Frauen, die nicht auf Bestsellerlisten stehen … schreiben Bücher, die in keine Schublade passen

Rezension von „VINDICTA“ und Plauderei mit der Autorin Isabella Bach

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Vor einiger Zeit landete auf meinem Rezensionsstapel ein Buch, das ich erstmal nicht aufschlug. Auf dem Cover eine halbentblößte junge „Sklavin“ mit Augenbinde und wohlgeformter Oberweite (übrigens wurde das Cover für die hier gezeigt Kindle-Ausgabe optisch „entschärft“).  „Deutschlands Antwort auf „Fifty Shades of Grey“ hieß es. Ach du meine Güte! Den Bestseller hatte ich nämlich damals gelangweilt zur Seite gelegt. War „VINDICTA“ auch so eine miese Mischung aus verlogener Romantik und Voyeurismus – als Krimi dann notgedrungen dekoriert mit den obligatorischen Körperflüssigkeiten?

Meine Erwartungen sollten angenehm enttäuscht werden.

Felicitas alias „Lady Caprice“ arbeitet in einem Sado-Maso-Studio und hat zwei jüngere Kolleginnen, von denen die eine ermordet und die andere hochverdächtig ist. Aber auch der attraktive „Dark Raven“ treibt als sadistischer „Dom“ seine manipulativen Spielchen. Felicitas hat eine grausame Vorgeschichte. Einziger Halt ist ihre Großmutter. Diese wiederum hat eine Liebesbeziehung mit dem ermittelnden Kommissar, der nicht nur aussieht wie Heinz Rühmann, sondern genauso schlitzohrig sympathisch rüberkommt.

Mit diesen Charakteren entfaltet sich ein solide und handwerklich gut gemachter Krimi. Es gibt viel Berliner Lokalkolorit, witzige und anrührende Dialoge, gut gemachte Rückblenden, falsche Verdächtige und klug geführte Spannungsbögen, die das Buch stellenweise zum echten Pageturner machen. Die Geschichte spielt in einem ungewöhnlichen Milieu und man lernt so ganz nebenbei viel über die Sado-Maso-Szene. Dabei gelingt der Autorin eine faszinierende Innenschau, die übertriebene voyeuristische Elemente gekonnt vermeidet und trotzdem den Kitzel des Verbotenen aufrechterhält.

Isabella Bach hat also alles richtig gemacht. Das Buch sollte auf dem Markt problemlos seine Leserschaft finden und Erfolg haben.

Hat es aber nicht.

Warum?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum Bespiel der gewählte Verlag. Wahrscheinlich greift der übliche Krimiliebhaber nicht gerade zu einem Buch aus dem „Marterpfahl-Verlag“. Dort findet sich äußerst erfolgreiche Sex-Literatur vor allem aus dem Themenbereich des BDSM, aber auch Ratgeber („Sex für Fortgeschrittene“) und Neuauflagen erotischer Klassiker. Zugegeben: Politisch korrekt und feministisch geht anders. Aber Schmuddelkram, pikant Ergötzliches und das Gefühl des Verbotenen garantierten schon immer gute Geschäfte – warum dann nicht auch für VINDICTA, ein Buch, das – oberflächlich betrachtet – prima ins Programm passt?

Ich habe mich mit der Autorin darüber unterhalten:

Isabella Bach antwortet nachdenklich: Ich sehe auch das Problem, dass der Verlag nicht ideal zur Zielgruppe meines Romans passt. Ich hatte mich seinerzeit mit VINDICTA bei unzähligen Literaturagenten und Verlagen beworben. Leider vergeblich … Und ich muss dem Marterpfahl-Verlag zugutehalten, dass dieses Buch, auch wenn es nicht perfekt ins Programm passt, sorgfältig und professionell gemacht wurde.

Ulrike Blatter: Es gibt ja durchaus Bücher, die das Thema Sado / Maso auf unterhaltsame Art und Weise behandeln. Warum hattest gerade du solche Probleme mit deinem Roman?

I.B.: Als ich mit dem Thema anfing, dachte ich auch, dass ich vom Hype der „Fifty Shades of Grey“ profitieren könnte. Aber da gibt es ziemliche Unterschiede: Insider haben nicht wirklich eine Distanz zu dem, was sie tun. Sie lieben es. Sie sind geil drauf. Das ist für mich okay, wenn es sie glücklich macht. Leute, außerhalb der Szene, die Bücher schreiben oder Filme machen, achten meist nur darauf, dass Szenen eingebaut werden, die bizarr und geheimnisvoll rüberkommen. Um Tiefe kümmert sich kaum einer.

