So was von tragisch! So was von unnötig!

Bei dieser Geschichte gibt es nur Opfer. Vollkommen zu Unrecht.

totgeliebt

Totgeliebt – das trifft es. Ein Paar, das sich in der Wirtschaftswunderzeit kennenlernt und gemeinsam zu neuen Ufern aufbricht. Sie: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber die junge Frau steht auf eigenen Beinen. Er: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber der junge Mann steht auf eigenen Beinen und macht Karriere als Flieger-Offizier. Sie hält ihm den Rücken frei und ordnet sich ein (oder unter?). So weit, so traditionell. Aber trotz aller Schwierigkeiten: Beide lieben sich herzlich und finden sich auch nach 30 Jahren Ehe körperlich noch anziehend.

Und dann schießt sie ihn tot.

Einfach so? Andreas Kläne hat diesen Fall sorgfältig recherchiert und schafft es, ein Szenario zu entwickeln, in dem nachfühlbar wird, warum diese Liebe so grausam endete. Vieles ist aus dem historischen Kontext heraus zu verstehen – beide Ehepartner waren in traditionellen Rollenbildern geradezu einzementiert und dort, wo Hilfe (z.B. therapeutisch) dringend notwendig gewesen wäre, herrschte Sprachlosigkeit. Die Tragik ist, dass jede/r sein Bestes gab und am eigenen Leben quasi vorbei lebte. Vorwürfe und Schuldzuweisungen gab es kaum. Auch keinen Streit. Alles wurde stets in schier unerschöpflicher Harmoniesucht übertüncht. Bis sich das nicht gelebte Leben endlich Bahn brach – und keine Mittel zur Verfügung standen, um mit einer solchen Situation umzugehen. Aus existenziell erlebter Bedrohung wurde eine Alles-oder Nichts-Lösung. Mit fatalen Konsequenzen. Tragisch, da es so viele potentielle Wendepunkte gegeben hätte, da so viel guter Wille vorhanden war und die Sache dann letztendlich an Sprachlosigkeit und (vermeintlichen) gesellschaftlichen Erwartungen scheiterte.

Andreas Kläne hat diesen Niedergang einer Ehe sorgfältig dokumentiert. Wer einen reißerischen Thriller erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch ist eher eine Dokumentation und im Stil einer sorgfältigen Reportage geschrieben (der Autor hat ja auch einen journalistischen Hintergrund). Andreas Kläne lässt sich viel Zeit damit, die Partner über Jahrzehnte zu begleiten und kommentiert nicht. Mit Perspektive-Wechseln schafft er Verständnis für beide Seiten ohne etwas zu entschuldigen. Was mir ein wenig gefehlt hat: Warum wurde aus der sinnlichen Geliebten und selbstbewussten Berufsfrau ein zugeknöpftes, frigides, putzwütiges Hausmütterchen? Man kann sich das als Leser denken – aber hier der Täterin bei ihrem psychischen Wandel näher zu kommen, wäre interessant gewesen. Aber wahrscheinlich wollte der Autor hier nicht zu sehr in die Fiktion abgleiten und hielt sich an das vorliegende Interviewmaterial mit einer Frau, die zur „Innenschau“ offenbar kaum fähig ist.

Die Sprache des Autors ist eher nüchtern, journalistisch. Seine Figuren sind ungeübt darin ihre Gefühle jenseits von Klischees auszudrücken. Auch dies vielleicht mit ein Grund dafür, dass mir die sprachliche Umsetzung nicht durchgängig gefallen hat. Teilweise gibt es unnötige Wortwiederholungen oder die Dialoge wirken etwas hölzern bzw. „aufgesetzt“. Das sind allerdings nur kleine Kritikpunkte. Das Buch ist absolut lesenswert, ein Zeitdokument bzgl. der Auffassung von dem was eine „Ehe in Deutschland“ ist (bzw. war) und ein flammendes Plädoyer gegen zementierte Geschlechterrollen – und dafür, sich rechtzeitig helfen zu lassen und nicht alle seelischen Nöte hinter einer geputzten Fassade zu verstecken.

