Effie muss nicht sterben

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„Man munkelt über Lene so dies und das. [Aber] mich interessiert nicht, was Lene getan hat. Es geht mich nichts an. Mich geht nur an, wer sie für mich ist.“
Beim Lesen dieses Buches musste ich zeitweise an Effie Briest denken. Fontanes Roman spielt – genau wie Renate Habets „rote Lene“ – im wilhelminischen Zeitalter: Allerdings stammt Lene aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht als Effie; ob das ihr Leben gerettet hat? Wir werden sehen …

Die rothaarige Lene war schon immer „annerscht“. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, in einem kleinen Dorf im Westerwald reichen schon ihre roten Haare, um sie abzustempeln zur „ruure Lene“, die misstrauisch beäugt wird, ob sie nicht vielleicht doch eine Art Hexe und mit dem „Deuwel“ im Bunde sei …
Das verträumte Mädchen findet in der Natur mehr Zuwendung als bei Spielkameraden; lediglich Klaas und Louise werden sie ein ganzes Leben lang begleiten – und erzählen die Geschichte vom Dorfkind Lene, das zur eleganten Kölnerin Magda wurde, die dann grausam abstürzte, und der es trotzdem gelang, die Splitter ihrer Existenz wieder zu einem Lebenskreis zusammenzufügen.

Nein, das ist kein Groschenroman, sondern das fein beobachtete Psychogramm eines Frauenschicksals aus einer Zeit, als die Modernisierung rasend schnell voranschritt und die soziale Schere zwischen Land und Stadt weit auseinanderklaffte. Heute würde man für vieles, was Lene zustieß, andere Worte finden – auch für die psychischen Verheerungen, die in der Kinderseele angerichtet wurden: Vernachlässigung, Mobbing und frühkindliches Trauma, wären wohl die Bezeichnungen, die Fachleute heutzutage verwenden würden.

Rückzugsort ist für Lene die Natur, und es ist bezeichnend, dass sie – trotz aller Widrigkeiten – nie in Frage stellt, den engen Horizont des Heimatdorfes zu sprengen. Sie fügt sich. Bis sie Rudi begegnet – einem wohlhabenden jungen Mann aus Köln, der sein Hobby als Landschaftsmaler pflegt und die schöne Lene zuerst zeichnet und sich dann in sie verliebt.
Mit ihm wagt Lene den Schritt aus der dörflichen Enge und in ein neues Leben. Sie bricht alle Brücken hinter sich ab. Sogar den Namen verliert sie. Lene, deren Taufname „Magdalena“ ist, wird auf Geheiß der übermächtigen Schwiegermutter zu Magda und muss schmerzhaft erfahren, dass sie auch im neuen Umfeld „annerscht“ ist – dass sie offenbar nirgends so richtig hineinpasst. Erst recht, als sie mehrere Fehlgeburten erleidet.

Renate Habets erzählt multiperspektivisch aus Sicht verschiedener Freunde und Verwandter. So entsteht ein buntes Kaleidoskop verschiedener Sichtweisen auf dieses Frauenschicksal. Beim Lesen ergeben sich so Deutungsräume und es werden billige Klischees vermieden. Die Figuren erhalten Tiefe und man erkennt, wie stark jede und jeder in den (sozialen) Rollenzuschreibungen gefangen ist. Die Inhaltsleere eines Frauenlebens, das nur darauf ausgerichtet ist, schmückendes Beiwerk an der Seite eines erfolgreichen Mannes zu sein, wird einem drastisch vor Augen geführt. Die ewige Rolle der Unmündigen, in der die Frauen festgehalten werden, und die sich – wenn sie nicht um Kind und Küche kreisen – in innerfamiliären Intrigen aufreiben.

Lene sieht sich gefangen: ihrer neuen Rolle wird sie nicht gerecht und die große Liebe schwindet. Der Rückweg ins Heimatdorf ist versperrt, denn in der Familie gilt sie als Ausgestoßene. Lene wird „seltsam“. Auch hier wüssten die Fachleute heute eine Diagnose: Depression. Damals wusste man sich keinen Rat. Bis Lene in einem Akt der Verzweiflung eine schreckliche Tat begeht. Danach wird sie „weggesperrt“.

