Effie muss nicht sterben

temporär

„Man munkelt über Lene so dies und das. [Aber] mich interessiert nicht, was Lene getan hat. Es geht mich nichts an. Mich geht nur an, wer sie für mich ist.“
Beim Lesen dieses Buches musste ich zeitweise an Effie Briest denken. Fontanes Roman spielt – genau wie Renate Habets „rote Lene“ – im wilhelminischen Zeitalter: Allerdings stammt Lene aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht als Effie; ob das ihr Leben gerettet hat? Wir werden sehen …

Die rothaarige Lene war schon immer „annerscht“. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, in einem kleinen Dorf im Westerwald reichen schon ihre roten Haare, um sie abzustempeln zur „ruure Lene“, die misstrauisch beäugt wird, ob sie nicht vielleicht doch eine Art Hexe und mit dem „Deuwel“ im Bunde sei …
Das verträumte Mädchen findet in der Natur mehr Zuwendung als bei Spielkameraden; lediglich Klaas und Louise werden sie ein ganzes Leben lang begleiten – und erzählen die Geschichte vom Dorfkind Lene, das zur eleganten Kölnerin Magda wurde, die dann grausam abstürzte, und der es trotzdem gelang, die Splitter ihrer Existenz wieder zu einem Lebenskreis zusammenzufügen.

Nein, das ist kein Groschenroman, sondern das fein beobachtete Psychogramm eines Frauenschicksals aus einer Zeit, als die Modernisierung rasend schnell voranschritt und die soziale Schere zwischen Land und Stadt weit auseinanderklaffte. Heute würde man für vieles, was Lene zustieß, andere Worte finden – auch für die psychischen Verheerungen, die in der Kinderseele angerichtet wurden: Vernachlässigung, Mobbing und frühkindliches Trauma, wären wohl die Bezeichnungen, die Fachleute heutzutage verwenden würden.

Rückzugsort ist für Lene die Natur, und es ist bezeichnend, dass sie – trotz aller Widrigkeiten – nie in Frage stellt, den engen Horizont des Heimatdorfes zu sprengen. Sie fügt sich. Bis sie Rudi begegnet – einem wohlhabenden jungen Mann aus Köln, der sein Hobby als Landschaftsmaler pflegt und die schöne Lene zuerst zeichnet und sich dann in sie verliebt.
Mit ihm wagt Lene den Schritt aus der dörflichen Enge und in ein neues Leben. Sie bricht alle Brücken hinter sich ab. Sogar den Namen verliert sie. Lene, deren Taufname „Magdalena“ ist, wird auf Geheiß der übermächtigen Schwiegermutter zu Magda und muss schmerzhaft erfahren, dass sie auch im neuen Umfeld „annerscht“ ist – dass sie offenbar nirgends so richtig hineinpasst. Erst recht, als sie mehrere Fehlgeburten erleidet.

Renate Habets erzählt multiperspektivisch aus Sicht verschiedener Freunde und Verwandter. So entsteht ein buntes Kaleidoskop verschiedener Sichtweisen auf dieses Frauenschicksal. Beim Lesen ergeben sich so Deutungsräume und es werden billige Klischees vermieden. Die Figuren erhalten Tiefe und man erkennt, wie stark jede und jeder in den (sozialen) Rollenzuschreibungen gefangen ist. Die Inhaltsleere eines Frauenlebens, das nur darauf ausgerichtet ist, schmückendes Beiwerk an der Seite eines erfolgreichen Mannes zu sein, wird einem drastisch vor Augen geführt. Die ewige Rolle der Unmündigen, in der die Frauen festgehalten werden, und die sich – wenn sie nicht um Kind und Küche kreisen – in innerfamiliären Intrigen aufreiben.

Lene sieht sich gefangen: ihrer neuen Rolle wird sie nicht gerecht und die große Liebe schwindet. Der Rückweg ins Heimatdorf ist versperrt, denn in der Familie gilt sie als Ausgestoßene. Lene wird „seltsam“. Auch hier wüssten die Fachleute heute eine Diagnose: Depression. Damals wusste man sich keinen Rat. Bis Lene in einem Akt der Verzweiflung eine schreckliche Tat begeht. Danach wird sie „weggesperrt“.

Zwar gab es damals schon Kliniken für Nervenkranke, aber dort wurden die Erkrankten mehr oder weniger „verwahrt“ – und was in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus geschah, in denen solche Menschen als „Ballastexistenzen“ bezeichnet wurden, ist im Hinterkopf beim Lesen präsent. Im Rückblick wird auch klar, welche Fortschritte heutige Therapieformen darstellen, die psychisch erkrankten Menschen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen und Inklusion fordern.

