Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken: Die schrägen Typen der Journaille (von Honoré de Balzac) – ein Gastbeitrag von Sabine Ibing

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(Herausgegeben und aus dem Französischen von Rudolf von Bitter) 1843 hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac in seinem Werk »Monographie de la presse parisienne« seine Geringschätzung gegenüber Journalisten zu Papier gebracht. Nach circa 150 Jahren ist dieses Werk immer noch aktuell. Man kann es nicht glauben, bisher ist dieses Buch nicht auf Deutsch erschienen! Vielen Dank, Rudolf von Bitter, für diese Übersetzung. »Die Presse, wie die Frau, ist wunderbar und erhaben, wenn sie eine Lüge vorbringt. Sie lässt nicht locker, bis Sie ihr glauben, und sie verwendet die größten Talente auf diesen Kampf, in dem das Publikum, so dämlich wie ein Ehegatte, immer unterlegen ist. Wenn es die Presse nicht gäbe, dürfte man sie nicht erfinden.« Balzac unterteilt die »Schmierfinken« in Publizisten und Kritiker, Gattungen mit Untergattungen wie bei Brehms Tierleben. Feuilletonisten bezeichnet er als »fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender«. Es gibt »Pamphletisten, Lobhudler, Schönschreiber, Nihilogen, das Faktotum, Zeilenangler, den Mann fürs Grobe und was sonst noch alles in Redaktionen kreucht und fleucht.« Die »Quarkschläger« gehören zu der Gattung der Journalisten, die Art Artikel schreiben, die die Masse der Leser konsumieren möchte, es sind opportunistische Karriere- Journalisten. Schon damals werden Buch-Piraten benannt, die sich Raubdrucker nannten. »Für den Journalisten ist alles Wahrscheinliche wahr.« Voller Polemik und Satire zieht Balzac über die Presse her, in Wut über die schlechten Rezensionen seiner Bücher. Balzac selbst hatte als Journalist begonnen, sich dann für die Schriftstellerei entschieden, wurde von den Kollegen in den Dreck gezogen. Er behauptet, im Gegensatz zum Schriftsteller bedienen sich Journalisten an vorgefertigten Sätzen. In den Redaktionen befinden sich Menschen »mit grüner, gelber oder roter Brille, die dereinst mit ihrer Brille auf der Nase sterben werden und die man einem bestimmten Blatt zuordnet.« Und die ernsthafte Recherche kann nicht bezahlt werden, drum gilt: »Erst daufhauen, dann klären.« Er kennt sich aus in Zeitungen, beschreibt den Wettbewerb der Marktanteile, politischen Einfluss und den Einfluss der Werbeschaltung. Eine gehaltvolle Fürsprache zum Urheberrecht, wird Jahre später vom Gericht zur Urteilsfindung und gültigen Rechtsprechung herangezogen, ist noch heute brandaktuell. Voll Temperament peitscht Balzac respektlos auf die ehemaligen Kollegen ein, polemisch, ja, aber mit viel Tiefe und Sachverstand. Schmierenpresse, Fake-News, Lügenpresse, Presse zur Meinungsmache zu nutzen, politische Zwecke, gockelhafte Chefredakteure, allzu viel hat sich seit damals nicht geändert. Balzac bedauert, dass die ehrlichen, kritischen Journalisten weder von der Presse noch vom Volk geliebt werden. »Das Blatt mit den meisten Abonnenten ist also das, das der Masse am ähnlichen ist.« Ich finde, dieses Buch darf in keinem Bücherschrank fehlen. »Der junge blonde Kritiker – Drei Arten: 1. Der Leugner, 2. Der Spaßvogel, 3. Der Lobhudler« Nun frage ich, wer bin ich? Zum Glück bin ich nicht blond.

 

Noch mehr Rezensionen? Hier geht’s zum Autorenblog von Sabine Ibing. Viel Spaß!

 

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Gebrauchsanweisung zum guten Leben in Diktaturen

„SENECA“  eine rororo Monographie von Marion Giebel

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Eigentlich wollte ich nur etwas über dieses wirklich lesenswerte Buch schreiben, aber irgendwie kam mir ständig die Wirklichkeit dazwischen …

Das kennt Ihr doch auch: Pünktlich zu Ostern gibt es immer Historienschinken und Kostümfilme in denen muskulöse Männer in kurzen Röcken zu dramatisch dräuender Hintergrundmusik Blutiges verrichten.

Auch wenn diese Hollywood-Schinken selten den Ansprüchen historisch kritischer Geschichtsschreibung standhalten: die Intrigenspiele der römischen Herrscherkaste garantieren auch heute noch einen hohen Unterhaltungswert … erst recht, wenn man sie aus der Distanz betrachtet. Mehr als zweitausend Jahre scheinen ein ziemlich komfortabler Sicherheitsabstand zu sein.