Zwar gab es damals schon Kliniken für Nervenkranke, aber dort wurden die Erkrankten mehr oder weniger „verwahrt“ – und was in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus geschah, in denen solche Menschen als „Ballastexistenzen“ bezeichnet wurden, ist im Hinterkopf beim Lesen präsent. Im Rückblick wird auch klar, welche Fortschritte heutige Therapieformen darstellen, die psychisch erkrankten Menschen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen und Inklusion fordern.

Aber Lenes Geschichte geht weiter: Sie kehrt zurück in ihr Dorf. Eine junge Frau, die ihre Enkelin sein könnte, stellt viele Fragen und in den Antworten blitzt etwas auf, dass die Fachleute heute mit „Schutzfaktoren“ und „Resilienz“ bezeichnen würden: Lene hat schließlich ihren Frieden mit sich und dem Leben gemacht, und sieht in der jungen Frau, die fortgehen wird – weit fort – die Hoffnung auf ein glücklicheres und erfüllteres (Frauen)Leben. Die junge Frau ist die Enkelin ihrer besten Freundin Louise und schon klingt mir wieder Fontane im Ohr. Nach Effis Tod sagt der Vater: „„Ach, Luise, laß … das ist ein ‚zu‘ weites Feld.“

Dagegen klingen die Zorntiraden von Lenes ewiggestrigem Bruder doch direkt optimistisch: „[Die Hexe, die rothaarige] seit sie zurück ist, ist keine Ordnung mehr. Söhne wenden sich gegen ihre Väter, Frauen tragen Hosen wie Männer und rauchen, und keiner will mehr gehorchen.“

Renate Habets
Die rote Lene
erschienen 2013 im ALCORDE-Verlag, Essen
233 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-939973-14-0

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Von einer, die auszog, das Fühlen zu lernen

Ein Elternhaus, das von Sprachlosigkeit geprägt ist und in dem das wichtigste (Lebens)ziel ist, die Fassade aufrechtzuerhalten, weil es schon immer so war, weil es alle so machen, und weil die Nachbarn nicht reden sollen.
Hier wächst ein kleines Mädchen in ein fremdbestimmtes Leben hinein, das nach einer „Gebrauchsanweisung“ abläuft, von der nicht klar ist, wer sie verfasst hat. Und weil das kleine Mädchen es nicht anders kennt, ist das auch vollkommen normal.

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Normal sind auch das diffuse Unbehagen, die Traurigkeit und die runtergeschluckten Gefühle, die deshalb so bedrohlich sind, weil sie alles existenziell in Frage stellen. Die Eltern erlebten Krieg und Gewaltherrschaft und haben gelernt, dass man nicht aufbegehrt – auch um den Preis des eigenen gelebten Lebens. Was sollen sie nur anfangen mit dieser rebellischen Tochter, die so sehr auf der Suche nach der eigenen Persönlichkeit hinter der Fassade ist?
Nichts. Die Eltern erstarren – so wie sie es immer tun. In Ablehnung. In Abwertung. In Angst.

Maria Bachmann nimmt uns in diesem hinreißend geschriebenen Buch mit auf die Suche. Sie bäumt sich auf, sie rebelliert und betäubt sich – solange, bis Körper und Seele streiken. Es reicht nicht nur „gegen“ etwas anzukämpfen, stellt sie fest. Man muss auch „für“ etwas sein. Aber wie? Und für was? Positive Vorbilder fehlen in der Welt, aus der sie stammt.

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Mutig geht sie an ihre Grenzen – und darüber hinaus. Die Schauspielerei und eine Therapie werden zu Schlüsseln für komplett verschüttete Gefühle, die dem kleinen Mädchen nie zugestanden wurden. Eine abenteuerliche und schmerzhafte Reise, die sich lohnt. Einige Male musste ich beim Lesen laut lachen und hatte gleichzeitig Tränen in den Augen.

Fazit: Hoher Wiedererkennungswert für viele „Babyboomer“.
Absolute Leseempfehlung!