U.B.: Heißt das, es darf nicht zu echt sein? Vielleicht weil es dann bedrohlich nahe heranrückt? Mir fällt da etwas ein. In einem Interview mit einem Bestsellerautor las ich einmal (sinngemäß) den folgenden Satz: „Wenn ein Roman „zu echt“ wird, spüre ich das sofort und lege das Buch zur Seite. Ich lese ausschließlich Fiktion.“

Hast du vielleicht „zu gut“ recherchiert? Eine Ex-Domina schreibt ja zu Deinem Buch: „Als Kennerin der Szene […] hat mich überrascht, wie genau die Autorin Isabella Bach die Gefühle und Gedanken einer Domina und Sklavin beschrieben hat.“

I.B.: Mal andersherum gefragt: Kann man zu gut recherchieren? Mir geht es um Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber ich habe ja keine Reportage geschrieben, sondern einen Krimi … Dafür habe S + M-Leuten interviewt, war in der Szene unterwegs, habe einen Stapel Insider-Literatur gelesen, mich auf Internet-Portalen informiert und mir aus der Distanz heraus eine eigene Meinung gebildet. Dadurch schaffte ich es mich immer besser, mich in meine Charaktere einzufühlen.

U.B.: Auch für mich war es spannend zu lesen, dass Masochismus unterschiedliche Facetten und Spielarten hat und wie Felicitas zur Domina wurde. Die junge Protagonistin mit ihrer Brutalität und gleichzeitig in ihrer Verletzlichkeit fand ich faszinierend.

I.B.: Es war mir wichtig zu zeigen, dass die Motive meiner Figuren sich aus ihrer Biografie heraus erklären. Warum quält jemand? Warum lässt sich jemand (für viel Geld) quälen?

U.B.: Ich finde, das ist dir gelungen. Das Buch ist ziemlich spannend geworden. Aber da ist ja noch etwas – noch so ein Tabu …. Sag mal ernsthaft: Hat dich der Teufel geritten?!

I.B. (grinst entwaffnend): Das meinst du jetzt wortwörtlich, nicht wahr? Meinst du wirklich, die Kritik an der katholischen Kirche ist ein Killer-Kriterium für dieses Buch?

U.B.: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nach Missbrauchsskandalen und einer Welle von Kirchenaustritten ist es ja nichts wirklich Neues, was du beschreibst – ich gehe jetzt nicht ins Detail, da ich nicht spoilern will …

I.B.: Eins kann man vielleicht doch sagen: Ich versuche die Parallelen zwischen Katholizismus und Sado/Maso herauszuarbeiten. Diese ganzen Verstrickungen von angeblicher Schuld und Sühneritualen, die einen Menschen klein machen und in Abhängigkeit halten. Deshalb war Felicitas als junge Frau auch Nonne.

U.B.: Ich fasse zusammen: „VINDICTA“ ist ein spannender, gut gemachter Krimi, der Einblicke in eine ungewöhnliche Szene gewährt – aber leider ist das Buch nur sichtbar für die „falsche“ Zielgruppe. Vielleicht können wir das ja mit diesem Interview ändern?

I.B.: Ich würde mich freuen. Das würde mir Mut machen, auch weiter über Tabuthemen unserer Gesellschaft zu schreiben.

U.B.: …. und ich dachte immer, in unserer Gesellschaft gibt es keine Tabus mehr …

I.B.: Unsere Gesellschaft erinnert mich eher an ein scheinbar intaktes Haus: Frisch gestrichene Fassade, aber die Mauern bröckeln.Und die Bewohner weigern sich, darüber zu reden.

***

VINDICTA – Strafe muss sein; Taschenbuch: 210 Seiten; erschienen 2015 im Marterpfahl Verlag; Homepage der Autorin: www.isabella-bach.de

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

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So was von tragisch! So was von unnötig!

Bei dieser Geschichte gibt es nur Opfer. Vollkommen zu Unrecht.

