Tag 4 der Blogparade: #StarkeFrauen lassen sich in kein (gesellschaftliches) Korsett zwängen

Rezension „Der Puppensammler“ von Mila Lippke

geschrieben von Ulrike Blatter

puppensammler-cover

Im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts tauchen an öffentlichen Plätzen nach und nach mehrere Frauenleichen auf, deren innere Organe entfernt wurden. Danach hat sie der Täter mit Stroh ausgestopft, mit Konservierungsflüssigkeit ‚haltbar‘ gemacht und wie Puppen hergerichtet. Frauen, die (vorerst) niemand vermisst, missbraucht als Spielzeug, ebenso namen- wie willenlose Opfer menschenverachtender Manipulationen. Im weiteren Verlauf wird sich zeigen, dass diese Mordopfer exemplarisch stehen für ein auf die Spitze getriebenes Frauenbild dieser Zeit. Und so viel sei bereits jetzt verraten: das ist es, was das Buch tatsächlich spannend macht.

Die Forensik ist zu dieser Zeit ein relativ junger Zweig der medizinischen Wissenschaft, ja die Kriminalistik steckt insgesamt noch in den Kinderschuhen – der Augenschein (getrübt von so manchem wohlfeilen Vorurteil) gilt mehr als die naturwissenschaftliche Beweisführung. So hat der Gerichtsarzt Hektor von Thorwald bei seinen Ermittlungen keinen leichten Stand. Neben den grausam zugerichteten Mordopfern obduziert er wie besessen quasi jede Leiche, deren er habhaft werden kann – nicht aus einer perversen Neigung heraus, sondern um sein Wissen in puncto „nicht natürlichen Todesfällen“ zu erweitern. Bei seiner Arbeit im Leichenkeller wird er von einem ebenso eifersüchtigen wie devoten Faktotum namens Max unterstützt. Kommissar Tiegler, der die polizeiliche Mordermittlung vorantreibt, sitzt allzu oft zwischen allen politischen Stühlen und ist nur eine beschränkte Hilfe bei der Fahndung.

Aber wer wird auch so naiv sein, nach der Wahrheit zu fragen? Oder gar von der Polizei zu verlangen den Mörder zu finden? Geht es doch vielmehr darum, der Öffentlichkeit den gesellschaftlich „passenden“ Täter zu präsentieren und so ganz nebenbei auch politisch dem Gegner eins auszuwischen – stehen doch Wahlen vor der Tür (dieses neumodische Demokratie-Zeugs, das sowieso nur Unruhe und Aufruhr mit sich bringt). So folgt der Plot dieses Krimis dem altbekannten „Whodunit-Prinzip“ und lockt den geneigten Leser auf einige falsche Fährten. Ohne zu spoilern, kann ich verraten, dass an dem Geständnis auf S. 256 nicht viel dran sein kann – hat der Roman doch 318 Seiten. Und auch der notorische Hauptverdächtige, der einzige, der logischerweise in Frage käme und noch dazu ein ausgesprochenes Ekel ist, fällt aus – das wäre ja zu einfach.

Das funktioniert gut, liest sich flott und man verzeiht der Autorin sogar, dass die Auflösung nicht besonders originell ist, denn die Stärken des Romans liegen eindeutig auf Seiten der gut recherchierten Milieuschilderung des Gründerzeit-Berlins, das sich gerade zur Metropole mausert. Adel, Bürgertum und Proletariat leben zwar offiziell in unterschiedlichen Universen, aber ihre Umlaufbahnen nähern sich aneinander an, ja überschneiden sich teilweise – wenn zum Beispiel der verarmte Graf aus purem Kalkül eine Bürgertochter ehelicht, die der neureiche Vater auf dem Heiratsmarkt an den Meistbietenden verschachert. Gesellschaftlicher Aufstieg gegen bare Münze, das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Mit Neigung oder gar Liebe hat das gar nichts zu tun – für romantische Gefühle sind Kitschromane zuständig, die von den Damen gierig konsumiert werden – reiner Eskapismus aus einer Welt, die vor allem eins bietet: nicht enden wollende Langeweile.