Aufklärungsquote 120 % – Dona Holstein ermittelt über Länder- und Zeitgrenzen hinweg

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Als ich das Buch aufschlug stolperte ich über eine ellenlange Liste mit Charakteren: Über drei Seiten „Personal“! Wofür das denn?! Das ist doch nur ein Krimi und kein russisches Familienepos der Jahrhundertwende.

„Nur“ ein Kriminalroman? Wohl wahr, aber ziemlich kunstvoll konstruiert und außerdem herrlich schräg und mit einem Feuerwerk ebenso charmanter wie bösartiger Details. Zur Beruhigung: ein Teil des Krimipersonals ist zu Beginn des Buches schon tot – und ein großer Prozentsatz der Akteure stirbt, während die Ermittlungen noch laufen. Und es ist eine wahre Freude wie die Autorin Erzählstränge bündelt und Charakterprofile mit hohem Wiedererkennungswert schärft, so dass beim Leser nur diese Art von Verwirrung entsteht, ohne die ein Krimi nun mal nicht spannend wäre. Allerdings sollte man mit dem Lesen „dranbleiben“ – wenn man eine längere Pause macht, tut man sich vermutlich schwer wieder in die Handlung hineinzufinden.

Worum geht es? Eine Erbengemeinschaft, die sich spinnefeind ist, beauftragt die Ermittlergruppe rund um Dona Holstein mit Nachforschungen zu drei mysteriösen Todesfällen, die eigentlich bereits aufgeklärt wurden. Eigentlich … aber jeder der potentiellen Erben aus Wales, Flandern und Deutschland schwebt selbst in akuter Lebensgefahr. Ausgenommen selbstverständlich der oder die Täter …

Wobei die Spuren bis tief in die Vergangenheit führen – um genau zu sein, bis zu einer Jahrhunderte zurückliegenden Sturmflut, und so spielen auch  längst begrabene Tote eine nicht unbedeutende Rolle bei der Jagd nach dem Familienschatz. Wie praktisch, dass Donas Team auch die Qualifikation Geisterjäger mitbringt. Neben einem echt britischen Butler, einer blinden Detektivin und einem ehemaligen Ringer gibt es weitere Spezialisten, so dass kein Geist und kein Mörder und erst recht kein mörderischer Geist eine Chance hat; auch die Quote von 120 % gelösten Fällen erscheint auf einmal plausibel. Wie diese statistisch eigentlich unmöglichen Prozente zustande kommen? Das ist ebenso unglaublich wie  die Unterstützung von Puschen, Omo, Muskelkater, Journey Lazy Mc Brain und weiteren vierfüßigen oder geflügelten Assistenten, die im Zweifelsfall jede Situation retten.

Im Stil britischer Kriminalkomödien erzählt Fenna Williams diese turbulente Geschichte im stets leicht amüsierten Plauderton, schwarzhumorig und mit einem Sarkasmus, der durch einen unschuldig-menschenfreundlichen Augenaufschlag nur oberflächlich entschärft wird.

Fazit: Ein gut gebauter Krimi mit vielen falschen Spuren und so vielen liebevoll beschriebenen details, dass das Lesen so viel Spaß macht und man gar nicht merkt, wie man wieder auf Abwege gelockt wurde. Wer einen stringent geplotteten Ermittlerkrimi mit viel Action und strategisch platzierten Cliffhängern erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Wer sich aber Zeit nimmt einfach nur witzige Sprache und skurrile Typen zu genießen, wer britischen Humor mag und es liebt, sich auf mäandernde Gedankenabwege mitnehmen zu lassen, ist gut bedient. Eins ist sicher: Langweilig ist dieses Buch keine Sekunde – und ist eine Situation noch so abstrus – Donas Team schafft mit vereinten Kräften einfach alles. Und falls es doch einmal ausweglos sein sollte, gibt es da immer noch diese Handtasche mit ihrem gut gehüteten Geheimnis. Aber das werde ich hier nicht verraten. Um keinen Preis. OK, ok, auch ich bin käuflich …. aber einer Dona möchte ich wirklich nicht in die Quere kommen. Deshalb schweige ich hier und jetzt und für immer (was die Handtasche angeht).