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Totgeliebt – das trifft es. Ein Paar, das sich in der Wirtschaftswunderzeit kennenlernt und gemeinsam zu neuen Ufern aufbricht. Sie: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber die junge Frau steht auf eigenen Beinen. Er: intelligent, mehrsprachig, gutaussehend, schwingungs- und liebesfähig. Schwierige Situation in der Herkunftsfamilie, aber der junge Mann steht auf eigenen Beinen und macht Karriere als Flieger-Offizier. Sie hält ihm den Rücken frei und ordnet sich ein (oder unter?). So weit, so traditionell. Aber trotz aller Schwierigkeiten: Beide lieben sich herzlich und finden sich auch nach 30 Jahren Ehe körperlich noch anziehend.

Und dann schießt sie ihn tot.

Einfach so? Andreas Kläne hat diesen Fall sorgfältig recherchiert und schafft es, ein Szenario zu entwickeln, in dem nachfühlbar wird, warum diese Liebe so grausam endete. Vieles ist aus dem historischen Kontext heraus zu verstehen – beide Ehepartner waren in traditionellen Rollenbildern geradezu einzementiert und dort, wo Hilfe (z.B. therapeutisch) dringend notwendig gewesen wäre, herrschte Sprachlosigkeit. Die Tragik ist, dass jede/r sein Bestes gab und am eigenen Leben quasi vorbei lebte. Vorwürfe und Schuldzuweisungen gab es kaum. Auch keinen Streit. Alles wurde stets in schier unerschöpflicher Harmoniesucht übertüncht. Bis sich das nicht gelebte Leben endlich Bahn brach – und keine Mittel zur Verfügung standen, um mit einer solchen Situation umzugehen. Aus existenziell erlebter Bedrohung wurde eine Alles-oder Nichts-Lösung. Mit fatalen Konsequenzen. Tragisch, da es so viele potentielle Wendepunkte gegeben hätte, da so viel guter Wille vorhanden war und die Sache dann letztendlich an Sprachlosigkeit und (vermeintlichen) gesellschaftlichen Erwartungen scheiterte.

Andreas Kläne hat diesen Niedergang einer Ehe sorgfältig dokumentiert. Wer einen reißerischen Thriller erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch ist eher eine Dokumentation und im Stil einer sorgfältigen Reportage geschrieben (der Autor hat ja auch einen journalistischen Hintergrund). Andreas Kläne lässt sich viel Zeit damit, die Partner über Jahrzehnte zu begleiten und kommentiert nicht. Mit Perspektive-Wechseln schafft er Verständnis für beide Seiten ohne etwas zu entschuldigen. Was mir ein wenig gefehlt hat: Warum wurde aus der sinnlichen Geliebten und selbstbewussten Berufsfrau ein zugeknöpftes, frigides, putzwütiges Hausmütterchen? Man kann sich das als Leser denken – aber hier der Täterin bei ihrem psychischen Wandel näher zu kommen, wäre interessant gewesen. Aber wahrscheinlich wollte der Autor hier nicht zu sehr in die Fiktion abgleiten und hielt sich an das vorliegende Interviewmaterial mit einer Frau, die zur „Innenschau“ offenbar kaum fähig ist.

Die Sprache des Autors ist eher nüchtern, journalistisch. Seine Figuren sind ungeübt darin ihre Gefühle jenseits von Klischees auszudrücken. Auch dies vielleicht mit ein Grund dafür, dass mir die sprachliche Umsetzung nicht durchgängig gefallen hat. Teilweise gibt es unnötige Wortwiederholungen oder die Dialoge wirken etwas hölzern bzw. „aufgesetzt“. Das sind allerdings nur kleine Kritikpunkte. Das Buch ist absolut lesenswert, ein Zeitdokument bzgl. der Auffassung von dem was eine „Ehe in Deutschland“ ist (bzw. war) und ein flammendes Plädoyer gegen zementierte Geschlechterrollen – und dafür, sich rechtzeitig helfen zu lassen und nicht alle seelischen Nöte hinter einer geputzten Fassade zu verstecken.

Totgeliebt: Tatsachenroman; 392 Seiten

erschienen bei tredition

Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!

Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

Mama Mia und das Schleuderprogramm

(Kindern Borderline erklären)

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Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern – und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.

Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

***

Nun eine Anmerkung, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld.

erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390750  12,95 €

Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken: Die schrägen Typen der Journaille (von Honoré de Balzac) – ein Gastbeitrag von Sabine Ibing

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(Herausgegeben und aus dem Französischen von Rudolf von Bitter) 1843 hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac in seinem Werk »Monographie de la presse parisienne« seine Geringschätzung gegenüber Journalisten zu Papier gebracht. Nach circa 150 Jahren ist dieses Werk immer noch aktuell. Man kann es nicht glauben, bisher ist dieses Buch nicht auf Deutsch erschienen! Vielen Dank, Rudolf von Bitter, für diese Übersetzung. »Die Presse, wie die Frau, ist wunderbar und erhaben, wenn sie eine Lüge vorbringt. Sie lässt nicht locker, bis Sie ihr glauben, und sie verwendet die größten Talente auf diesen Kampf, in dem das Publikum, so dämlich wie ein Ehegatte, immer unterlegen ist. Wenn es die Presse nicht gäbe, dürfte man sie nicht erfinden.« Balzac unterteilt die »Schmierfinken« in Publizisten und Kritiker, Gattungen mit Untergattungen wie bei Brehms Tierleben. Feuilletonisten bezeichnet er als »fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender«. Es gibt »Pamphletisten, Lobhudler, Schönschreiber, Nihilogen, das Faktotum, Zeilenangler, den Mann fürs Grobe und was sonst noch alles in Redaktionen kreucht und fleucht.« Die »Quarkschläger« gehören zu der Gattung der Journalisten, die Art Artikel schreiben, die die Masse der Leser konsumieren möchte, es sind opportunistische Karriere- Journalisten. Schon damals werden Buch-Piraten benannt, die sich Raubdrucker nannten. »Für den Journalisten ist alles Wahrscheinliche wahr.« Voller Polemik und Satire zieht Balzac über die Presse her, in Wut über die schlechten Rezensionen seiner Bücher. Balzac selbst hatte als Journalist begonnen, sich dann für die Schriftstellerei entschieden, wurde von den Kollegen in den Dreck gezogen. Er behauptet, im Gegensatz zum Schriftsteller bedienen sich Journalisten an vorgefertigten Sätzen. In den Redaktionen befinden sich Menschen »mit grüner, gelber oder roter Brille, die dereinst mit ihrer Brille auf der Nase sterben werden und die man einem bestimmten Blatt zuordnet.« Und die ernsthafte Recherche kann nicht bezahlt werden, drum gilt: »Erst daufhauen, dann klären.« Er kennt sich aus in Zeitungen, beschreibt den Wettbewerb der Marktanteile, politischen Einfluss und den Einfluss der Werbeschaltung. Eine gehaltvolle Fürsprache zum Urheberrecht, wird Jahre später vom Gericht zur Urteilsfindung und gültigen Rechtsprechung herangezogen, ist noch heute brandaktuell. Voll Temperament peitscht Balzac respektlos auf die ehemaligen Kollegen ein, polemisch, ja, aber mit viel Tiefe und Sachverstand. Schmierenpresse, Fake-News, Lügenpresse, Presse zur Meinungsmache zu nutzen, politische Zwecke, gockelhafte Chefredakteure, allzu viel hat sich seit damals nicht geändert. Balzac bedauert, dass die ehrlichen, kritischen Journalisten weder von der Presse noch vom Volk geliebt werden. »Das Blatt mit den meisten Abonnenten ist also das, das der Masse am ähnlichen ist.« Ich finde, dieses Buch darf in keinem Bücherschrank fehlen. »Der junge blonde Kritiker – Drei Arten: 1. Der Leugner, 2. Der Spaßvogel, 3. Der Lobhudler« Nun frage ich, wer bin ich? Zum Glück bin ich nicht blond.

 

Noch mehr Rezensionen? Hier geht’s zum Autorenblog von Sabine Ibing. Viel Spaß!

 

Gebrauchsanweisung zum guten Leben in Diktaturen

„SENECA“  eine rororo Monographie von Marion Giebel

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Eigentlich wollte ich nur etwas über dieses wirklich lesenswerte Buch schreiben, aber irgendwie kam mir ständig die Wirklichkeit dazwischen …

Das kennt Ihr doch auch: Pünktlich zu Ostern gibt es immer Historienschinken und Kostümfilme in denen muskulöse Männer in kurzen Röcken zu dramatisch dräuender Hintergrundmusik Blutiges verrichten.