Totgeliebt: Tatsachenroman; 392 Seiten

erschienen bei tredition
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Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!

Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

Mama Mia und das Schleuderprogramm

(Kindern Borderline erklären)

mamamia

Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern – und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.

Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

***

Nun eine Anmerkung, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld.

erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390750  12,95 €

Frauen im Käfig – in Sicherheit oder im Gefängnis?

Rezension des Romans „Ehre“ von Elif Shafak; ein Beitrag zur Reihe #Starke Frauen

ehre

Nachdem unsere Blogparade zu Ende ist, werde ich dennoch weiter in lockerer Reihenfolge unter #StarkeFrauen interessante Entdeckungen zum Thema Frauenliteratur vorstellen und dazu auch Gastbeiträge hochladen. Die Autorin Elif Shafak lebt mit ihrer Familie in London und Istanbul und ist eine glaubwürdige Wanderin zwischen den kulturellen Welten.

Im ersten Kapitel erfahren wir, dass nach 14 Jahren die Haftentlassung von Iskender bevorsteht, der als Sechzehnjähriger die eigene Mutter tötete. Ein Ehrenmord, um das Gesicht der Familie zu retten. Aber Rettung ist nirgends in Sicht, die Familie scheint zerstört.

Danach entfaltet sich der Roman in Rückblenden, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt werden. Wo liegen die Wurzeln dieser Familie? Erklärt die Vergangenheit die gegenwärtige Tragödie? Wenn die ungeschriebenen Gesetze der Tradition eine hilfreiche Klammer darstellen, die Familien stützen und gesellschaftliches Miteinander erst möglich machen, welche Opfer dürfen dafür gebracht werden?

Im Jahr 1945 werden die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila als 7. und 8. Mädchen einer kurdischen Familie geboren. Sie werden früh zu Halbwaisen, als das Projekt „Sohn“ ebenso endgültig wie tragisch scheitert. So wird Naze, die Mutter der Zwillinge, zum ersten Opfer der Verhältnisse.

In symbiotischer Zweisamkeit wachsen die Mädchen im traditonellen Umfeld heran, großgezogen von der ältesten Schwester, die zum Mutterersatz wird. Auch sie wird zum Opfer werden. Der Sinn im Leben einer Frau? „Sie wollte später einmal heiraten – ein Brautkleid und eine Buttercremtorte, wie man das in der Stadt machte, fand sie wunderbar. […] Sie wollte Kinder.“

Aber als sich Adem in Jamila verliebt, diktieren die ungeschriebenen Gesetze, dass diese Beziehung nicht gelebt werden darf. Also heiratet Adem Pembe, die (fast) identisch aussehende Zwillingsschwester. Pembe und Adem ziehen nach London und gründen dort eine Familie mit drei Kindern. Jamila bleibt im Dorf und arbeitet als Hebamme. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Elif Shafak nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren. Adem wird mit seiner Herkunftsfamilie vorgestellt, und obwohl der Spieler und Schürzenjäger sicher kein Sympathieträger ist, kann man nicht vergessen, was ihm als Kind widerfuhr. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Die Lösung? Vielleicht wäre es Offenheit gewesen, der Mut Dinge direkt anzusprechen. Vielleicht, sich Hilfe von außen zu holen – eine Therapie? Lächerlich. In solchen Kategorien denken weder Adem noch Pembe. Sie sind Gefangene ihrer Herkunft.

