Über den Tod hinaus … ein bemerkenswertes Buch – nicht nur für Jugendliche

eisvogel

Der 15-jährige Thomas stirbt bei einem Verkehrsunfall. Er wird mitten aus einem Leben gerissen, das gerade erst angefangen hat: erste ganz große Liebe, erste Schritte weg aus der Geborgenheit der Familie, erste Schritte, in eine Zukunft, die nun als Mogelpackung, als einziges leeres Versprechen erscheint.

Aber Thomas ist nicht verschwunden. Diejenigen, die ihn am meisten liebten, ’sehen‘ ihn immer noch: Die wilde, kreative Orphee, seine große Liebe. Die Mutter, die nie den Tod der eigenen Mutter verarbeiten konnte. Der Großvater, in dessen Leben der Tod schon viel zu früh Schneisen der Verwüstung zog.Sind sie alle verrückt? Man könnte es meinen.

Aber Thomas, der Wanderer zwischen den Welten, zieht auch uns Leser mit ins Vertrauen und erzählt eine Geschichte, die die losen Fäden der Vergangenheit zu einer Geschichte vereint, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. „So lange ihr mich nicht loslasst, kann ich nicht gehen“, sagt er. Und solange er nicht gehen kann, haben die Menschen, die mit ihm verbunden sind, keine Chance auf eine Zukunft. Sie bleiben stecken in ihrer Trauer, und so wird die Liebe zu einer eisigen Macht, die alles einfriert und erstarren lässt – so wie Thomas‘ Zimmer zu einer Art Museum wird und Orphee in angeblicher Mitschuld am Tod des Freundes einfriert. Der magische Eisvogel, die Gestalt aus einer der zahllosen Geschichten des Großvaters trägt unter seinen Schwingen Schatten und Kälte über das Land – Eisvogelsommer ….

Trotzdem ist dies keine trostlose Geschichte. Thomas (der immer Schriftsteller werden wollte) ist ein ebenso humorvoller Erzähler wie guter Beobachter. Er nimmt uns mitten hinein ins Leben und wir begreifen was es wirklich lebenswert macht: Beziehungen, Vertrauen, miteinander Da-Sein. Aber auch über die Erkenntnis, dass wahre Liebe die Kraft aufbringt loszulassen und dass dies kein Verrat am Verstorbenen ist … das jedoch scheint das Schwierigste überhaupt zu sein. Ob und wie es gelingt, soll hier nicht verraten werden.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass Jan De Leeuw in einer ganz wunderbaren poetischen Sprache schreibt, bildreich und vollkommen ohne abgegriffene Metaphern – eine Sprache, die einem die Augen öffnet für Zwischentöne und Dinge, die in der Schwebe bleiben. Auch die Seelenlandschaften der Figuren werden genau beobachtet und einfühlsam beschrieben. Ich verstehe kein Flämisch, aber es handelt sich hier um eine wirklich gelungene Übersetzung.

 

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