***

„Wer einmal stirbt, dem glaubt man nicht“

Fenna Williams

Taschenbuch: 464 Seiten

List Taschenbuch (2015)

 

 

Frauen, die nicht auf Bestsellerlisten stehen … schreiben Bücher, die in keine Schublade passen

Rezension von „VINDICTA“ und Plauderei mit der Autorin Isabella Bach

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Vor einiger Zeit landete auf meinem Rezensionsstapel ein Buch, das ich erstmal nicht aufschlug. Auf dem Cover eine halbentblößte junge „Sklavin“ mit Augenbinde und wohlgeformter Oberweite (übrigens wurde das Cover für die hier gezeigt Kindle-Ausgabe optisch „entschärft“).  „Deutschlands Antwort auf „Fifty Shades of Grey“ hieß es. Ach du meine Güte! Den Bestseller hatte ich nämlich damals gelangweilt zur Seite gelegt. War „VINDICTA“ auch so eine miese Mischung aus verlogener Romantik und Voyeurismus – als Krimi dann notgedrungen dekoriert mit den obligatorischen Körperflüssigkeiten?

Meine Erwartungen sollten angenehm enttäuscht werden.

Felicitas alias „Lady Caprice“ arbeitet in einem Sado-Maso-Studio und hat zwei jüngere Kolleginnen, von denen die eine ermordet und die andere hochverdächtig ist. Aber auch der attraktive „Dark Raven“ treibt als sadistischer „Dom“ seine manipulativen Spielchen. Felicitas hat eine grausame Vorgeschichte. Einziger Halt ist ihre Großmutter. Diese wiederum hat eine Liebesbeziehung mit dem ermittelnden Kommissar, der nicht nur aussieht wie Heinz Rühmann, sondern genauso schlitzohrig sympathisch rüberkommt.

Mit diesen Charakteren entfaltet sich ein solide und handwerklich gut gemachter Krimi. Es gibt viel Berliner Lokalkolorit, witzige und anrührende Dialoge, gut gemachte Rückblenden, falsche Verdächtige und klug geführte Spannungsbögen, die das Buch stellenweise zum echten Pageturner machen. Die Geschichte spielt in einem ungewöhnlichen Milieu und man lernt so ganz nebenbei viel über die Sado-Maso-Szene. Dabei gelingt der Autorin eine faszinierende Innenschau, die übertriebene voyeuristische Elemente gekonnt vermeidet und trotzdem den Kitzel des Verbotenen aufrechterhält.

Isabella Bach hat also alles richtig gemacht. Das Buch sollte auf dem Markt problemlos seine Leserschaft finden und Erfolg haben.

Hat es aber nicht.

Warum?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum Bespiel der gewählte Verlag. Wahrscheinlich greift der übliche Krimiliebhaber nicht gerade zu einem Buch aus dem „Marterpfahl-Verlag“. Dort findet sich äußerst erfolgreiche Sex-Literatur vor allem aus dem Themenbereich des BDSM, aber auch Ratgeber („Sex für Fortgeschrittene“) und Neuauflagen erotischer Klassiker. Zugegeben: Politisch korrekt und feministisch geht anders. Aber Schmuddelkram, pikant Ergötzliches und das Gefühl des Verbotenen garantierten schon immer gute Geschäfte – warum dann nicht auch für VINDICTA, ein Buch, das – oberflächlich betrachtet – prima ins Programm passt?

Ich habe mich mit der Autorin darüber unterhalten:

Isabella Bach antwortet nachdenklich: Ich sehe auch das Problem, dass der Verlag nicht ideal zur Zielgruppe meines Romans passt. Ich hatte mich seinerzeit mit VINDICTA bei unzähligen Literaturagenten und Verlagen beworben. Leider vergeblich … Und ich muss dem Marterpfahl-Verlag zugutehalten, dass dieses Buch, auch wenn es nicht perfekt ins Programm passt, sorgfältig und professionell gemacht wurde.

Ulrike Blatter: Es gibt ja durchaus Bücher, die das Thema Sado / Maso auf unterhaltsame Art und Weise behandeln. Warum hattest gerade du solche Probleme mit deinem Roman?