So fragt sich die junge Bürgerliche Cecile Blum wohl zu recht, was sie noch vom Dasein erwarten kann, wenn die Hochzeit „der schönste Tag im Leben einer Frau“ sein soll. Intelligenz und Neugier sind in ihrem Universum jedenfalls keine attraktiven weiblichen Attribute und bei dem, was der Zeitgeist verlangt – Brust, Bauch und Hintern, hat die Natur Cecile eindeutig vernachlässigt, und so muss die junge Dame mit Korsett, Reifrock und Tournüre so kräftig nachhelfen, dass das Ergebnis dieser Figuroptimierung an Körperbehinderung grenzt. Aber so nach und nach entledigt sie sich der beengenden Kleidungsstücke und verlässt die gesellschaftlich vorgeschriebenen Trampelpfade. Denn Cecile will Ärztin werden (sie hat gute Gründe, die ich hier aus dramaturgischen Gründen verschweige). Damals war den Frauen jedoch das Studium in Deutschland verboten (die offizielle Statistik zum Frauenstudium in Deutschland beginnt erst im Jahr 1909).

Frisch und unglücklich verlobt, bricht Cecile aus und gelangt auf Umwegen in den Leichenkeller des düsteren Gerichtsarztes Hektor Thorwald. Von ihm erfährt sie, dass Frauen in Zürich Medizin studieren dürfen. Danach bietet die Handlung einige Verwirrungen und Schlenker – die beiden sind sich nicht darüber im Klaren, wen sie da eigentlich vor sich haben. Ceciles weiblicher Blick, geschult in ganz anderen Details als Thorwalds anatomisch-wissenschaftliche Herangehensweise, erkennt jedoch Indizien, die gar nicht so nebensächlich sind, wie sie zuerst erscheinen. So werden die beiden bei den Ermittlungen allmählich zu Verbündeten.

Natürlich entspinnt sich zwischen Hektor und Cecile eine Liebesgeschichte, bei der ich mich gefragt habe, ob sie wirklich notwendig ist. Hier folgt die Autorin dem (vom Verlag vorgegebenen?) Schreibprinzip, das sich an eine vorwiegend weibliche Leserschaft richtet – ein Schuss Romantik muss eben sein. Ironischerweise wird zwischen den Zeilen gegen diese Art des kalkulierten Liebesdramas geätzt, wenn die weiblichen Hauptfiguren den Kitschroman „Melusine“ lesen. Ein Roman im Roman, der ebenso langweilig wie gesellschaftlich korrekt ist.

Die Stärken der Story liegen ganz eindeutig bei den gut recherchierten Milieuschilderungen. Man durchschreitet im Geiste den Torbogen eines prächtigen Berliner Vorderhauses und durchquert bis zu sieben Hinterhöfe, wo dichtgedrängt das menschliche Elend haust – sich aber gleichzeitig auch die „Brutstätten“ der Sozialdemokratie befinden, wo Solidarität, Bildungs- und Aufstiegshunger genauso ihren Platz finden, wie erste zaghafte  Emanzipationsversuche von Frauen.

Pia „die Proletarierin“ steht exemplarisch für diesen ebenso pragmatischen wie selbstbewussten Frauentypus. Selbstverständlich gerät sie in Schwierigkeiten …

Die Zeitreise ist insgesamt gelungen, das alte Berlin wird mit allen Sinnen erlebbar. Leider sind die Charaktere teilweise etwas zu klischeehaft geraten. In einigen Rezensionen wurde kritisiert, dass die Sprache zu umständlich und auf künstliche Weise an die des 19. Jahrhunderts angelehnt sei. Eine gewisse Umständlichkeit und Behäbigkeit ist durchaus vorhanden, was aber zum Sujet passt. Über Geschmack lässt sich aber bekanntermaßen nicht streiten, da muss sich jede*r ein eigenes Urteil machen. Auf jeden Fall wirken die im Berliner Dialekt geschriebenen Passagen erfrischend (leider kommen sie etwas zu kurz!).