Spaßeshalber nehme ich mir mal den verzwickten Stammbaum vor, der im Anhang abgedruckt ist, und dessen Früchte (Früchtchen?!) zumeist Julia oder Claudius heißen. Der Name Agrippina fällt mir ins Auge; als Kölnerin weiß ich, dass diese Dame als Gründerin meiner Heimatstadt gilt. Aber sie war auch die Mutter Neros, und genau hier wird es spannend, denn der war wirklich ein Früchtchen, um es mal salopp auszudrücken.

Schwer erziehbar, verwöhnt und als Siebzehnjähriger viel zu jung auf dem Herrscherthron gelandet, war dieser hoffnungsvolle Spross einer ebenso machtversessenen wie degenerierten Dynastie eine wandelnde politische Zeitbombe. Das erkannte sogar die liebende, bzw. karrierebewusste Mutter und stellte dem jungen Kaiser einen Coach zur Seite: Seneca, den berühmten Philosophen und Vertreter der Stoa, einer ursprünglich aus Griechenland stammenden Philosophieschule.

Im vorliegenden Bändchen (überraschend gehaltvoll, da mit fast schon altmodisch anmutendem kleinem Druckspiegel) wird das Leben des Seneca geschildert. Berühmt wurde er durch seine (verlorengegangenen) Reden aber er war ein echtes Multitalent: schrieb Tragödien, entwickelte die die Philosophie der Stoa weiter und bekleidete hohe Ämter. So wurde er zu einer Figur, die über Jahrtausende hinweg, die Menschen immer noch fasziniert, und auch heute noch stehen seine Werke über das „gute Leben“ in den Top-Listen des Buchhandels.

Marion Giebel folgt dem Auf und Nieder des Lebenslaufes Senecas – krank von Kindheit an (man vermutet Asthma) setzte er sich schon früh mit dem Gedanken der Todesnähe auseinander und sah die Erstickungsanfälle als eine Art mentales Training, um sich der Todesangst zu entledigen. Sein politisches Schicksal war wechselhaft: er war ein echter VIP, neigte jedoch zum privaten Rückzug. Unter Caligula wurde er verfolgt, unter Claudius verbannt und sein prominentester Schüler – Nero – zwang ihn schließlich zum Selbstmord.

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Die Lehre der Stoa bietet viele bedenkenswerte Ansätze und wirkt in ihrem humanitären Kosmopolitismus überraschend modern: In allen Menschen lebe der göttliche Funke – auch in Sklaven. Alle Menschen seien Bürger einer Welt. Die Theorie, dass alles mit allem zu einem harmonischem Ganzen verbunden sei, wirkte wahrscheinlich schon im antiken Rom genauso utopisch wie heutzutage, aber ein schöner philosophischer Gedanke ist es allemal. Seneca erkannte jedoch, dass sich die Philosophie als „Schule des Lebens“, als konkrete Lebenshilfe, bewähren muss, um ihren eigentlichen Sinn außerhalb des ‚Elfenbeinturms‘ zu erfüllen.  „Nicht zum Disputieren, sondern zum Leben werden wir erzogen.“

Mit Emphase vertritt er die Kunst der Mäßigung: Der Weise, der sein Leben nach den Regeln der Philosophie ausrichtet lebt mit der Gewissheit, dass alle sogenannten Güter „indifferentia“ sind, Dinge, auf die es nicht ankomme. Die einzig wichtigen Werte, die Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Klugheit können nicht geraubt werden … sagt einer der reichen Männer Roms (sein Reichtum wurde dem Seneca später oft vorgeworfen, nach dem Motto „Wasser predigen aber Wein trinken“). Voller Einsicht und ergänzt er dann auch folgerichtig, dass die Beherrschung der Affekte und die Askese lebenslange Übungen seien, die in der Kunst des richtigen Sterbens gipfelten.

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Vielleicht klingt das für viele heutzutage verstaubt und abgehoben. Aber immer wieder kommt die Sprache Seneca so erstaunlich frisch und unverbraucht daher, dass es ein Genuss ist, dieses Buch zu lesen (und natürlich seine Werke) . Fast meint man, dass er sie alle kannte: die Diktatoren und düsteren Gestalten der Vergangenheit genauso, wie die aktuell angesagten Populisten und GröFazze.

Und so wird Senecas Erziehungsversuch des aufstrebenden Nero zu einem Lehrstück über den Umgang mit Gewaltherrschern und größenwahnsinnigen Narzissten. Seinem philosophischen Rat geht eine schonungslose Analyse voraus. Seneca durchschaute seinen Herrn und Schüler – und versuchte ihn zuerst an der „langen Leine“ zu führen und sittliches Wohlverhalten positiv zu verstärken.  Seine Idee: wenn der Herrscher nur erkenne, dass auch er sterblich sei und sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetze, führe dies automatisch zu Milde und Gerechtigkeit im Denken und Handeln.

Geholfen hat dieses wunderbare Konzept leider nicht, wie wir heute wissen.