I.B.: Als ich mit dem Thema anfing, dachte ich auch, dass ich vom Hype der „Fifty Shades of Grey“ profitieren könnte. Aber da gibt es ziemliche Unterschiede: Insider haben nicht wirklich eine Distanz zu dem, was sie tun. Sie lieben es. Sie sind geil drauf. Das ist für mich okay, wenn es sie glücklich macht. Leute, außerhalb der Szene, die Bücher schreiben oder Filme machen, achten meist nur darauf, dass Szenen eingebaut werden, die bizarr und geheimnisvoll rüberkommen. Um Tiefe kümmert sich kaum einer.

U.B.: Heißt das, es darf nicht zu echt sein? Vielleicht weil es dann bedrohlich nahe heranrückt? Mir fällt da etwas ein. In einem Interview mit einem Bestsellerautor las ich einmal (sinngemäß) den folgenden Satz: „Wenn ein Roman „zu echt“ wird, spüre ich das sofort und lege das Buch zur Seite. Ich lese ausschließlich Fiktion.“

Hast du vielleicht „zu gut“ recherchiert? Eine Ex-Domina schreibt ja zu Deinem Buch: „Als Kennerin der Szene […] hat mich überrascht, wie genau die Autorin Isabella Bach die Gefühle und Gedanken einer Domina und Sklavin beschrieben hat.“

I.B.: Mal andersherum gefragt: Kann man zu gut recherchieren? Mir geht es um Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber ich habe ja keine Reportage geschrieben, sondern einen Krimi … Dafür habe S + M-Leuten interviewt, war in der Szene unterwegs, habe einen Stapel Insider-Literatur gelesen, mich auf Internet-Portalen informiert und mir aus der Distanz heraus eine eigene Meinung gebildet. Dadurch schaffte ich es mich immer besser, mich in meine Charaktere einzufühlen.

U.B.: Auch für mich war es spannend zu lesen, dass Masochismus unterschiedliche Facetten und Spielarten hat und wie Felicitas zur Domina wurde. Die junge Protagonistin mit ihrer Brutalität und gleichzeitig in ihrer Verletzlichkeit fand ich faszinierend.

I.B.: Es war mir wichtig zu zeigen, dass die Motive meiner Figuren sich aus ihrer Biografie heraus erklären. Warum quält jemand? Warum lässt sich jemand (für viel Geld) quälen?

U.B.: Ich finde, das ist dir gelungen. Das Buch ist ziemlich spannend geworden. Aber da ist ja noch etwas – noch so ein Tabu …. Sag mal ernsthaft: Hat dich der Teufel geritten?!

I.B. (grinst entwaffnend): Das meinst du jetzt wortwörtlich, nicht wahr? Meinst du wirklich, die Kritik an der katholischen Kirche ist ein Killer-Kriterium für dieses Buch?

U.B.: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nach Missbrauchsskandalen und einer Welle von Kirchenaustritten ist es ja nichts wirklich Neues, was du beschreibst – ich gehe jetzt nicht ins Detail, da ich nicht spoilern will …

I.B.: Eins kann man vielleicht doch sagen: Ich versuche die Parallelen zwischen Katholizismus und Sado/Maso herauszuarbeiten. Diese ganzen Verstrickungen von angeblicher Schuld und Sühneritualen, die einen Menschen klein machen und in Abhängigkeit halten. Deshalb war Felicitas als junge Frau auch Nonne.

U.B.: Ich fasse zusammen: „VINDICTA“ ist ein spannender, gut gemachter Krimi, der Einblicke in eine ungewöhnliche Szene gewährt – aber leider ist das Buch nur sichtbar für die „falsche“ Zielgruppe. Vielleicht können wir das ja mit diesem Interview ändern?

I.B.: Ich würde mich freuen. Das würde mir Mut machen, auch weiter über Tabuthemen unserer Gesellschaft zu schreiben.

U.B.: …. und ich dachte immer, in unserer Gesellschaft gibt es keine Tabus mehr …

I.B.: Unsere Gesellschaft erinnert mich eher an ein scheinbar intaktes Haus: Frisch gestrichene Fassade, aber die Mauern bröckeln.Und die Bewohner weigern sich, darüber zu reden.