Auch wenn diese Hollywood-Schinken selten den Ansprüchen historisch kritischer Geschichtsschreibung standhalten: die Intrigenspiele der römischen Herrscherkaste garantieren auch heute noch einen hohen Unterhaltungswert … erst recht, wenn man sie aus der Distanz betrachtet. Mehr als zweitausend Jahre scheinen ein ziemlich komfortabler Sicherheitsabstand zu sein.

Spaßeshalber nehme ich mir mal den verzwickten Stammbaum vor, der im Anhang abgedruckt ist, und dessen Früchte (Früchtchen?!) zumeist Julia oder Claudius heißen. Der Name Agrippina fällt mir ins Auge; als Kölnerin weiß ich, dass diese Dame als Gründerin meiner Heimatstadt gilt. Aber sie war auch die Mutter Neros, und genau hier wird es spannend, denn der war wirklich ein Früchtchen, um es mal salopp auszudrücken.

Schwer erziehbar, verwöhnt und als Siebzehnjähriger viel zu jung auf dem Herrscherthron gelandet, war dieser hoffnungsvolle Spross einer ebenso machtversessenen wie degenerierten Dynastie eine wandelnde politische Zeitbombe. Das erkannte sogar die liebende, bzw. karrierebewusste Mutter und stellte dem jungen Kaiser einen Coach zur Seite: Seneca, den berühmten Philosophen und Vertreter der Stoa, einer ursprünglich aus Griechenland stammenden Philosophieschule.

Im vorliegenden Bändchen (überraschend gehaltvoll, da mit fast schon altmodisch anmutendem kleinem Druckspiegel) wird das Leben des Seneca geschildert. Berühmt wurde er durch seine (verlorengegangenen) Reden aber er war ein echtes Multitalent: schrieb Tragödien, entwickelte die die Philosophie der Stoa weiter und bekleidete hohe Ämter. So wurde er zu einer Figur, die über Jahrtausende hinweg, die Menschen immer noch fasziniert, und auch heute noch stehen seine Werke über das „gute Leben“ in den Top-Listen des Buchhandels.

Marion Giebel folgt dem Auf und Nieder des Lebenslaufes Senecas – krank von Kindheit an (man vermutet Asthma) setzte er sich schon früh mit dem Gedanken der Todesnähe auseinander und sah die Erstickungsanfälle als eine Art mentales Training, um sich der Todesangst zu entledigen. Sein politisches Schicksal war wechselhaft: er war ein echter VIP, neigte jedoch zum privaten Rückzug. Unter Caligula wurde er verfolgt, unter Claudius verbannt und sein prominentester Schüler – Nero – zwang ihn schließlich zum Selbstmord.

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Die Lehre der Stoa bietet viele bedenkenswerte Ansätze und wirkt in ihrem humanitären Kosmopolitismus überraschend modern: In allen Menschen lebe der göttliche Funke – auch in Sklaven. Alle Menschen seien Bürger einer Welt. Die Theorie, dass alles mit allem zu einem harmonischem Ganzen verbunden sei, wirkte wahrscheinlich schon im antiken Rom genauso utopisch wie heutzutage, aber ein schöner philosophischer Gedanke ist es allemal. Seneca erkannte jedoch, dass sich die Philosophie als „Schule des Lebens“, als konkrete Lebenshilfe, bewähren muss, um ihren eigentlichen Sinn außerhalb des ‚Elfenbeinturms‘ zu erfüllen.  „Nicht zum Disputieren, sondern zum Leben werden wir erzogen.“

Mit Emphase vertritt er die Kunst der Mäßigung: Der Weise, der sein Leben nach den Regeln der Philosophie ausrichtet lebt mit der Gewissheit, dass alle sogenannten Güter „indifferentia“ sind, Dinge, auf die es nicht ankomme. Die einzig wichtigen Werte, die Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Klugheit können nicht geraubt werden … sagt einer der reichen Männer Roms (sein Reichtum wurde dem Seneca später oft vorgeworfen, nach dem Motto „Wasser predigen aber Wein trinken“). Voller Einsicht und ergänzt er dann auch folgerichtig, dass die Beherrschung der Affekte und die Askese lebenslange Übungen seien, die in der Kunst des richtigen Sterbens gipfelten.