Als Seneca die Gefahr erkannte, zog er sich aus dem politischen Leben zurück und schrieb sein Werk über die „Muße“. Er kannte seine Grenzen und scheute das sinnlose Opfer. Man kann es Kapitulation nennen, aber für Seneca war diese innere Emigration eine schaffensreiche Zeit, von der er nur zu genau wusste, wie begrenzt sie war.  Kann man einen Tyrannen „aussitzen“? Er schreibt dazu: Ein solcher Herrscher hat bald viel Feindschaft, Hass, Gift und Schwert auf seinen Fersen. So viele, wie er bedroht, werden zur Bedrohung für ihn selbst. So wird er bisweilen durch Anschläge von einzelnen, sonst aber durch öffentliche Empörung überwältigt.“

Währenddessen wütete Nero weiter. Und Rom brannte.

War Tyrannenmord für Seneca eine Option? Obwohl er wohl nicht direkt an der pisonischen Verschwörung gegen Nero beteiligt war, gilt er doch als einer der geistigen Wegbereiter des Attentates gegen einen Herrscher, der „im […] Wutrausch rast“ und dessen „Burg stets von frischem Blut trieft“. Über den Tyrannenmord sagt er, dass er sowohl für den Tyrannen als auch für die Allgemeinheit eine Wohltat sei.

Die wunderbare Theorie der Persönlichkeitsbildung durch die philosophische Lebensschule hatte also im Falle des Nero vollkommen versagt. Meditationen über die eigene Sterblichkeit? Lächerlich. Denn Autokraten sterben nicht. Sie töten.

Und so zwang Nero den Seneca in den Tod.

Seine Werke jedoch sind unsterblich.

Am Beispiel des Seneca kann man auch heute noch so einiges lernen – hier ein paar Denkanstöße:

  1. Die Politik der langen Leine ist bei Gewaltherrschern nur begrenzt sinnvoll. Wenn man ihnen nicht rechtezeitig ihre Grenzen aufzeigt, brennt nicht nur Rom, sondern gern einmal die ganze Welt. Seit Jahrtausenden immer noch ungelöst ist allerdings die Frage, wie man das praktisch erreicht: Durch Wettrüsten, Wirtschaftsboykott oder ähnliche Druckmittel? Oft trägt das nur Volk die Konsequenzen und der Herrscher überschreitet ungestraft eine „rote Linie“ nach der anderen.
  2. Auch die widerständigsten Menschen sollten sich selbst schützen. Aber wie macht man das? Wegducken und innere Emigration funktioniert nur, wenn man dabei auch Stillschweigen bewahrt (modern: Pressezensur), denn wer die Klappe aufmacht, dem wird sie rasch gestopft werden (manchmal gar unter Verlust des ganzen Kopfes …). Um dem vorzubeugen, bleibt oft nur noch die Flucht.
  3. Lasst euch nicht leichtfertig auf Nebenkriegsschauplätze locken! Im Eskalieren sind Diktatoren einsame Spitze – und während sich das Volk mit rassistischen und sonstigen Parolen gegenseitig auf die Mütze haut, bringen die da oben ihre Schäfchen ins Trockene.
  4. Wobei wir bei der leidigen Elitendiskussion wären, der sich auch schon Seneca stellen musste. Aber das ist dann eine andere Geschichte ….

FAZIT: lesenswerte Einführung in das Denken und Werk des Seneca und gleichzeitig guter Überblick über die julisch-claudische Kaiserdynastie. Als Ergänzung empfehle ich Senecas gesammelte Werke z.B. „Das große Buch vom glücklichen Leben“ und als unterhaltsame Dreingabe: „Ich Claudius Kaiser und Gott“ von Robert von Ranke-Graves

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Frauen im Käfig – in Sicherheit oder im Gefängnis?

Rezension des Romans „Ehre“ von Elif Shafak; ein Beitrag zur Reihe #Starke Frauen

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Nachdem unsere Blogparade zu Ende ist, werde ich dennoch weiter in lockerer Reihenfolge unter #StarkeFrauen interessante Entdeckungen zum Thema Frauenliteratur vorstellen und dazu auch Gastbeiträge hochladen. Die Autorin Elif Shafak lebt mit ihrer Familie in London und Istanbul und ist eine glaubwürdige Wanderin zwischen den kulturellen Welten.

Im ersten Kapitel erfahren wir, dass nach 14 Jahren die Haftentlassung von Iskender bevorsteht, der als Sechzehnjähriger die eigene Mutter tötete. Ein Ehrenmord, um das Gesicht der Familie zu retten. Aber Rettung ist nirgends in Sicht, die Familie scheint zerstört.

Danach entfaltet sich der Roman in Rückblenden, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt werden. Wo liegen die Wurzeln dieser Familie? Erklärt die Vergangenheit die gegenwärtige Tragödie? Wenn die ungeschriebenen Gesetze der Tradition eine hilfreiche Klammer darstellen, die Familien stützen und gesellschaftliches Miteinander erst möglich machen, welche Opfer dürfen dafür gebracht werden?

Im Jahr 1945 werden die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila als 7. und 8. Mädchen einer kurdischen Familie geboren. Sie werden früh zu Halbwaisen, als das Projekt „Sohn“ ebenso endgültig wie tragisch scheitert. So wird Naze, die Mutter der Zwillinge, zum ersten Opfer der Verhältnisse.