Aber Lenes Geschichte geht weiter: Sie kehrt zurück in ihr Dorf. Eine junge Frau, die ihre Enkelin sein könnte, stellt viele Fragen und in den Antworten blitzt etwas auf, dass die Fachleute heute mit „Schutzfaktoren“ und „Resilienz“ bezeichnen würden: Lene hat schließlich ihren Frieden mit sich und dem Leben gemacht, und sieht in der jungen Frau, die fortgehen wird – weit fort – die Hoffnung auf ein glücklicheres und erfüllteres (Frauen)Leben. Die junge Frau ist die Enkelin ihrer besten Freundin Louise und schon klingt mir wieder Fontane im Ohr. Nach Effis Tod sagt der Vater: „„Ach, Luise, laß … das ist ein ‚zu‘ weites Feld.“

Dagegen klingen die Zorntiraden von Lenes ewiggestrigem Bruder doch direkt optimistisch: „[Die Hexe, die rothaarige] seit sie zurück ist, ist keine Ordnung mehr. Söhne wenden sich gegen ihre Väter, Frauen tragen Hosen wie Männer und rauchen, und keiner will mehr gehorchen.“

Renate Habets
Die rote Lene
erschienen 2013 im ALCORDE-Verlag, Essen
233 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-939973-14-0

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Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!

Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

Mama Mia und das Schleuderprogramm

(Kindern Borderline erklären)

mamamia

Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern – und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.

Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

***

Nun eine Anmerkung, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld.

erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390750  12,95 €

Ein Kindsmord ist kein Kinderspiel – seine Beurteilung aber ein Kaleidoskop der Wirklichkeiten

bartsch

Die Geschichte des Kindermörders Jürgen Bartsch liest sich flüssig, ja man kann sie als echten ‚Pageturner‘ bezeichnen.
Bei einem Täter, der Kinder zu Tode quält, steht das Urteil schnell fest: „So eine Bestie in Menschengestalt gehört weggesperrt auf Lebenszeit“ – um die eher zurückhaltenden Formulierungen aus dem Mund aufrechter Bürger zu zitieren. Das ist heute noch genauso wie in den Sechziger Jahren, egal ob der ‚Kirmesmörder’ Jürgen Bartsch im Ruhrgebiet zuschlägt oder Silvio S. ein Kind vor dem LAGESO in Berlin entführt. Die Sehnsucht sich das Grauen vom Leib zu halten, und das faszinierte Aufsaugen möglichst vieler Details sind die zwei Pole der Berichterstattung und auch der Wahrnehmung solcher Fälle in der Öffentlichkeit. Das Verlangen nach schwerer Bestrafung, ja Rache geht Hand in Hand mit dem Wunsch eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden. Schnell ist man da mit Schuldzuweisungen bei der Hand. Die Gene. Das Elternhaus. Schule. Mobbing. Sexueller Missbrauch. Schlechte Freunde. Drogen und Alkohol. Arbeitslosigkeit. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Irgendwas ist immer – und jeder pickt sich das heraus, was zu seiner Weltanschauung passt. Und genau dieses Kaleidoskop der Wirklichkeiten bildet Regina Schleheks Tatsachenroman auf beeindruckende Weise ab. Es kommen verschiedene Wegbegleiter Jürgen Bartschs zu Wort, von seinem Kindermädchen bis zum Mitschüler und Kollegen, aber auch Außenstehende, die alles nur aus der Presse kennen und sich ein Bild machen, das mehr oder weniger subjektiv eingefärbt ist (mehr oder weniger braun könnte man auch sagen, denn die Nazizeit wirft immer noch erschreckend lange Schatten bis weit in die Sechziger hinein). In den protokollartigen Statements weht uns der ganze Mief der Nachkriegszeit an, die bis tief in die Familien hinein von Gewalt, Tabus, Lügen und Verschweigen verkrustet war. Aufatmend möchte man das Buch zur Seite legen und sich trösten damit, dass die Zahl der Kindsmorde seit Jahren stark zurückgeht. Aber zum einen nimmt dafür die Gewalt gegen Kinder signifikant zu. Und zum anderen, klingen viele Statements im Roman erschreckend vertraut: sei es die ‚Lügenpresse‘, dem Ruf nach (rechter) Zucht und Ordnung, der Wunsch nach traditionellen Familienverhältnissen und nicht zuletzt eine krasse Fremdenfeindlichkeit und Schwulenhetze. Unsere plurale Gesellschaft, von deren Vorteilen so viele profitieren, scheint beim Lesen auf einmal wieder durchweht vom Geiste des Ewiggestrigen. Das macht dieses Buch so beklemmend aktuell. Nicht wegen der gut recherchierten Mordgeschichte, sondern als Porträt einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Last but not least sei noch erwähnt, dass auch die Voyeure extremer Gewalt ziemlich harten Stoff geboten bekommen. Die Mordszenen sind nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber die Stärke des Buches liegt eindeutig darin, verschiedene Stimmen der bundesrepublikanischen Wirklichkeit der Sechziger zu einem Kaleidoskop der Wirklichkeiten zusammenzufassen.

Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!

Bild

  • Mama Mia und das Schleuderprogramm

  • (Kindern Borderline erklären)

  • Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

  • erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   

Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern – und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.

Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

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Nun eine Anmerkung der Rezensentin, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld.