politischen Stühlen und ist nur eine beschränkte Hilfe bei der Fahndung.

Aber wer wird auch so naiv sein, nach der Wahrheit zu fragen? Oder gar von der Polizei zu verlangen den Mörder zu finden? Geht es doch vielmehr darum, der Öffentlichkeit den gesellschaftlich „passenden“ Täter zu präsentieren und so ganz nebenbei auch politisch dem Gegner eins auszuwischen – stehen doch Wahlen vor der Tür (dieses neumodische Demokratie-Zeugs, das sowieso nur Unruhe und Aufruhr mit sich bringt). So folgt der Plot dieses Krimis dem altbekannten „Whodunit-Prinzip“ und lockt den geneigten Leser auf einige falsche Fährten. Ohne zu spoilern, kann ich verraten, dass an dem Geständnis auf S. 256 nicht viel dran sein kann – hat der Roman doch 318 Seiten. Und auch der notorische Hauptverdächtige, der einzige, der logischerweise in Frage käme und noch dazu ein ausgesprochenes Ekel ist, fällt aus – das wäre ja zu einfach.

Das funktioniert gut, liest sich flott und man verzeiht der Autorin sogar, dass die Auflösung nicht besonders originell ist, denn die Stärken des Romans liegen eindeutig auf Seiten der gut recherchierten Milieuschilderung des Gründerzeit-Berlins, das sich gerade zur Metropole mausert. Adel, Bürgertum und Proletariat leben zwar offiziell in unterschiedlichen Universen, aber ihre Umlaufbahnen nähern sich aneinander an, ja überschneiden sich teilweise – wenn zum Beispiel der verarmte Graf aus purem Kalkül eine Bürgertochter ehelicht, die der neureiche Vater auf dem Heiratsmarkt an den Meistbietenden verschachert. Gesellschaftlicher Aufstieg gegen bare Münze, das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Mit Neigung oder gar Liebe hat das gar nichts zu tun – für romantische Gefühle sind Kitschromane zuständig, die von den Damen gierig konsumiert werden – reiner Eskapismus aus einer Welt, die vor allem eins bietet: nicht enden wollende Langeweile.

So fragt sich die junge Bürgerliche Cecile Blum wohl zu recht, was sie noch vom Dasein erwarten kann, wenn die Hochzeit „der schönste Tag im Leben einer Frau“ sein soll. Intelligenz und Neugier sind in ihrem Universum jedenfalls keine attraktiven weiblichen Attribute und bei dem, was der Zeitgeist verlangt – Brust, Bauch und Hintern, hat die Natur Cecile eindeutig vernachlässigt, und so muss die junge Dame mit Korsett, Reifrock und Tournüre so kräftig nachhelfen, dass das Ergebnis dieser Figuroptimierung an Körperbehinderung grenzt. Aber so nach und nach entledigt sie sich der beengenden Kleidungsstücke und verlässt die gesellschaftlich vorgeschriebenen Trampelpfade. Denn Cecile will Ärztin werden (sie hat gute Gründe, die ich hier aus dramaturgischen Gründen verschweige). Damals war den Frauen jedoch das Studium in Deutschland verboten (die offizielle Statistik zum Frauenstudium in Deutschland beginnt erst im Jahr 1909).

Frisch und unglücklich verlobt, bricht Cecile aus und gelangt auf Umwegen in den Leichenkeller des düsteren Gerichtsarztes Hektor Thorwald. Von ihm erfährt sie, dass Frauen in Zürich Medizin studieren dürfen. Danach bietet die Handlung einige Verwirrungen und Schlenker – die beiden sind sich nicht darüber im Klaren, wen sie da eigentlich vor sich haben. Ceciles weiblicher Blick, geschult in ganz anderen Details als Thorwalds anatomisch-wissenschaftliche Herangehensweise, erkennt jedoch Indizien, die gar nicht so nebensächlich sind, wie sie zuerst erscheinen. So werden die beiden bei den Ermittlungen allmählich zu Verbündeten.

Natürlich entspinnt sich zwischen Hektor und Cecile eine Liebesgeschichte, bei der ich mich gefragt habe, ob sie wirklich notwendig ist. Hier folgt die Autorin dem (vom Verlag vorgegebenen?) Schreibprinzip, das sich an eine vorwiegend weibliche Leserschaft richtet – ein Schuss Romantik muss eben sein. Ironischerweise wird zwischen den Zeilen gegen diese Art des kalkulierten Liebesdramas geätzt, wenn die weiblichen Hauptfiguren den Kitschroman „Melusine“ lesen. Ein Roman im Roman, der ebenso langweilig wie gesellschaftlich korrekt ist.