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Vielleicht klingt das für viele heutzutage verstaubt und abgehoben. Aber immer wieder kommt die Sprache Seneca so erstaunlich frisch und unverbraucht daher, dass es ein Genuss ist, dieses Buch zu lesen (und natürlich seine Werke) . Fast meint man, dass er sie alle kannte: die Diktatoren und düsteren Gestalten der Vergangenheit genauso, wie die aktuell angesagten Populisten und GröFazze.

Und so wird Senecas Erziehungsversuch des aufstrebenden Nero zu einem Lehrstück über den Umgang mit Gewaltherrschern und größenwahnsinnigen Narzissten. Seinem philosophischen Rat geht eine schonungslose Analyse voraus. Seneca durchschaute seinen Herrn und Schüler – und versuchte ihn zuerst an der „langen Leine“ zu führen und sittliches Wohlverhalten positiv zu verstärken.  Seine Idee: wenn der Herrscher nur erkenne, dass auch er sterblich sei und sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetze, führe dies automatisch zu Milde und Gerechtigkeit im Denken und Handeln.

Geholfen hat dieses wunderbare Konzept leider nicht, wie wir heute wissen.

Als Seneca die Gefahr erkannte, zog er sich aus dem politischen Leben zurück und schrieb sein Werk über die „Muße“. Er kannte seine Grenzen und scheute das sinnlose Opfer. Man kann es Kapitulation nennen, aber für Seneca war diese innere Emigration eine schaffensreiche Zeit, von der er nur zu genau wusste, wie begrenzt sie war.  Kann man einen Tyrannen „aussitzen“? Er schreibt dazu: Ein solcher Herrscher hat bald viel Feindschaft, Hass, Gift und Schwert auf seinen Fersen. So viele, wie er bedroht, werden zur Bedrohung für ihn selbst. So wird er bisweilen durch Anschläge von einzelnen, sonst aber durch öffentliche Empörung überwältigt.“

Währenddessen wütete Nero weiter. Und Rom brannte.

War Tyrannenmord für Seneca eine Option? Obwohl er wohl nicht direkt an der pisonischen Verschwörung gegen Nero beteiligt war, gilt er doch als einer der geistigen Wegbereiter des Attentates gegen einen Herrscher, der „im […] Wutrausch rast“ und dessen „Burg stets von frischem Blut trieft“. Über den Tyrannenmord sagt er, dass er sowohl für den Tyrannen als auch für die Allgemeinheit eine Wohltat sei.

Die wunderbare Theorie der Persönlichkeitsbildung durch die philosophische Lebensschule hatte also im Falle des Nero vollkommen versagt. Meditationen über die eigene Sterblichkeit? Lächerlich. Denn Autokraten sterben nicht. Sie töten.

Und so zwang Nero den Seneca in den Tod.

Seine Werke jedoch sind unsterblich.

Am Beispiel des Seneca kann man auch heute noch so einiges lernen – hier ein paar Denkanstöße:

  1. Die Politik der langen Leine ist bei Gewaltherrschern nur begrenzt sinnvoll. Wenn man ihnen nicht rechtezeitig ihre Grenzen aufzeigt, brennt nicht nur Rom, sondern gern einmal die ganze Welt. Seit Jahrtausenden immer noch ungelöst ist allerdings die Frage, wie man das praktisch erreicht: Durch Wettrüsten, Wirtschaftsboykott oder ähnliche Druckmittel? Oft trägt das nur Volk die Konsequenzen und der Herrscher überschreitet ungestraft eine „rote Linie“ nach der anderen.
  2. Auch die widerständigsten Menschen sollten sich selbst schützen. Aber wie macht man das? Wegducken und innere Emigration funktioniert nur, wenn man dabei auch Stillschweigen bewahrt (modern: Pressezensur), denn wer die Klappe aufmacht, dem wird sie rasch gestopft werden (manchmal gar unter Verlust des ganzen Kopfes …). Um dem vorzubeugen, bleibt oft nur noch die Flucht.
  3. Lasst euch nicht leichtfertig auf Nebenkriegsschauplätze locken! Im Eskalieren sind Diktatoren einsame Spitze – und während sich das Volk mit rassistischen und sonstigen Parolen gegenseitig auf die Mütze haut, bringen die da oben ihre Schäfchen ins Trockene.
  4. Wobei wir bei der leidigen Elitendiskussion wären, der sich auch schon Seneca stellen musste. Aber das ist dann eine andere Geschichte ….