Fazit: Lesenswert, vor allem vor dem historischen Hintergrund einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft. Es wird klar, wie erbärmlich kurz die Geschichte der Frauenrechte im deutschsprachigen Raum ist.

Leider kann der Roman nicht ganz auf gängige (Romantik)Klischees verzichten.

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Tag 1 der Blogparade #StarkeFrauen: „Miss Terry“ – ein Bestseller, der es verdient ganz oben zu stehen

Ein Gastbeitrag von Sabine Ibing:

terry

Der erste Satz: »Könnten wir Nita Theri beim Schlafen zusehen, wir bekämen vermutlich einen ganz falschen Eindruck.«

Nita Theri, in England geboren, Britin, Tochter pakistanischer Einwanderer, hat sich in London, unweit vom Fluss, eine Eigentumswohnung gekauft. Sie arbeitet als Lehrerin. Später erfährt man, sie hat ihrem Vater ein Geschäft verpatzt, denn der wollte sie meistbietend an einen älteren Mann nach Pakistan verheiraten. Nita wollte weder ihr Studium abbrechen noch einen älteren Mann heiraten. Sie ist abgehauen, muss sich verstecken, denn wehe, ihr Vater und die anderen Männer der Familie erwischen sie … Heimlich telefoniert ihre jüngere Schwester mit ihr, die sich nämlich nicht gewehrt hat, die das Studium abbrach, im fremden Ausland bei einem ungeliebten Mann lebt. Nita muss sparsam sein, die Raten für die Wohnung und die Rückzahlung des Studiendarlehns drücken. Sie geht nicht viel aus, hat wenig soziale Kontakte. Liza Cody hat diesen Krimi aus der personalen Ebene geschrieben. Nicht in der Ich-Form, sondern als Leser blicken wir auf Nita, erleben, was sie erlebt und sehen nur das, was Nita von der Welt sieht.

Doch nun von Anfang an: Vor dem Haus gegenüber steht ein Container, es wird renoviert. Nita ärgert sich, denn die Nachbarn entsorgen ihren Müll, ihre Tannenbäume und vieles mehr zwischen dem Bauschutt. Und plötzlich klingelt die Polizei bei Nita, stellt komische Fragen. Man fragt, mit wem sie schläft und mit wie vielen. Was passiert sei, fragt Nita, worum es gehe. Nur ein paar Fragen. Man hält sich bedeckt. Andere Nachbarn werden nicht ausgequetscht. Was geht vor? Man verlangt sogar eine DNA-Probe von Nita. Sie bittet die Polizisten, zu gehen. »

›Sie sprechen verdammt gut Englisch‹, sagte Reed in einem Ton, der versöhnlich klingen sollte. – ›Ich bin Engländerin.‹ Nita war so wütend, dass sie fast stotterte. ›Und sie beide gehen jetzt bitte.‹«

Immer wieder diese Frage! Nita versteht es nicht. Die Polizisten gehen nicht, bitten sie sogar, einen Tee zu kochen, amüsieren sich, wie sie die Kanne vorwärmt. Man kann die Polizei nicht rausschmeißen, nicht mit dieser Hautfarbe. Aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Nita informiert sich, ob sie ohne Begründung ihre DNA abgeben muss. Auf Seite 81 erfahren wir endlich gemeinsam mit Nita, was passiert ist. In dem Container wurde ein toter Säugling gefunden. »

›… Ein kleines Mädchen, höchstens ein paar Tage alt, wobei wir noch auf den gerichtsmedizinischen Befund warten, um ganz sicher zu sein. Und genau, wie sie bereits vermutet haben, war das Baby multi-ethnischer Abstammung.‹ – ›Welche Ethnien?‹ – Sergeant Cutler schaute unbehaglich drein. – ›Sie wissen es nicht, nicht wahr?‹ Nita empfand etwas wie Genugtuung. ›Und daraufhin haben sie sich auf die einzige farbige Frau in der Guscott Road gestürzt. …«

Für Nita bricht nun eine Welt zusammen. Anwohner behaupten, sie wäre schwanger gewesen. Eine Nachbarin hält zu Nita und klärt sie auf, welche Gerüchte herumgehen.

»Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin. Ich hab gesagt, Sie sind nicht der Typ für so was, aber die verflixten Cops meinten, das wäre generell keine Frage des Typs, und wir müssten heutzutage alle die Augen offen halten, immer und überall.«

Hass gegen die Dunkelhäutige springt Nita nun entgegen. Auch an der Schule wird sie vom Direktor zum Gespräch geladen. Umschläge mit merkwürdigen Dingen landen in ihrem Briefkasten. Da tritt Privatermittler Zach in ihr Leben. Der kennt sich mit polizeilichen Ermittlungen aus. Sein Honorar frisst Nitas Notgroschen auf. Eine Boshaftigkeit nach der anderen stellen ihr Leben auf den Kopf. Wird Zach sie vor der Polizei schützen können, herausfinden, wer Nita bedroht? Wird die Zeitung ihren Namen schreiben und die Familie ihr auf die Spur kommen?

»WAS NU BRAUNE KUH«, so ist das Päckchen beschriftet, das vor Nitas Haustür liegt.

Nita kocht gern scharfe Gerichte. Genauso scharf sieht Lisa Cody hin und wir erfassen gemeinsam mit Nita eine Welt voll Ausgrenzung und Vorurteil. Nita Theri erklärt mehrfach, wie man ihren Namen ausspricht. Ignorant wird sie von den Polizisten weiter Miss Terry genannt (schnell gesprochen landen wir bei mystery), man ignoriert ihre Fragen, ihre Aufforderungen, macht sich in ihrer Gegenwart lustig über sie. Sie ist Britin, auch das wird nicht wahrgenommen, sie ist die Dunkelhäutige. Dieser Roman, Krimi ist fast die falsche Bezeichnung für diese gute Geschichte, ist spannend, besitzt britischen Humor und natürlich ist diese Geschichte ein Drama. Nita wächst dem Leser ans Herz, man würde sie gern beschützen, die zarte Frau, einmal naiv und wehrlos, dann wieder durchsetzungsstark, überlegt. Immer wenn man meint, Nita hätte genug gelitten, setzt uns Liza Cody eins oben drauf.

Die Geschichte ist hinterhältig. Aber trotz allem hat man nie das Gefühl, ins Dunkel gezogen zu werden, denn Nita gibt nie auf und immer wieder leuchtet ein Stern am Firmament. Eine Geschichte gegen Rassismus, denn nur weil man den »richtigen« Pass besitzt, gehört man noch lange nicht dazu. Nita hängt zwischen den Welten. Die englische Welt lässt sich nicht ganz herein und die Welt, von der sie sich getrennt hat, lässt sie nicht ganz gehen. Als sie ihre Familie verließ, wusste sie, es gibt keine Rückkehr. Heimlich hält sie Kontakt mit einer Schwester, hofft, ihr jüngerer Bruder sei in dieser Welt angekommen, würde ihr nicht nach dem Leben trachten wie der Vater und der Onkel. Ihre Gedanken schweifen immer zurück zur Familie, Gedanken der Liebe an die einen, die der Angst vor den anderen. Wo ist Nita zu Hause? Die Geschichte zeigt nicht nur die seelische Zerrissenheit von Nita, sondern gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit tauchen auf: Furcht vor der Obrigkeit, sich ducken, unsichtbar machen, um bloß nicht unangenehm aufzufallen, freundlich zu sein, sich Männern zu fügen. Nita setzt die Polizisten nicht vor die Tür, empört sich nicht, als der Direktor sie freistellt. Sie lässt sich alles gefallen … nicht ganz. Es gibt Solidarität, auch wenn du gar nicht mehr damit rechnest.

Ein wundervolles Buch. Zu Recht erhielt Liza Cody in diesem Jahr den »Deutschen Krimipreis« für dieses Buch und 2015 für den Obdachlosen-Krimi „Lady Bag“.

Deutscher Krimi Preis 2017

Platz 4 der KrimiBestenliste, Februar 2017.

