Gebrauchsanweisung zum guten Leben in Diktaturen

„SENECA“  eine rororo Monographie von Marion Giebel

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Eigentlich wollte ich nur etwas über dieses wirklich lesenswerte Buch schreiben, aber irgendwie kam mir ständig die Wirklichkeit dazwischen …

Das kennt Ihr doch auch: Pünktlich zu Ostern gibt es immer Historienschinken und Kostümfilme in denen muskulöse Männer in kurzen Röcken zu dramatisch dräuender Hintergrundmusik Blutiges verrichten.

Auch wenn diese Hollywood-Schinken selten den Ansprüchen historisch kritischer Geschichtsschreibung standhalten: die Intrigenspiele der römischen Herrscherkaste garantieren auch heute noch einen hohen Unterhaltungswert … erst recht, wenn man sie aus der Distanz betrachtet. Mehr als zweitausend Jahre scheinen ein ziemlich komfortabler Sicherheitsabstand zu sein.

Spaßeshalber nehme ich mir mal den verzwickten Stammbaum vor, der im Anhang abgedruckt ist, und dessen Früchte (Früchtchen?!) zumeist Julia oder Claudius heißen. Der Name Agrippina fällt mir ins Auge; als Kölnerin weiß ich, dass diese Dame als Gründerin meiner Heimatstadt gilt. Aber sie war auch die Mutter Neros, und genau hier wird es spannend, denn der war wirklich ein Früchtchen, um es mal salopp auszudrücken.

Schwer erziehbar, verwöhnt und als Siebzehnjähriger viel zu jung auf dem Herrscherthron gelandet, war dieser hoffnungsvolle Spross einer ebenso machtversessenen wie degenerierten Dynastie eine wandelnde politische Zeitbombe. Das erkannte sogar die liebende, bzw. karrierebewusste Mutter und stellte dem jungen Kaiser einen Coach zur Seite: Seneca, den berühmten Philosophen und Vertreter der Stoa, einer ursprünglich aus Griechenland stammenden Philosophieschule.

Im vorliegenden Bändchen (überraschend gehaltvoll, da mit fast schon altmodisch anmutendem kleinem Druckspiegel) wird das Leben des Seneca geschildert. Berühmt wurde er durch seine (verlorengegangenen) Reden aber er war ein echtes Multitalent: schrieb Tragödien, entwickelte die die Philosophie der Stoa weiter und bekleidete hohe Ämter. So wurde er zu einer Figur, die über Jahrtausende hinweg, die Menschen immer noch fasziniert, und auch heute noch stehen seine Werke über das „gute Leben“ in den Top-Listen des Buchhandels.

Marion Giebel folgt dem Auf und Nieder des Lebenslaufes Senecas – krank von Kindheit an (man vermutet Asthma) setzte er sich schon früh mit dem Gedanken der Todesnähe auseinander und sah die Erstickungsanfälle als eine Art mentales Training, um sich der Todesangst zu entledigen. Sein politisches Schicksal war wechselhaft: er war ein echter VIP, neigte jedoch zum privaten Rückzug. Unter Caligula wurde er verfolgt, unter Claudius verbannt und sein prominentester Schüler – Nero – zwang ihn schließlich zum Selbstmord.

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Die Lehre der Stoa bietet viele bedenkenswerte Ansätze und wirkt in ihrem humanitären Kosmopolitismus überraschend modern: In allen Menschen lebe der göttliche Funke – auch in Sklaven. Alle Menschen seien Bürger einer Welt. Die Theorie, dass alles mit allem zu einem harmonischem Ganzen verbunden sei, wirkte wahrscheinlich schon im antiken Rom genauso utopisch wie heutzutage, aber ein schöner philosophischer Gedanke ist es allemal. Seneca erkannte jedoch, dass sich die Philosophie als „Schule des Lebens“, als konkrete Lebenshilfe, bewähren muss, um ihren eigentlichen Sinn außerhalb des ‚Elfenbeinturms‘ zu erfüllen.  „Nicht zum Disputieren, sondern zum Leben werden wir erzogen.“

Mit Emphase vertritt er die Kunst der Mäßigung: Der Weise, der sein Leben nach den Regeln der Philosophie ausrichtet lebt mit der Gewissheit, dass alle sogenannten Güter „indifferentia“ sind, Dinge, auf die es nicht ankomme. Die einzig wichtigen Werte, die Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Klugheit können nicht geraubt werden … sagt einer der reichen Männer Roms (sein Reichtum wurde dem Seneca später oft vorgeworfen, nach dem Motto „Wasser predigen aber Wein trinken“). Voller Einsicht und ergänzt er dann auch folgerichtig, dass die Beherrschung der Affekte und die Askese lebenslange Übungen seien, die in der Kunst des richtigen Sterbens gipfelten.