In symbiotischer Zweisamkeit wachsen die Mädchen im traditonellen Umfeld heran, großgezogen von der ältesten Schwester, die zum Mutterersatz wird. Auch sie wird zum Opfer werden. Der Sinn im Leben einer Frau? „Sie wollte später einmal heiraten – ein Brautkleid und eine Buttercremtorte, wie man das in der Stadt machte, fand sie wunderbar. […] Sie wollte Kinder.“

Aber als sich Adem in Jamila verliebt, diktieren die ungeschriebenen Gesetze, dass diese Beziehung nicht gelebt werden darf. Also heiratet Adem Pembe, die (fast) identisch aussehende Zwillingsschwester. Pembe und Adem ziehen nach London und gründen dort eine Familie mit drei Kindern. Jamila bleibt im Dorf und arbeitet als Hebamme. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Elif Shafak nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren. Adem wird mit seiner Herkunftsfamilie vorgestellt, und obwohl der Spieler und Schürzenjäger sicher kein Sympathieträger ist, kann man nicht vergessen, was ihm als Kind widerfuhr. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Die Lösung? Vielleicht wäre es Offenheit gewesen, der Mut Dinge direkt anzusprechen. Vielleicht, sich Hilfe von außen zu holen – eine Therapie? Lächerlich. In solchen Kategorien denken weder Adem noch Pembe. Sie sind Gefangene ihrer Herkunft.

Iskender, der Erstgeborene ist Mutters „Löwe“, der „kleine Sultan“, die hemmungslos verhätschelte Wiedergutmachung der endlich gestillten Sehnsucht nach einem Sohn. Esma, die Zweitgeborene ist „kein englisches Mädchen“ – sagt zumindest die Mutter. Pubertätsnöte, Verantwortungsgefühl, kleine Geheimnisse und die ewige kulturelle Zerrissenheit führen zu ständigen Loyalistätskonflikten. Eine brisante Mischung, die durch die Liebe zur Familie zusammengehalten wird. Yunus, der Jüngste schließt sich einer Horde von Punkern an, die im wilden London der Siebziger Jahre ein Haus besetzen. Er, das am wenigsten angepasste „Problemkind“, wird es schließlich sein, der einen ungewöhnlichen Rettungsweg aufzeigen wird.

Ist Pembe eine schwache Frau, weil sie die Eskapden ihres Mannes hin nimmt und nie so richtig Englisch lernt? Oder ist sie eine starke Frau, weil sie die Familie zusammenhält und Geld verdient, nachdem ihr Mann zuerst alles verspielte und dann die Familie verließ?

Ist das ungeschriebene Gesetz der Ehre ein Schutz, weil es das Zusammenleben der Generationen und der Geschlechter unmissverständlich regelt, oder ist es ein Gefängnis, das jegliche individuelle Weiterentwicklung brutal verhindert? Jede Figur im Buch gibt eine andere Antwort auf diese Fragen – und diese ändern sich, je nach Lebensalter und Erfahrungshintergrund. Nichts bleibt wie es ist. Aber das ist verwirrend. Und kränkend – für Männer, deren uneingeschränkte Autorität in Frage gestellt wird. Für Frauen, die sich ständig schämen müssen. Für beide, weil sie keine Worte finden für das, was mit ihnen geschieht. Und diese Sprachlosigkeit ist die eigentliche Tragödie.

Ebenso tastend wie die Suche nach den richtigen Wörten entwickelt sich dann auch die Liebesgeschichte zwischen Pembe und Elias. Nachdem Adem verschwunden ist, beginnt Pembe sich mit der Zufallsbekanntschaft zu treffen. Heimlich schauen sie Filme an, meist Stummfilme, da hier das Sprachverständnis nicht so wichtig ist. Eigentlich passiert nicht viel zwischen den beiden. Aber es reicht aus, um alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen. Und so kommt es zur Tragödie: Iskender, aufgehetzt von seinem Onkel Tarik und einen Hassprediger, stürzt sich mit einem Messer in der Hand auf die Mutter.

Wie es der Autorin nach dieser Bluttat gelingt, die losen Fäden der Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls vergisst sie niemanden, jede Figur kommt zu ihrem Recht, und sie schlägt den ganz großen Erzählbogen, ohne dass es künstlich oder konstruiert wirkt – obwohl sie einige erzählerische Kniffe anwendet.

Ja, es gibt sogar eine Art von Happy-End – obwohl je Figur im Buch das natürlich komplett anders sehen würde. Zumindest öffnen Esma und Yunus Fenster und Türen in eine Welt, die anders sein könnte und auch Iskender hat einen langen Weg zu sich selbst zurückgelegt.

Vergleich:  Beim Lesen musste ich mehrmals an „das Verborgene Wort“ von Ulla Hahn denken. Die miefige Gesellschaft der 50iger erscheint heute genauso fern wie ein Dorf in Kurdistan, aber die brutale Unterdrückung derjenigen, die anders leben wollen, ist auch bei uns noch gar nicht so lange her.