Die Stärken der Story liegen ganz eindeutig bei den gut recherchierten Milieuschilderungen. Man durchschreitet im Geiste den Torbogen eines prächtigen Berliner Vorderhauses und durchquert bis zu sieben Hinterhöfe, wo dichtgedrängt das menschliche Elend haust – sich aber gleichzeitig auch die „Brutstätten“ der Sozialdemokratie befinden, wo Solidarität, Bildungs- und Aufstiegshunger genauso ihren Platz finden, wie erste zaghafte  Emanzipationsversuche von Frauen.

Pia „die Proletarierin“ steht exemplarisch für diesen ebenso pragmatischen wie selbstbewussten Frauentypus. Selbstverständlich gerät sie in Schwierigkeiten …

Die Zeitreise ist insgesamt gelungen, das alte Berlin wird mit allen Sinnen erlebbar. Leider sind die Charaktere teilweise etwas zu klischeehaft geraten. In einigen Rezensionen wurde kritisiert, dass die Sprache zu umständlich und auf künstliche Weise an die des 19. Jahrhunderts angelehnt sei. Eine gewisse Umständlichkeit und Behäbigkeit ist durchaus vorhanden, was aber zum Sujet passt. Über Geschmack lässt sich aber bekanntermaßen nicht streiten, da muss sich jede*r ein eigenes Urteil machen. Auf jeden Fall wirken die im Berliner Dialekt geschriebenen Passagen erfrischend (leider kommen sie etwas zu kurz!).

Fazit: Lesenswert, vor allem vor dem historischen Hintergrund einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft. Es wird klar, wie erbärmlich kurz die Geschichte der Frauenrechte im deutschsprachigen Raum ist.

Leider kann der Roman nicht ganz auf gängige (Romantik)Klischees verzichten.

Tag 1 der Blogparade #StarkeFrauen: „Miss Terry“ – ein Bestseller, der es verdient ganz oben zu stehen

Ein Gastbeitrag von Sabine Ibing:

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Der erste Satz: »Könnten wir Nita Theri beim Schlafen zusehen, wir bekämen vermutlich einen ganz falschen Eindruck.«

Nita Theri, in England geboren, Britin, Tochter pakistanischer Einwanderer, hat sich in London, unweit vom Fluss, eine Eigentumswohnung gekauft. Sie arbeitet als Lehrerin. Später erfährt man, sie hat ihrem Vater ein Geschäft verpatzt, denn der wollte sie meistbietend an einen älteren Mann nach Pakistan verheiraten. Nita wollte weder ihr Studium abbrechen noch einen älteren Mann heiraten. Sie ist abgehauen, muss sich verstecken, denn wehe, ihr Vater und die anderen Männer der Familie erwischen sie … Heimlich telefoniert ihre jüngere Schwester mit ihr, die sich nämlich nicht gewehrt hat, die das Studium abbrach, im fremden Ausland bei einem ungeliebten Mann lebt. Nita muss sparsam sein, die Raten für die Wohnung und die Rückzahlung des Studiendarlehns drücken. Sie geht nicht viel aus, hat wenig soziale Kontakte. Liza Cody hat diesen Krimi aus der personalen Ebene geschrieben. Nicht in der Ich-Form, sondern als Leser blicken wir auf Nita, erleben, was sie erlebt und sehen nur das, was Nita von der Welt sieht.

Doch nun von Anfang an: Vor dem Haus gegenüber steht ein Container, es wird renoviert. Nita ärgert sich, denn die Nachbarn entsorgen ihren Müll, ihre Tannenbäume und vieles mehr zwischen dem Bauschutt. Und plötzlich klingelt die Polizei bei Nita, stellt komische Fragen. Man fragt, mit wem sie schläft und mit wie vielen. Was passiert sei, fragt Nita, worum es gehe. Nur ein paar Fragen. Man hält sich bedeckt. Andere Nachbarn werden nicht ausgequetscht. Was geht vor? Man verlangt sogar eine DNA-Probe von Nita. Sie bittet die Polizisten, zu gehen. »

›Sie sprechen verdammt gut Englisch‹, sagte Reed in einem Ton, der versöhnlich klingen sollte. – ›Ich bin Engländerin.‹ Nita war so wütend, dass sie fast stotterte. ›Und sie beide gehen jetzt bitte.‹«

Immer wieder diese Frage! Nita versteht es nicht. Die Polizisten gehen nicht, bitten sie sogar, einen Tee zu kochen, amüsieren sich, wie sie die Kanne vorwärmt. Man kann die Polizei nicht rausschmeißen, nicht mit dieser Hautfarbe. Aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Nita informiert sich, ob sie ohne Begründung ihre DNA abgeben muss. Auf Seite 81 erfahren wir endlich gemeinsam mit Nita, was passiert ist. In dem Container wurde ein toter Säugling gefunden. »

›… Ein kleines Mädchen, höchstens ein paar Tage alt, wobei wir noch auf den gerichtsmedizinischen Befund warten, um ganz sicher zu sein. Und genau, wie sie bereits vermutet haben, war das Baby multi-ethnischer Abstammung.‹ – ›Welche Ethnien?‹ – Sergeant Cutler schaute unbehaglich drein. – ›Sie wissen es nicht, nicht wahr?‹ Nita empfand etwas wie Genugtuung. ›Und daraufhin haben sie sich auf die einzige farbige Frau in der Guscott Road gestürzt. …«

Für Nita bricht nun eine Welt zusammen. Anwohner behaupten, sie wäre schwanger gewesen. Eine Nachbarin hält zu Nita und klärt sie auf, welche Gerüchte herumgehen.

»Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin. Ich hab gesagt, Sie sind nicht der Typ für so was, aber die verflixten Cops meinten, das wäre generell keine Frage des Typs, und wir müssten heutzutage alle die Augen offen halten, immer und überall.«

Hass gegen die Dunkelhäutige springt Nita nun entgegen. Auch an der Schule wird sie vom Direktor zum Gespräch geladen. Umschläge mit merkwürdigen Dingen landen in ihrem Briefkasten. Da tritt Privatermittler Zach in ihr Leben. Der kennt sich mit polizeilichen Ermittlungen aus. Sein Honorar frisst Nitas Notgroschen auf. Eine Boshaftigkeit nach der anderen stellen ihr Leben auf den Kopf. Wird Zach sie vor der Polizei schützen können, herausfinden, wer Nita bedroht? Wird die Zeitung ihren Namen schreiben und die Familie ihr auf die Spur kommen?

»WAS NU BRAUNE KUH«, so ist das Päckchen beschriftet, das vor Nitas Haustür liegt.

Nita kocht gern scharfe Gerichte. Genauso scharf sieht Lisa Cody hin und wir erfassen gemeinsam mit Nita eine Welt voll Ausgrenzung und Vorurteil. Nita Theri erklärt mehrfach, wie man ihren Namen ausspricht. Ignorant wird sie von den Polizisten weiter Miss Terry genannt (schnell gesprochen landen wir bei mystery), man ignoriert ihre Fragen, ihre Aufforderungen, macht sich in ihrer Gegenwart lustig über sie. Sie ist Britin, auch das wird nicht wahrgenommen, sie ist die Dunkelhäutige. Dieser Roman, Krimi ist fast die falsche Bezeichnung für diese gute Geschichte, ist spannend, besitzt britischen Humor und natürlich ist diese Geschichte ein Drama. Nita wächst dem Leser ans Herz, man würde sie gern beschützen, die zarte Frau, einmal naiv und wehrlos, dann wieder durchsetzungsstark, überlegt. Immer wenn man meint, Nita hätte genug gelitten, setzt uns Liza Cody eins oben drauf.

Die Geschichte ist hinterhältig. Aber trotz allem hat man nie das Gefühl, ins Dunkel gezogen zu werden, denn Nita gibt nie auf und immer wieder leuchtet ein Stern am Firmament. Eine Geschichte gegen Rassismus, denn nur weil man den »richtigen« Pass besitzt, gehört man noch lange nicht dazu. Nita hängt zwischen den Welten. Die englische Welt lässt sich nicht ganz herein und die Welt, von der sie sich getrennt hat, lässt sie nicht ganz gehen. Als sie ihre Familie verließ, wusste sie, es gibt keine Rückkehr. Heimlich hält sie Kontakt mit einer Schwester, hofft, ihr jüngerer Bruder sei in dieser Welt angekommen, würde ihr nicht nach dem Leben trachten wie der Vater und der Onkel. Ihre Gedanken schweifen immer zurück zur Familie, Gedanken der Liebe an die einen, die der Angst vor den anderen. Wo ist Nita zu Hause? Die Geschichte zeigt nicht nur die seelische Zerrissenheit von Nita, sondern gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit tauchen auf: Furcht vor der Obrigkeit, sich ducken, unsichtbar machen, um bloß nicht unangenehm aufzufallen, freundlich zu sein, sich Männern zu fügen. Nita setzt die Polizisten nicht vor die Tür, empört sich nicht, als der Direktor sie freistellt. Sie lässt sich alles gefallen … nicht ganz. Es gibt Solidarität, auch wenn du gar nicht mehr damit rechnest.

Ein wundervolles Buch. Zu Recht erhielt Liza Cody in diesem Jahr den »Deutschen Krimipreis« für dieses Buch und 2015 für den Obdachlosen-Krimi „Lady Bag“.

Deutscher Krimi Preis 2017

Platz 4 der KrimiBestenliste, Februar 2017.

Platz 2 der KrimiBestenliste, Januar 2017.

Platz 4 der KrimiZEIT-Bestenliste: die besten Krimis des Jahres 2016.

Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste, Dezember 2016.

 

Danke Sabine, für diese Rezension! Hier geht’s zu weiteren Krimi-Rezensionen bei Sabine Ibing.

Und morgen entführt uns Ira Ebner mit „Madame Mao“ nach China. Dranbleiben 😉