Iskender, der Erstgeborene ist Mutters „Löwe“, der „kleine Sultan“, die hemmungslos verhätschelte Wiedergutmachung der endlich gestillten Sehnsucht nach einem Sohn. Esma, die Zweitgeborene ist „kein englisches Mädchen“ – sagt zumindest die Mutter. Pubertätsnöte, Verantwortungsgefühl, kleine Geheimnisse und die ewige kulturelle Zerrissenheit führen zu ständigen Loyalistätskonflikten. Eine brisante Mischung, die durch die Liebe zur Familie zusammengehalten wird. Yunus, der Jüngste schließt sich einer Horde von Punkern an, die im wilden London der Siebziger Jahre ein Haus besetzen. Er, das am wenigsten angepasste „Problemkind“, wird es schließlich sein, der einen ungewöhnlichen Rettungsweg aufzeigen wird.

Ist Pembe eine schwache Frau, weil sie die Eskapden ihres Mannes hin nimmt und nie so richtig Englisch lernt? Oder ist sie eine starke Frau, weil sie die Familie zusammenhält und Geld verdient, nachdem ihr Mann zuerst alles verspielte und dann die Familie verließ?

Ist das ungeschriebene Gesetz der Ehre ein Schutz, weil es das Zusammenleben der Generationen und der Geschlechter unmissverständlich regelt, oder ist es ein Gefängnis, das jegliche individuelle Weiterentwicklung brutal verhindert? Jede Figur im Buch gibt eine andere Antwort auf diese Fragen – und diese ändern sich, je nach Lebensalter und Erfahrungshintergrund. Nichts bleibt wie es ist. Aber das ist verwirrend. Und kränkend – für Männer, deren uneingeschränkte Autorität in Frage gestellt wird. Für Frauen, die sich ständig schämen müssen. Für beide, weil sie keine Worte finden für das, was mit ihnen geschieht. Und diese Sprachlosigkeit ist die eigentliche Tragödie.

Ebenso tastend wie die Suche nach den richtigen Wörten entwickelt sich dann auch die Liebesgeschichte zwischen Pembe und Elias. Nachdem Adem verschwunden ist, beginnt Pembe sich mit der Zufallsbekanntschaft zu treffen. Heimlich schauen sie Filme an, meist Stummfilme, da hier das Sprachverständnis nicht so wichtig ist. Eigentlich passiert nicht viel zwischen den beiden. Aber es reicht aus, um alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen. Und so kommt es zur Tragödie: Iskender, aufgehetzt von seinem Onkel Tarik und einen Hassprediger, stürzt sich mit einem Messer in der Hand auf die Mutter.

Wie es der Autorin nach dieser Bluttat gelingt, die losen Fäden der Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls vergisst sie niemanden, jede Figur kommt zu ihrem Recht, und sie schlägt den ganz großen Erzählbogen, ohne dass es künstlich oder konstruiert wirkt – obwohl sie einige erzählerische Kniffe anwendet.

Ja, es gibt sogar eine Art von Happy-End – obwohl je Figur im Buch das natürlich komplett anders sehen würde. Zumindest öffnen Esma und Yunus Fenster und Türen in eine Welt, die anders sein könnte und auch Iskender hat einen langen Weg zu sich selbst zurückgelegt.

Vergleich:  Beim Lesen musste ich mehrmals an „das Verborgene Wort“ von Ulla Hahn denken. Die miefige Gesellschaft der 50iger erscheint heute genauso fern wie ein Dorf in Kurdistan, aber die brutale Unterdrückung derjenigen, die anders leben wollen, ist auch bei uns noch gar nicht so lange her.