Und dann kam mir noch ein anderes Buch in den Sinn: Vor einigen Wochen schrieb ich eine Rezension zu „Makaronissi“ von Vea Kaiser, ebenfalls ein Generationenroman, geprägt durch Migrationserfahrungen. Makaronissi hat mir sehr gut gefallen. Hier standen im Vordergrund, die ungebremste Fabulierlust, die Freude an schrägen Typen und der große historische Erzählbogen der von Tradition über Migration zu neu zusammengewürfelten Beziehungen führt. Vordergründig gesehen auch die Themen von „Ehre“. Elif Shalfak schreibt, meiner Meinung nach, jedoch konsistenter, glaubwürdiger. Die einzelnen Charaktere sind zwar in ihren Rollen gefangen, offenbaren jedoch in überraschenden Wendungen Tiefe und Glaubwürdigkeit, wie sie nur das echte Leben verleiht. Kurz gesagt: Vea Kaiser schreibt als Beobachterin ‚von außen‘, Elif Shafak schreibt sozusagen aus dem ‚Inneren ihrer Figuren‘ heraus. Die eigene Biographie spielt dabei sicher eine große Rolle. Aber sie erwähnt auch, dass viele Frauen ihr die eigene Lebensgeschichte anvertraut haben.

Fazit: Ein schönes Buch. Ein schreckliches Buch. Eines der Bücher, bei denen man bedauert, dass sie zu Ende sind.

 

Wurzeln und Flügel – ein Generationenroman

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Eleni wurde 1956 in einem kleinen griechischen Dorf an der albanischen Grenze nur aus dem einen Grund geboren: Um ihren Cousin Lefti zu heiraten. Oder um es deutlicher zu sagen: Damit das Vermögen in der Familie blieb. Alles funktionierte so wie abgemacht. Und ging trotzdem gründlich schief.

Putsch und Militärjunta. Achtundsechziger und sexuelle Befreiung. Gastarbeiterschicksal und Neuerfindung in einer globalisierten Welt. Das ist der historische Rahmen, in dem die Handlung spielt. Während Lefti versucht Wurzeln zu schlagen, fliegt Eleni hoch – zu hoch. Und doch ist schließlich wieder alles ganz anders, die Kreise schließen sich.

Vea Kaiser macht daraus ein modernes Heldenepos in neun „Gesängen“ und führt uns aus dem geschlossenen Universum der Clans hinaus in die weite Welt und wieder zurück; denn so verläuft die Lebensreise von Lefti und Eleni, deren Charaktere nicht gegensätzlicher sein könnten. Strebsam, lernwillig und ehrgeizig der eine. Querköpfig, leidenschaftlich und anders ehrgeizig die andere. Umgeben sind die beiden von Familie, Freunden, Mitstreitern und Gegenspielern, die warmrherzig aber auch mit spitzer Feder gezeichnet, mitten aus dem Leben zu stammen scheinen (Vea Kaiser sagte einmal in einem Interview, dass die eigene Familie ihr Steilvorlagen für die Schilderung ihrer Charaktere gebe …).

Der rätselhafte Klappentext macht neugierig, und ich fragte mich beim ersten Durchlesen, wie eine so junge Autorin dieses komplexe Thema wirklich packen will. Wobei 464 Seiten für ein Generationenepos ja eher knapp kalkuliert sind.

Zugegeben, es bleiben Fragen offen, über die Vea Kaiser mit leichter Hand (und Feder) ein wenig hinweghuscht. Aber diesem Roman geht es auch nicht so sehr darum einen bis ins Letzte korrekten historischen Abriss der Ereignisse darzustellen, sondern er nähert sich den ganz großen Themen aus der ausschließlich privaten Perspektive. Und gerade das macht das Buch interessant.

Auch heute wird ja wieder „Geschichte gemacht“ und „historische Ereignisse“ überstürzen sich, während viele Menschen das Gefühl plagt, jeweils nur einen fragmentarischen Ausblick auf die Realität zu bekommen. Wie schmerzlich vermisst man oft den Blick aufs große Ganze und versucht Zusammenhänge zu verstehen. Nicht anders ergeht es den Heldinnen und Helden in diesem Roman. Das Große findet sich im Kleinen, das Private wird politisch, und das Räderwerk der Geschichte zermahlt Lebensentwürfe und Träume zu einem Staub, aus dem sich dann wieder ganz vortrefflich etwas Neues formen lässt. Das ist oft schmerzlich. Noch öfter witzig. Und manchmal ganz einfach herzzerreißend.

Sind wir Planer unseres Schicksals oder Marionetten, die an den Strippen tanzen, welche die Götter ziehen? Jeder beantwortet diese Frage anders: Die Großmutter liest aus dem Kaffeesatz und deutet Träume. Eleni wird Kommunistin und Lefti arbeitet still und strebsam am gesellschaftlichen Aufstieg. Wer ist dabei ein Held? Achill, der Kämpfer oder Odysseus, der sich treiben lässt, dabei aber nie das Ziel aus den Augen verliert? Die Antwort fällt unterschiedlich aus. Denn wie heißt es so schön: „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden.