***

VINDICTA – Strafe muss sein; Taschenbuch: 210 Seiten; erschienen 2015 im Marterpfahl Verlag; Homepage der Autorin: www.isabella-bach.de

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

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So was von tragisch! So was von unnötig!

Bei dieser Geschichte gibt es nur Opfer. Vollkommen zu Unrecht.

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Totgeliebt – das trifft es. Ein Paar, das sich in der Wirtschaftswunderzeit kennenlernt und gemeinsam zu neuen Ufern aufbricht. Sie: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber die junge Frau steht auf eigenen Beinen. Er: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber der junge Mann steht auf eigenen Beinen und macht Karriere als Flieger-Offizier. Sie hält ihm den Rücken frei und ordnet sich ein (oder unter?). So weit, so traditionell. Aber trotz aller Schwierigkeiten: Beide lieben sich herzlich und finden sich auch nach 30 Jahren Ehe körperlich noch anziehend.

Und dann schießt sie ihn tot.

Einfach so? Andreas Kläne hat diesen Fall sorgfältig recherchiert und schafft es, ein Szenario zu entwickeln, in dem nachfühlbar wird, warum diese Liebe so grausam endete. Vieles ist aus dem historischen Kontext heraus zu verstehen – beide Ehepartner waren in traditionellen Rollenbildern geradezu einzementiert und dort, wo Hilfe (z.B. therapeutisch) dringend notwendig gewesen wäre, herrschte Sprachlosigkeit. Die Tragik ist, dass jede/r sein Bestes gab und am eigenen Leben quasi vorbei lebte. Vorwürfe und Schuldzuweisungen gab es kaum. Auch keinen Streit. Alles wurde stets in schier unerschöpflicher Harmoniesucht übertüncht. Bis sich das nicht gelebte Leben endlich Bahn brach – und keine Mittel zur Verfügung standen, um mit einer solchen Situation umzugehen. Aus existenziell erlebter Bedrohung wurde eine Alles-oder Nichts-Lösung. Mit fatalen Konsequenzen. Tragisch, da es so viele potentielle Wendepunkte gegeben hätte, da so viel guter Wille vorhanden war und die Sache dann letztendlich an Sprachlosigkeit und (vermeintlichen) gesellschaftlichen Erwartungen scheiterte.

Andreas Kläne hat diesen Niedergang einer Ehe sorgfältig dokumentiert. Wer einen reißerischen Thriller erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch ist eher eine Dokumentation und im Stil einer sorgfältigen Reportage geschrieben (der Autor hat ja auch einen journalistischen Hintergrund). Andreas Kläne lässt sich viel Zeit damit, die Partner über Jahrzehnte zu begleiten und kommentiert nicht. Mit Perspektive-Wechseln schafft er Verständnis für beide Seiten ohne etwas zu entschuldigen. Was mir ein wenig gefehlt hat: Warum wurde aus der sinnlichen Geliebten und selbstbewussten Berufsfrau ein zugeknöpftes, frigides, putzwütiges Hausmütterchen? Man kann sich das als Leser denken – aber hier der Täterin bei ihrem psychischen Wandel näher zu kommen, wäre interessant gewesen. Aber wahrscheinlich wollte der Autor hier nicht zu sehr in die Fiktion abgleiten und hielt sich an das vorliegende Interviewmaterial mit einer Frau, die zur „Innenschau“ offenbar kaum fähig ist.

Die Sprache des Autors ist eher nüchtern, journalistisch. Seine Figuren sind ungeübt darin ihre Gefühle jenseits von Klischees auszudrücken. Auch dies vielleicht mit ein Grund dafür, dass mir die sprachliche Umsetzung nicht durchgängig gefallen hat. Teilweise gibt es unnötige Wortwiederholungen oder die Dialoge wirken etwas hölzern bzw. „aufgesetzt“. Das sind allerdings nur kleine Kritikpunkte. Das Buch ist absolut lesenswert, ein Zeitdokument bzgl. der Auffassung von dem was eine „Ehe in Deutschland“ ist (bzw. war) und ein flammendes Plädoyer gegen zementierte Geschlechterrollen – und dafür, sich rechtzeitig helfen zu lassen und nicht alle seelischen Nöte hinter einer geputzten Fassade zu verstecken.