Und dann kam mir noch ein anderes Buch in den Sinn: Vor einigen Wochen schrieb ich eine Rezension zu „Makaronissi“ von Vea Kaiser, ebenfalls ein Generationenroman, geprägt durch Migrationserfahrungen. Makaronissi hat mir sehr gut gefallen. Hier standen im Vordergrund, die ungebremste Fabulierlust, die Freude an schrägen Typen und der große historische Erzählbogen der von Tradition über Migration zu neu zusammengewürfelten Beziehungen führt. Vordergründig gesehen auch die Themen von „Ehre“. Elif Shalfak schreibt, meiner Meinung nach, jedoch konsistenter, glaubwürdiger. Die einzelnen Charaktere sind zwar in ihren Rollen gefangen, offenbaren jedoch in überraschenden Wendungen Tiefe und Glaubwürdigkeit, wie sie nur das echte Leben verleiht. Kurz gesagt: Vea Kaiser schreibt als Beobachterin ‚von außen‘, Elif Shafak schreibt sozusagen aus dem ‚Inneren ihrer Figuren‘ heraus. Die eigene Biographie spielt dabei sicher eine große Rolle. Aber sie erwähnt auch, dass viele Frauen ihr die eigene Lebensgeschichte anvertraut haben.

Fazit: Ein schönes Buch. Ein schreckliches Buch. Eines der Bücher, bei denen man bedauert, dass sie zu Ende sind.

 

Wurzeln und Flügel – ein Generationenroman

buch

Eleni wurde 1956 in einem kleinen griechischen Dorf an der albanischen Grenze nur aus dem einen Grund geboren: Um ihren Cousin Lefti zu heiraten. Oder um es deutlicher zu sagen: Damit das Vermögen in der Familie blieb. Alles funktionierte so wie abgemacht. Und ging trotzdem gründlich schief.

Putsch und Militärjunta. Achtundsechziger und sexuelle Befreiung. Gastarbeiterschicksal und Neuerfindung in einer globalisierten Welt. Das ist der historische Rahmen, in dem die Handlung spielt. Während Lefti versucht Wurzeln zu schlagen, fliegt Eleni hoch – zu hoch. Und doch ist schließlich wieder alles ganz anders, die Kreise schließen sich.

Vea Kaiser macht daraus ein modernes Heldenepos in neun „Gesängen“ und führt uns aus dem geschlossenen Universum der Clans hinaus in die weite Welt und wieder zurück; denn so verläuft die Lebensreise von Lefti und Eleni, deren Charaktere nicht gegensätzlicher sein könnten. Strebsam, lernwillig und ehrgeizig der eine. Querköpfig, leidenschaftlich und anders ehrgeizig die andere. Umgeben sind die beiden von Familie, Freunden, Mitstreitern und Gegenspielern, die warmrherzig aber auch mit spitzer Feder gezeichnet, mitten aus dem Leben zu stammen scheinen (Vea Kaiser sagte einmal in einem Interview, dass die eigene Familie ihr Steilvorlagen für die Schilderung ihrer Charaktere gebe …).

Der rätselhafte Klappentext macht neugierig, und ich fragte mich beim ersten Durchlesen, wie eine so junge Autorin dieses komplexe Thema wirklich packen will. Wobei 464 Seiten für ein Generationenepos ja eher knapp kalkuliert sind.

Zugegeben, es bleiben Fragen offen, über die Vea Kaiser mit leichter Hand (und Feder) ein wenig hinweghuscht. Aber diesem Roman geht es auch nicht so sehr darum einen bis ins Letzte korrekten historischen Abriss der Ereignisse darzustellen, sondern er nähert sich den ganz großen Themen aus der ausschließlich privaten Perspektive. Und gerade das macht das Buch interessant.

Auch heute wird ja wieder „Geschichte gemacht“ und „historische Ereignisse“ überstürzen sich, während viele Menschen das Gefühl plagt, jeweils nur einen fragmentarischen Ausblick auf die Realität zu bekommen. Wie schmerzlich vermisst man oft den Blick aufs große Ganze und versucht Zusammenhänge zu verstehen. Nicht anders ergeht es den Heldinnen und Helden in diesem Roman. Das Große findet sich im Kleinen, das Private wird politisch, und das Räderwerk der Geschichte zermahlt Lebensentwürfe und Träume zu einem Staub, aus dem sich dann wieder ganz vortrefflich etwas Neues formen lässt. Das ist oft schmerzlich. Noch öfter witzig. Und manchmal ganz einfach herzzerreißend.