Dieses Buch ist Liebesgeschichte, Komödie und Drama in einem. Die Charaktere wachsen einem ans Herz und so wird dieser Roman vor allem zu einem ungeheuren Lesespaß. Ich gebe zu. Er hat mir schlaflose Nächte bereitet. Aber äußerst vergnügliche.

Hoch gestapelt und tief gegraben!

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Rezension von:  Rüdiger Schaper; Die Odyssee des Fälschers; Siedler Verlag 2011

Rüdiger Schaper ist kein Mathematiker, sondern Journalist und Autor, vorwiegend im Kulturressort. Für diese Biographie, die eher einem locker erzählten Essay-Roman gleicht (sofern diese literarische Gattung überhaupt existiert), hat er sich jedoch eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten vorgenommen – ob diese Rechnung aufgeht?

Constantin Simonides wurde 1820 geboren – oder vielleicht doch 1824? Er starb vollkommen verarmt 1867 an der Lepra oder doch erst 1895? Der kühn gespannte Lebensbogen zwischen diesen ach, so wackeligen Lebensdaten, ist jedenfalls schwindelerregend. Er führt aus der Schattenwelt eines missbrauchten Kindes und Beinahe-Giftmörders, in die (nur vordergründig) stille Zurückgezogenheit des heiligen Berges Athos und von dort quer durch Europa und den Nahen Osten (wobei auch einige dieser Stationen zweifelhaft bleiben). Immer mit im Reisegepäck: Pergamente – alte, uralte und auf alt getrimmte. Der Grundstock einer gloriosen Fälscher-Karriere. Denn damals ging es einem auf die Antike geradezu versessenen Bildungsbürgertum weniger darum, die europäische Früh-Geschichte zu entdecken, als sie sie (nach eigenem Gusto) neu zu erschaffen. Archäologie zerstörte damals mehr, als sie rettete, Forschungsexpeditionen glichen Plünderungszügen und Fälscher jedweder Couleur hatten Hochkonjunktur. So einer wie Simonides, der die Sucht nach angeblichen Originalen einfühlsam bediente, kam da gerade recht (wenn er auch nicht immer billig war). Kurz und gut: Rüdiger Schaper setzt mit offensichtlichem Vergnügen die dubiosen Bruchstücke einer zweifelhaften Existenz zu einem unterhaltsamen Kaleidoskop europäischer Kulturgeschichte und Charakterkunde zusammen. Und wie bei einem Kaleidoskop zerfällt das Bild immer dann wieder in seine Einzelteile, wenn man es zu erkennen glaubt. Für diese leichtfüßige Biographie hat Schaper in Archiven tief gegraben und Simonides hat genügend hoch gestapelt, so dass die Gleichung mit den vielen Unbekannten am Ende tatsächlich aufgeht:

Hochgradiges Lesevergnügen wird abgerundet durch aktuelle Bezüge – nicht nur in puncto Griechenlandpolitik. Es gibt sie nämlich noch: die begnadeten Fälscher, die es bis in die Sammlungen renommierter Museen schaffen – oder in den Kulturteil der Zeitungen. Ein aktuelles Beispiel findet man unter folgendem Link:  http://www.zeit.de/2014/01/faelschung-zeichnungen-galileo-galilei-horst-bredekamp

Kein Bleichmittel für blinde Flecken – oder: wie funktioniert Geschichtsschreibung?

  • Ivan Ott:       Geraubte Kindheit
  • erschienen 2012 im Gerhard Hess-Verlag
  • Zeitzeugen müssen einen langen Atem haben. Ganz besonders solche, die es eigentlich nicht geben dürfte. Weil ihre Geschichte verschwiegen wurde. Weil sie eigentlich gar nicht hätten überleben sollen. Der Journalist Ivan Ott musste 78 Jahre alt werden, bis er seine Geschichte endlich auf Deutsch erzählen durfte. In seinem Buch ‚Geraubte Kindheit‘ schlägt er ein grausames Kapitel auf. Inhalt: der Massenmord an antikommunistisch eingestellten Menschen im neu entstehenden Jugoslawien. Betroffen waren nicht nur Soldaten der ‚Heimwehr‘, sondern auch Kinder, Alte, Kranke – Zivilisten eben. Wie ja Zivilisten generell in modernen Kriegen stärker gefährdet sind, als jeder Soldat. Ivan Ott hatte ein fragwürdiges Glück: nachdem beide Eltern ermordet waren, kam er zur sozialistischen Umerziehung in ein Kinderheim. Noch heute schwingt in seinem Bericht der fassungslose Ton des knapp Elfjährigen, wenn er die sadistischen Quälereien schildert, denen er damals ausgesetzt war.

    Für Ivan Ott ging der Krieg eigentlich erst so richtig los, nachdem er für das restliche Europa zu Ende war. Die abenteuerliche Flucht aus Ljubljana (Laibach), die trügerische Sicherheit auf der österreichischen Seite der Grenze, Ratlosigkeit und Verwirrung beim Verrat der britischen Besatzungstruppen und das Entsetzen derer, die erkennen, dass sie, eingepfercht in Viehwaggons, dem sicheren Tod entgegenrollen. Und Hoffnung, immer wieder Hoffnung – da man als Leser weiß, wie es enden wird, tut diese Hoffnung ganz besonders weh.