FAZIT: lesenswerte Einführung in das Denken und Werk des Seneca und gleichzeitig guter Überblick über die julisch-claudische Kaiserdynastie. Als Ergänzung empfehle ich Senecas gesammelte Werke z.B. „Das große Buch vom glücklichen Leben“ und als unterhaltsame Dreingabe: „Ich Claudius Kaiser und Gott“ von Robert von Ranke-Graves

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Frauen im Käfig – in Sicherheit oder im Gefängnis?

Rezension des Romans „Ehre“ von Elif Shafak; ein Beitrag zur Reihe #Starke Frauen

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Nachdem unsere Blogparade zu Ende ist, werde ich dennoch weiter in lockerer Reihenfolge unter #StarkeFrauen interessante Entdeckungen zum Thema Frauenliteratur vorstellen und dazu auch Gastbeiträge hochladen. Die Autorin Elif Shafak lebt mit ihrer Familie in London und Istanbul und ist eine glaubwürdige Wanderin zwischen den kulturellen Welten.

Im ersten Kapitel erfahren wir, dass nach 14 Jahren die Haftentlassung von Iskender bevorsteht, der als Sechzehnjähriger die eigene Mutter tötete. Ein Ehrenmord, um das Gesicht der Familie zu retten. Aber Rettung ist nirgends in Sicht, die Familie scheint zerstört.

Danach entfaltet sich der Roman in Rückblenden, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt werden. Wo liegen die Wurzeln dieser Familie? Erklärt die Vergangenheit die gegenwärtige Tragödie? Wenn die ungeschriebenen Gesetze der Tradition eine hilfreiche Klammer darstellen, die Familien stützen und gesellschaftliches Miteinander erst möglich machen, welche Opfer dürfen dafür gebracht werden?

Im Jahr 1945 werden die beiden Zwillingsschwestern Pembe und Jamila als 7. und 8. Mädchen einer kurdischen Familie geboren. Sie werden früh zu Halbwaisen, als das Projekt „Sohn“ ebenso endgültig wie tragisch scheitert. So wird Naze, die Mutter der Zwillinge, zum ersten Opfer der Verhältnisse.

In symbiotischer Zweisamkeit wachsen die Mädchen im traditonellen Umfeld heran, großgezogen von der ältesten Schwester, die zum Mutterersatz wird. Auch sie wird zum Opfer werden. Der Sinn im Leben einer Frau? „Sie wollte später einmal heiraten – ein Brautkleid und eine Buttercremtorte, wie man das in der Stadt machte, fand sie wunderbar. […] Sie wollte Kinder.“

Aber als sich Adem in Jamila verliebt, diktieren die ungeschriebenen Gesetze, dass diese Beziehung nicht gelebt werden darf. Also heiratet Adem Pembe, die (fast) identisch aussehende Zwillingsschwester. Pembe und Adem ziehen nach London und gründen dort eine Familie mit drei Kindern. Jamila bleibt im Dorf und arbeitet als Hebamme. Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Elif Shafak nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren. Adem wird mit seiner Herkunftsfamilie vorgestellt, und obwohl der Spieler und Schürzenjäger sicher kein Sympathieträger ist, kann man nicht vergessen, was ihm als Kind widerfuhr. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Die Lösung? Vielleicht wäre es Offenheit gewesen, der Mut Dinge direkt anzusprechen. Vielleicht, sich Hilfe von außen zu holen – eine Therapie? Lächerlich. In solchen Kategorien denken weder Adem noch Pembe. Sie sind Gefangene ihrer Herkunft.

Iskender, der Erstgeborene ist Mutters „Löwe“, der „kleine Sultan“, die hemmungslos verhätschelte Wiedergutmachung der endlich gestillten Sehnsucht nach einem Sohn. Esma, die Zweitgeborene ist „kein englisches Mädchen“ – sagt zumindest die Mutter. Pubertätsnöte, Verantwortungsgefühl, kleine Geheimnisse und die ewige kulturelle Zerrissenheit führen zu ständigen Loyalistätskonflikten. Eine brisante Mischung, die durch die Liebe zur Familie zusammengehalten wird. Yunus, der Jüngste schließt sich einer Horde von Punkern an, die im wilden London der Siebziger Jahre ein Haus besetzen. Er, das am wenigsten angepasste „Problemkind“, wird es schließlich sein, der einen ungewöhnlichen Rettungsweg aufzeigen wird.