Sind wir Planer unseres Schicksals oder Marionetten, die an den Strippen tanzen, welche die Götter ziehen? Jeder beantwortet diese Frage anders: Die Großmutter liest aus dem Kaffeesatz und deutet Träume. Eleni wird Kommunistin und Lefti arbeitet still und strebsam am gesellschaftlichen Aufstieg. Wer ist dabei ein Held? Achill, der Kämpfer oder Odysseus, der sich treiben lässt, dabei aber nie das Ziel aus den Augen verliert? Die Antwort fällt unterschiedlich aus. Denn wie heißt es so schön: „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden.

Dieses Buch ist Liebesgeschichte, Komödie und Drama in einem. Die Charaktere wachsen einem ans Herz und so wird dieser Roman vor allem zu einem ungeheuren Lesespaß. Ich gebe zu. Er hat mir schlaflose Nächte bereitet. Aber äußerst vergnügliche.

Über den Tod hinaus … ein bemerkenswertes Buch – nicht nur für Jugendliche

eisvogel

Der 15-jährige Thomas stirbt bei einem Verkehrsunfall. Er wird mitten aus einem Leben gerissen, das gerade erst angefangen hat: erste ganz große Liebe, erste Schritte weg aus der Geborgenheit der Familie, erste Schritte, in eine Zukunft, die nun als Mogelpackung, als einziges leeres Versprechen erscheint.

Aber Thomas ist nicht verschwunden. Diejenigen, die ihn am meisten liebten, ’sehen‘ ihn immer noch: Die wilde, kreative Orphee, seine große Liebe. Die Mutter, die nie den Tod der eigenen Mutter verarbeiten konnte. Der Großvater, in dessen Leben der Tod schon viel zu früh Schneisen der Verwüstung zog.Sind sie alle verrückt? Man könnte es meinen.

Aber Thomas, der Wanderer zwischen den Welten, zieht auch uns Leser mit ins Vertrauen und erzählt eine Geschichte, die die losen Fäden der Vergangenheit zu einer Geschichte vereint, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. „So lange ihr mich nicht loslasst, kann ich nicht gehen“, sagt er. Und solange er nicht gehen kann, haben die Menschen, die mit ihm verbunden sind, keine Chance auf eine Zukunft. Sie bleiben stecken in ihrer Trauer, und so wird die Liebe zu einer eisigen Macht, die alles einfriert und erstarren lässt – so wie Thomas‘ Zimmer zu einer Art Museum wird und Orphee in angeblicher Mitschuld am Tod des Freundes einfriert. Der magische Eisvogel, die Gestalt aus einer der zahllosen Geschichten des Großvaters trägt unter seinen Schwingen Schatten und Kälte über das Land – Eisvogelsommer ….

Trotzdem ist dies keine trostlose Geschichte. Thomas (der immer Schriftsteller werden wollte) ist ein ebenso humorvoller Erzähler wie guter Beobachter. Er nimmt uns mitten hinein ins Leben und wir begreifen was es wirklich lebenswert macht: Beziehungen, Vertrauen, miteinander Da-Sein. Aber auch über die Erkenntnis, dass wahre Liebe die Kraft aufbringt loszulassen und dass dies kein Verrat am Verstorbenen ist … das jedoch scheint das Schwierigste überhaupt zu sein. Ob und wie es gelingt, soll hier nicht verraten werden.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass Jan De Leeuw in einer ganz wunderbaren poetischen Sprache schreibt, bildreich und vollkommen ohne abgegriffene Metaphern – eine Sprache, die einem die Augen öffnet für Zwischentöne und Dinge, die in der Schwebe bleiben. Auch die Seelenlandschaften der Figuren werden genau beobachtet und einfühlsam beschrieben. Ich verstehe kein Flämisch, aber es handelt sich hier um eine wirklich gelungene Übersetzung.