Totgeliebt: Tatsachenroman; 392 Seiten

erschienen bei tredition

Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!

Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

Mama Mia und das Schleuderprogramm

(Kindern Borderline erklären)

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Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern – und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.

Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

***

Nun eine Anmerkung, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld.

erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390750  12,95 €

Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken: Die schrägen Typen der Journaille (von Honoré de Balzac) – ein Gastbeitrag von Sabine Ibing

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(Herausgegeben und aus dem Französischen von Rudolf von Bitter) 1843 hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac in seinem Werk »Monographie de la presse parisienne« seine Geringschätzung gegenüber Journalisten zu Papier gebracht. Nach circa 150 Jahren ist dieses Werk immer noch aktuell. Man kann es nicht glauben, bisher ist dieses Buch nicht auf Deutsch erschienen! Vielen Dank, Rudolf von Bitter, für diese Übersetzung. »Die Presse, wie die Frau, ist wunderbar und erhaben, wenn sie eine Lüge vorbringt. Sie lässt nicht locker, bis Sie ihr glauben, und sie verwendet die größten Talente auf diesen Kampf, in dem das Publikum, so dämlich wie ein Ehegatte, immer unterlegen ist. Wenn es die Presse nicht gäbe, dürfte man sie nicht erfinden.« Balzac unterteilt die »Schmierfinken« in Publizisten und Kritiker, Gattungen mit Untergattungen wie bei Brehms Tierleben. Feuilletonisten bezeichnet er als »fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender«. Es gibt »Pamphletisten, Lobhudler, Schönschreiber, Nihilogen, das Faktotum, Zeilenangler, den Mann fürs Grobe und was sonst noch alles in Redaktionen kreucht und fleucht.« Die »Quarkschläger« gehören zu der Gattung der Journalisten, die Art Artikel schreiben, die die Masse der Leser konsumieren möchte, es sind opportunistische Karriere- Journalisten. Schon damals werden Buch-Piraten benannt, die sich Raubdrucker nannten. »Für den Journalisten ist alles Wahrscheinliche wahr.« Voller Polemik und Satire zieht Balzac über die Presse her, in Wut über die schlechten Rezensionen seiner Bücher. Balzac selbst hatte als Journalist begonnen, sich dann für die Schriftstellerei entschieden, wurde von den Kollegen in den Dreck gezogen. Er behauptet, im Gegensatz zum Schriftsteller bedienen sich Journalisten an vorgefertigten Sätzen. In den Redaktionen befinden sich Menschen »mit grüner, gelber oder roter Brille, die dereinst mit ihrer Brille auf der Nase sterben werden und die man einem bestimmten Blatt zuordnet.« Und die ernsthafte Recherche kann nicht bezahlt werden, drum gilt: »Erst daufhauen, dann klären.« Er kennt sich aus in Zeitungen, beschreibt den Wettbewerb der Marktanteile, politischen Einfluss und den Einfluss der Werbeschaltung. Eine gehaltvolle Fürsprache zum Urheberrecht, wird Jahre später vom Gericht zur Urteilsfindung und gültigen Rechtsprechung herangezogen, ist noch heute brandaktuell. Voll Temperament peitscht Balzac respektlos auf die ehemaligen Kollegen ein, polemisch, ja, aber mit viel Tiefe und Sachverstand. Schmierenpresse, Fake-News, Lügenpresse, Presse zur Meinungsmache zu nutzen, politische Zwecke, gockelhafte Chefredakteure, allzu viel hat sich seit damals nicht geändert. Balzac bedauert, dass die ehrlichen, kritischen Journalisten weder von der Presse noch vom Volk geliebt werden. »Das Blatt mit den meisten Abonnenten ist also das, das der Masse am ähnlichen ist.« Ich finde, dieses Buch darf in keinem Bücherschrank fehlen. »Der junge blonde Kritiker – Drei Arten: 1. Der Leugner, 2. Der Spaßvogel, 3. Der Lobhudler« Nun frage ich, wer bin ich? Zum Glück bin ich nicht blond.

 

Noch mehr Rezensionen? Hier geht’s zum Autorenblog von Sabine Ibing. Viel Spaß!