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Vielleicht klingt das für viele heutzutage verstaubt und abgehoben. Aber immer wieder kommt die Sprache Seneca so erstaunlich frisch und unverbraucht daher, dass es ein Genuss ist, dieses Buch zu lesen (und natürlich seine Werke) . Fast meint man, dass er sie alle kannte: die Diktatoren und düsteren Gestalten der Vergangenheit genauso, wie die aktuell angesagten Populisten und GröFazze.

Und so wird Senecas Erziehungsversuch des aufstrebenden Nero zu einem Lehrstück über den Umgang mit Gewaltherrschern und größenwahnsinnigen Narzissten. Seinem philosophischen Rat geht eine schonungslose Analyse voraus. Seneca durchschaute seinen Herrn und Schüler – und versuchte ihn zuerst an der „langen Leine“ zu führen und sittliches Wohlverhalten positiv zu verstärken.  Seine Idee: wenn der Herrscher nur erkenne, dass auch er sterblich sei und sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetze, führe dies automatisch zu Milde und Gerechtigkeit im Denken und Handeln.

Geholfen hat dieses wunderbare Konzept leider nicht, wie wir heute wissen.

Als Seneca die Gefahr erkannte, zog er sich aus dem politischen Leben zurück und schrieb sein Werk über die „Muße“. Er kannte seine Grenzen und scheute das sinnlose Opfer. Man kann es Kapitulation nennen, aber für Seneca war diese innere Emigration eine schaffensreiche Zeit, von der er nur zu genau wusste, wie begrenzt sie war.  Kann man einen Tyrannen „aussitzen“? Er schreibt dazu: Ein solcher Herrscher hat bald viel Feindschaft, Hass, Gift und Schwert auf seinen Fersen. So viele, wie er bedroht, werden zur Bedrohung für ihn selbst. So wird er bisweilen durch Anschläge von einzelnen, sonst aber durch öffentliche Empörung überwältigt.“

Währenddessen wütete Nero weiter. Und Rom brannte.

War Tyrannenmord für Seneca eine Option? Obwohl er wohl nicht direkt an der pisonischen Verschwörung gegen Nero beteiligt war, gilt er doch als einer der geistigen Wegbereiter des Attentates gegen einen Herrscher, der „im […] Wutrausch rast“ und dessen „Burg stets von frischem Blut trieft“. Über den Tyrannenmord sagt er, dass er sowohl für den Tyrannen als auch für die Allgemeinheit eine Wohltat sei.

Die wunderbare Theorie der Persönlichkeitsbildung durch die philosophische Lebensschule hatte also im Falle des Nero vollkommen versagt. Meditationen über die eigene Sterblichkeit? Lächerlich. Denn Autokraten sterben nicht. Sie töten.

Und so zwang Nero den Seneca in den Tod.

Seine Werke jedoch sind unsterblich.

Am Beispiel des Seneca kann man auch heute noch so einiges lernen – hier ein paar Denkanstöße:

  1. Die Politik der langen Leine ist bei Gewaltherrschern nur begrenzt sinnvoll. Wenn man ihnen nicht rechtezeitig ihre Grenzen aufzeigt, brennt nicht nur Rom, sondern gern einmal die ganze Welt. Seit Jahrtausenden immer noch ungelöst ist allerdings die Frage, wie man das praktisch erreicht: Durch Wettrüsten, Wirtschaftsboykott oder ähnliche Druckmittel? Oft trägt das nur Volk die Konsequenzen und der Herrscher überschreitet ungestraft eine „rote Linie“ nach der anderen.
  2. Auch die widerständigsten Menschen sollten sich selbst schützen. Aber wie macht man das? Wegducken und innere Emigration funktioniert nur, wenn man dabei auch Stillschweigen bewahrt (modern: Pressezensur), denn wer die Klappe aufmacht, dem wird sie rasch gestopft werden (manchmal gar unter Verlust des ganzen Kopfes …). Um dem vorzubeugen, bleibt oft nur noch die Flucht.
  3. Lasst euch nicht leichtfertig auf Nebenkriegsschauplätze locken! Im Eskalieren sind Diktatoren einsame Spitze – und während sich das Volk mit rassistischen und sonstigen Parolen gegenseitig auf die Mütze haut, bringen die da oben ihre Schäfchen ins Trockene.
  4. Wobei wir bei der leidigen Elitendiskussion wären, der sich auch schon Seneca stellen musste. Aber das ist dann eine andere Geschichte ….

FAZIT: lesenswerte Einführung in das Denken und Werk des Seneca und gleichzeitig guter Überblick über die julisch-claudische Kaiserdynastie. Als Ergänzung empfehle ich Senecas gesammelte Werke z.B. „Das große Buch vom glücklichen Leben“ und als unterhaltsame Dreingabe: „Ich Claudius Kaiser und Gott“ von Robert von Ranke-Graves

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