    Ist nicht der mit Menschen vollgepferchte Viehwaggon zum eigentlichen Symbol eines Jahrhunderts geworden, das den industrialisierten Massenmord erfand? Und das Ergebnis dieser Kämpfe? Zum Beispiel Jugoslawien. Um genauer zu sein: Titos Jugoslawien. Und als Tito starb, ging alles, alles den Bach runter. Da brach, mitten in Europa, eine Barbarei auf, die uns Mitteleuropäern unfassbar erschien. Konzentrations- und Vergewaltigungslager inklusive. Wie konnte das nur passieren? Lebten wir nicht inzwischen in einer kultivierteren Epoche, in der ‚so etwas’ unvorstellbar geworden war? Peinlich berührt, faselten wir vom ‚Balkan‘, den sowieso kein Mensch begreifen könne und schauten mit offener Verachtung und uneingestandenem Grauen auf eine Region, die wir flugs zum Hinterhof Europas erklärten. Diese Sichtweise vereinfachte vieles. Für uns blieb ‚nur‘ das Asylantenproblem. Um historische Zusammenhänge scherten wir uns nicht, da man ja ‚die da hinten im Hinterhof‘ qua definitionem sowieso nicht verstehen konnte. Und insgeheim warteten wir darauf, dass die Strände an der Adria, ebenso wieder für den Tourismus geöffnet würden, wie die Eisdielen in der Altstadt von Dubrovnik. ‚Schade‘, seufzten wir, als die Brücke von Mostar fiel und: ‚Schade, um all diese unersetzlichen Kulturgüter‘, als die Nationalbibliothek in Sarajevo brannte, während Scharfschützen auf Menschen schossen, die um ihr Leben rannten wie die Hasen. Dabei hatten wir keine Ahnung von den Kulturgütern des Balkans und wir dachten auch nicht darüber nach, dass der Balkan jahrhundertelang nicht der Hinterhof, sondern das Vorzimmer Europas gewesen war. Was hier geschah, hatte (und hat) unweigerlich Auswirkungen auch auf das restliche (oder soll ich sagen: westliche) Europa.

    Was war uns Jugoslawien? Zuerst einmal ein willkommenes (weil gastfreundliches und billiges) Urlaubsland. Irgendwie eine sonnigere Art von Sozialismus als die piefige Stasi-infizierte Verwaltungsvariante der DDR. Noch heute schwärmen Nostalgiker von wochenlangen Bully-Fahrten entlang der Adria-Küste. Manch einen verschlug es damals sogar bis in den Iran oder nach Afghanistan – damals waren das Reiseländer für Abenteuerlustige. Heute für Lebensmüde. So ändern sich die Zeiten! Wenn wir auf diese ehemaligen Reiserouten blicken, wird klar, wie brüchig gesellschaftliche Konstrukte sind, die von ganz oben mit der eisernen Klammer der Gewalt zusammengehalten werden.

    Hat das die Traveller damals interessiert? Nicht wirklich. Sie haben den Frieden genossen. Und in seinem Gefolge Freude und Eierkuchen – meint: Selbstfindung, Sonne, Slibowitz. Und ebenso indifferent standen sie später der Tatsache gegenüber, dass die jugoslawische Gesellschaft nach Titos Tod in einem jahrelangen Bürgerkrieg atomisiert wurde.

    Für ein paar Jahre wandten wir uns ab und verbrachten unseren Urlaub statt an der Adria in Holland oder in der Dominikanischen Republik oder All-inklusive in der Türkei. Mit leichtem Ekel sahen wir, wie unsere vertrauten Urlaubsgebiete unter Granatwerferbeschuss lagen und erkannten nicht, dass  hier in Wirklichkeit Europa ein einziges, riesiges dejà vu erlebte. Waren wir wirklich an einer Antwort interessiert, wenn wir fragten: Warum?

    Ivan Ott, ein Kriegskind, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg den wahren Horror erlebte, kann uns diese Frage beantworten. Er überlebte die gesamte Palette der Grausamkeiten. Nur seine Errettung erscheint dem Leser so wundersam, dass sie in einem Roman oder Film fast schon kitschig wirken würde. Aber das Leben schreibt ja oft die schönsten Geschichten. Und  wenn dies eine Hollywood-Story wäre, dann wäre hier Schluss: großes Finale, Happy-End, alles in bester Ordnung. Und alle Bürgerkriege der neunziger Jahre ganz weit weg. Aber so ist es nicht. Ivan Ott wurde mit unheilbaren seelischen Verletzungen in ein neues Nachkriegs-Leben hineingestoßen, das er nun irgendwie bewältigen musste. Er sagt, er sei in diesen qualvollen Monaten vom Kind zum Mann gereift, aber der Leser erkennt mühelos unter den aufgehäuften verbalen Schutzschichten das ebenso furchtsame wie hilflos-aufsässige Kind.