Platz 2 der KrimiBestenliste, Januar 2017.

Platz 4 der KrimiZEIT-Bestenliste: die besten Krimis des Jahres 2016.

Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste, Dezember 2016.

 

Danke Sabine, für diese Rezension! Hier geht’s zu weiteren Krimi-Rezensionen bei Sabine Ibing.

Und morgen entführt uns Ira Ebner mit „Madame Mao“ nach China. Dranbleiben 😉

 

 

 

 

Ein Kindsmord ist kein Kinderspiel – seine Beurteilung aber ein Kaleidoskop der Wirklichkeiten

bartsch

Die Geschichte des Kindermörders Jürgen Bartsch liest sich flüssig, ja man kann sie als echten ‚Pageturner‘ bezeichnen.
Bei einem Täter, der Kinder zu Tode quält, steht das Urteil schnell fest: „So eine Bestie in Menschengestalt gehört weggesperrt auf Lebenszeit“ – um die eher zurückhaltenden Formulierungen aus dem Mund aufrechter Bürger zu zitieren. Das ist heute noch genauso wie in den Sechziger Jahren, egal ob der ‚Kirmesmörder’ Jürgen Bartsch im Ruhrgebiet zuschlägt oder Silvio S. ein Kind vor dem LAGESO in Berlin entführt. Die Sehnsucht sich das Grauen vom Leib zu halten, und das faszinierte Aufsaugen möglichst vieler Details sind die zwei Pole der Berichterstattung und auch der Wahrnehmung solcher Fälle in der Öffentlichkeit. Das Verlangen nach schwerer Bestrafung, ja Rache geht Hand in Hand mit dem Wunsch eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden. Schnell ist man da mit Schuldzuweisungen bei der Hand. Die Gene. Das Elternhaus. Schule. Mobbing. Sexueller Missbrauch. Schlechte Freunde. Drogen und Alkohol. Arbeitslosigkeit. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Irgendwas ist immer – und jeder pickt sich das heraus, was zu seiner Weltanschauung passt. Und genau dieses Kaleidoskop der Wirklichkeiten bildet Regina Schleheks Tatsachenroman auf beeindruckende Weise ab. Es kommen verschiedene Wegbegleiter Jürgen Bartschs zu Wort, von seinem Kindermädchen bis zum Mitschüler und Kollegen, aber auch Außenstehende, die alles nur aus der Presse kennen und sich ein Bild machen, das mehr oder weniger subjektiv eingefärbt ist (mehr oder weniger braun könnte man auch sagen, denn die Nazizeit wirft immer noch erschreckend lange Schatten bis weit in die Sechziger hinein). In den protokollartigen Statements weht uns der ganze Mief der Nachkriegszeit an, die bis tief in die Familien hinein von Gewalt, Tabus, Lügen und Verschweigen verkrustet war. Aufatmend möchte man das Buch zur Seite legen und sich trösten damit, dass die Zahl der Kindsmorde seit Jahren stark zurückgeht. Aber zum einen nimmt dafür die Gewalt gegen Kinder signifikant zu. Und zum anderen, klingen viele Statements im Roman erschreckend vertraut: sei es die ‚Lügenpresse‘, dem Ruf nach (rechter) Zucht und Ordnung, der Wunsch nach traditionellen Familienverhältnissen und nicht zuletzt eine krasse Fremdenfeindlichkeit und Schwulenhetze. Unsere plurale Gesellschaft, von deren Vorteilen so viele profitieren, scheint beim Lesen auf einmal wieder durchweht vom Geiste des Ewiggestrigen. Das macht dieses Buch so beklemmend aktuell. Nicht wegen der gut recherchierten Mordgeschichte, sondern als Porträt einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Last but not least sei noch erwähnt, dass auch die Voyeure extremer Gewalt ziemlich harten Stoff geboten bekommen. Die Mordszenen sind nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber die Stärke des Buches liegt eindeutig darin, verschiedene Stimmen der bundesrepublikanischen Wirklichkeit der Sechziger zu einem Kaleidoskop der Wirklichkeiten zusammenzufassen.