Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!

Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

Mama Mia und das Schleuderprogramm

(Kindern Borderline erklären)

mamamia

Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern – und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.

Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

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Nun eine Anmerkung, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld.

erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390750  12,95 €

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Starke Kinder sagen ‚Nein‘ zum Missbrauch und ‚Ja!‘ zum Leben

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Das liebevoll illustrierte Kinderbuch „Pfoten weg“ von Irmi Wette wurde nach dem gleichnamigen Puppenspiel der Konstanzer Puppenbühne konzipiert.  Es ist Teil eines Präventionsprojektes zur Stärkung der Persönlichkeit von Kindern. Das klingt nicht nur toll, sondern das ist auch toll. Aber reichlich theoretisch für die lieben Kleinen. Deswegen sollen den ausführlichen Teil, in dem renommierte Fachpersonen zu Wort kommen,  dann doch lieber die Erwachsenen lesen 😉

Denn wir stürzen uns mitten ins Getümmel und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn die Wildsauen wie die Schweine mit ihrem kanllroten Motorrad durch die Gegend brausen, dann bekommen die drei kleinen Katzenkinder vor lauter Staunen kugelrunde Augen. Sie spielen unbeschwert und fröhlich – aber auf einmal droht Verwandtenbesuch. Und hier ist der Name Programm: Onkel Burschi und Tante Herzi  sind so ziemlich das Unangenehmste, was einem Kind widerfahren kann: kussfreudig wie Glitschfrösche und grapschig wie die Oktopusse, kein Wunder kriegen die kleinen Katzen Bauchweh.

Glücklicherweise haben sie Freunde, die ihnen zeigen, wie Selbstbehauptung auch ganz praktisch geht und als dann schließlich in Person einer weiß-rosa Katzenfee auch noch magische Verstärkung bei Nein-Sagen anrückt, ist klar, dass das Ganze gut ausgehen wird.

In weiteren Kapiteln wird dan n dieses Sich Wehren , das zuerst einmal ein Sich-Spüren voraussetzt, kindgerecht und durchaus witzig gezeigt und eingeübt.

Und zum Schluss singen alle gemeinsam das „Pfoten-weg“-Lied.

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Missbrauch ist ein heikles Thema. Es umfasst eine große Spannweite, beginnt oft scheinbar harmlos und führt zu schweren Übergriffen. Die Verfasserin dieser Rezension hat jahrelang mit Missbrauchsopfern therapeutisch gearbeitet und weiß sehr wohl ein ‚Lied davon zu singen‘, dass am Anfang einer Missbrauchssituation nicht der Griff unter die Gürtellinie steht, sondern die Verzerrung der Wahrnehmung beim Opfer. Was ist richtig, was ist falsch? Darf der/die das, weil er/sie erwachsen ist? Was ist ein gutes, was ein schlechtes Geheimnis? Wem gehört mein Körper? Kann ich meinem Bauchgefühl trauen?

Und genau diese ver-rückte Selbstwahrnehmung nehmen die missbrauchten Kinder mit ins Erwachsenenleben. Sie bleiben, auch wenn die körperlichen Wunden schon längst geheilt sind. Deshalb schreibt Prof. Dipl. Psychologe A. Gallwitz, Dozent an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen im Nachwort dieses Buches: „Als Vater und Polizeipsychologe finde ich es wichtig, dass ihr komische Bauchgefühle ernst nehmt. Sie schützen euch vor Gefahren.“

Und wenn das Buch (bzw. das tolle Puppenspiel) es schafft, nur diese eine Botschaft bei den Kindern zu verankern, ist schon viel erreicht und kann viel Leid verhindert werden.

Kein Wunder, hat das Buch einen Kooperationspartner beim weißen Ring gefunden.

Es bleibt zu wünschen, dass es auch einen Kooperationspartner bei einem Publikumsverlag und damit eine größere Verbreitung findet. Es hätte es verdient. Und die Kinder auch.

Buch, eine begleitende DVD oder ein Hörspiel köönen Sie direkt bei der Konstanzer Puppenbühne bestellen – hier klicken!

Schmökern vom Feinsten und nicht nur für die Kleinsten

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In unserem Freundeskreis hat die Grippe zugeschlagen und als Geschenk für eine fiebernde kleine Leseratte kam mir dieses Buch gerade recht. Das Kind musste sich allerdings etwas gedulden, denn ich hatte mich ratzfatz festgelesen. Rund um den 13-jährigen Kaspar  entwickelt sich ein Mittelalter-Krimi, nachdem der Junge bei einem Zaubertrick ein kostbares Schmuckstück so gründlich verschwinden lässt, dass es unauffindbar bleibt. Die nun einsetzende Jagd auf den Übeltäter führt ihn quer durch die Stadt und er begegnet vom Gesetzlosen über den Bänkelsänger bis zu gekrönten Häuptern den unterschiedlichsten Figuren. Das glückliche Ende ist vorgezeichnet – es handelt sich ja um ein Kinderbuch – allerdings sind einige happige Szenen darunter, z.B. als der Kaspar auf seiner Flucht auf dem Galgenbuck landet …  Lebendige Charaktere, glaubwürdige Dialoge und eine hervorragend recherchierte Geschichte – dies alles macht ein tolles Kinderbuch aus. Was dieses Werk aber zu einer kleinen Kostbarkeit macht, sind die außergewöhnlichen Illustrationen von Ralf Staiger, die den Text lebendig machen und die Szenen fast schon filmreif. Geschichte zum Anfassen im besten Wortsinn und ich stehe mitten im modernen Konstanz, schließe meine Augen, und auf einmal entsteht um mich herum eine ganz andere, versunkene Welt. Magisch! Ich habe das Buch weiterverschenkt aber mir selber noch ein zweites Exemplar zugelegt, das ich nicht mehr hergeben werde!