    Nie konnten diese Verletzungen heilen, denn es war Ivan Ott verboten, darüber zu reden. Ebenso eindrücklich, wie er uns auf die Irrfahrt des halbwüchsigen Jungen mitnimmt, führt er uns vor Augen, wie die gesellschaftliche Verdrängung des Geschehenen funktionierte – weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein kollektives Trauma verschwand in Karsthöhlen, unter Waldböden und in den Gruben der hastig ausgehobenen Massengräber. Die Sache stank zum Himmel – im wortwörtlichen Sinne, aber man hielt sich eisern an das gebotene Schweigen. Die Scham, die Angst, der Wunsch nach Verdrängen und Vergessen – dies alles waren starke Motive, große blinde Flecken in der Nachkriegsgeschichtsschreibung zu entwickeln. Dies ist übrigens kein exklusives jugoslawisches Phänomen, aber es lohnt sich, das vorliegende Beispiel zu studieren, da hier nachvollziehbar wird, zu welch furchtbaren Ergebnissen eine solche kollektive Verdrängung führen kann. Natürlich explodierte dieses System in den Balkankriegen, als die eiserne Klammer – Tito – wegfiel. Was haben wir eigentlich erwartet?

    In der Biographie Ivan Otts kreuzen sich zwei große Linien, entlang derer Geschichte erzählt werden kann: zum einen die Linie der offiziellen Geschichtsschreibung, also das, was in den Schulbüchern steht; zum anderen die Lebenslinie eines einzelnen Individuums. Diese Linie ist schmal, vernachlässigbar schmal – es ist leicht, ‚unpassende‘ Schicksale aus der offiziellen Geschichtsschreibung zu tilgen.

    Auch wir Deutsche kennen dieses Problem: vor der Monstrosität des millionenfachen Holocausts gegen die Juden erschienen andere Opfer als vernachlässigbare Minderheiten oder wurden auch dann noch diskriminiert, nachdem die Verbrechen des Naziregimes offiziell aufgearbeitet wurden: Lesben und Schwule, Sinti und Roma, geistig und / oder körperlich Behinderte, psychiatrisch Kranke, Deserteure und viele andere, die auch in der Bundesrepublik noch über Jahrzehnte weiter fleißig ausgegrenzt wurden. Nicht zu vergessen, die ehemaligen Zwangsarbeiter, die, wenn überhaupt, lächerliche Abfindungen erhielten und oft in ihren Heimatländern ein erbärmliches Dasein fristen. Ganz unverhohlen, setzt die Politik, abseits offizieller Gedenkveranstaltungen, oft auf die ‚biologische Lösung‘ solcher ‚Altlasten‘.

    Es mag sein, dass Ivan Ott nur eines von Millionen traumatisierter Kriegskinder ist – ein winziger Bruchteil seiner Generation. Aber er ist einer, der nicht schweigt. Und deswegen ist seine Geschichte wichtig: Ivan Ott steht auch als Stellvertreter für die vielen, die zum Schweigen gebracht wurden oder es nie wagten, das ihnen auferlegte Schweigen zu brechen oder für diejenigen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage sind, sich Gehör zu verschaffen. Da Geschichte ja immer weiter fortgeschrieben wird und wir offenbar nur begrenzt lernfähig sind, gibt es auch immer wieder neue Gruppen solcher schweigender Zeitzeugen. Für sie stellt sich nicht primär die Frage nach Vergessen oder Verzeihen. Für sie stellt sich ganz dringlich die Frage nach der Wahrnehmung ihrer Leiden.

    Aus meiner Arbeit und aus vielen Gesprächen mit traumatisierten Menschen weiß ich, wie wichtig es für das einzelne Opfer ist, dass sein ganz persönliches Schicksal wahrgenommen und sein Leid dadurch entsprechend gewürdigt wird. Geschieht dies nicht, dann bleibt dieser Kloß im Hals stecken, dieses Gemisch aus Scham und Unsagbarem, ja, die Opfer schämen sich oft zutiefst. Sie schämen sich dafür, dass sie entwürdigt wurden, dafür, dass sie ihre Lieben nicht schützen konnten und zuletzt schämen sie sich dafür, dass es gerade sie sind, die überlebt haben. Und wenn all dies nicht ausgesprochen wird (und natürlich muss jemand da sein, der zuhört), wenn dieser Kloß im Hals steckenbleibt, dann wächst er und wird zu einem explosiven Gemisch. Tragischerweise richtet sich dessen  Zerstörungskraft meist gegen den traumatisierten Menschen selbst. Hass und Verbitterung können aber auch ganz konkret einen Krieg begünstigen, etwa einen Bürgerkrieg, so, wie in Ex-Jugoslawien – oder wie in den Auseinandersetzungen in Syrien, zwischen Palästina und Israel, oder in Ruanda oder Kongo … wir wollen nicht hinsehen. Aber wir sollten. Nicht jeden Tag, das wäre unerträglich. Aber immer wieder. Und wenn, dann sehr genau.