Ist Pembe eine schwache Frau, weil sie die Eskapden ihres Mannes hin nimmt und nie so richtig Englisch lernt? Oder ist sie eine starke Frau, weil sie die Familie zusammenhält und Geld verdient, nachdem ihr Mann zuerst alles verspielte und dann die Familie verließ?

Ist das ungeschriebene Gesetz der Ehre ein Schutz, weil es das Zusammenleben der Generationen und der Geschlechter unmissverständlich regelt, oder ist es ein Gefängnis, das jegliche individuelle Weiterentwicklung brutal verhindert? Jede Figur im Buch gibt eine andere Antwort auf diese Fragen – und diese ändern sich, je nach Lebensalter und Erfahrungshintergrund. Nichts bleibt wie es ist. Aber das ist verwirrend. Und kränkend – für Männer, deren uneingeschränkte Autorität in Frage gestellt wird. Für Frauen, die sich ständig schämen müssen. Für beide, weil sie keine Worte finden für das, was mit ihnen geschieht. Und diese Sprachlosigkeit ist die eigentliche Tragödie.

Ebenso tastend wie die Suche nach den richtigen Wörten entwickelt sich dann auch die Liebesgeschichte zwischen Pembe und Elias. Nachdem Adem verschwunden ist, beginnt Pembe sich mit der Zufallsbekanntschaft zu treffen. Heimlich schauen sie Filme an, meist Stummfilme, da hier das Sprachverständnis nicht so wichtig ist. Eigentlich passiert nicht viel zwischen den beiden. Aber es reicht aus, um alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen. Und so kommt es zur Tragödie: Iskender, aufgehetzt von seinem Onkel Tarik und einen Hassprediger, stürzt sich mit einem Messer in der Hand auf die Mutter.

Wie es der Autorin nach dieser Bluttat gelingt, die losen Fäden der Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen, soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls vergisst sie niemanden, jede Figur kommt zu ihrem Recht, und sie schlägt den ganz großen Erzählbogen, ohne dass es künstlich oder konstruiert wirkt – obwohl sie einige erzählerische Kniffe anwendet.

Ja, es gibt sogar eine Art von Happy-End – obwohl je Figur im Buch das natürlich komplett anders sehen würde. Zumindest öffnen Esma und Yunus Fenster und Türen in eine Welt, die anders sein könnte und auch Iskender hat einen langen Weg zu sich selbst zurückgelegt.

Vergleich:  Beim Lesen musste ich mehrmals an „das Verborgene Wort“ von Ulla Hahn denken. Die miefige Gesellschaft der 50iger erscheint heute genauso fern wie ein Dorf in Kurdistan, aber die brutale Unterdrückung derjenigen, die anders leben wollen, ist auch bei uns noch gar nicht so lange her.

Und dann kam mir noch ein anderes Buch in den Sinn: Vor einigen Wochen schrieb ich eine Rezension zu „Makaronissi“ von Vea Kaiser, ebenfalls ein Generationenroman, geprägt durch Migrationserfahrungen. Makaronissi hat mir sehr gut gefallen. Hier standen im Vordergrund, die ungebremste Fabulierlust, die Freude an schrägen Typen und der große historische Erzählbogen der von Tradition über Migration zu neu zusammengewürfelten Beziehungen führt. Vordergründig gesehen auch die Themen von „Ehre“. Elif Shalfak schreibt, meiner Meinung nach, jedoch konsistenter, glaubwürdiger. Die einzelnen Charaktere sind zwar in ihren Rollen gefangen, offenbaren jedoch in überraschenden Wendungen Tiefe und Glaubwürdigkeit, wie sie nur das echte Leben verleiht. Kurz gesagt: Vea Kaiser schreibt als Beobachterin ‚von außen‘, Elif Shafak schreibt sozusagen aus dem ‚Inneren ihrer Figuren‘ heraus. Die eigene Biographie spielt dabei sicher eine große Rolle. Aber sie erwähnt auch, dass viele Frauen ihr die eigene Lebensgeschichte anvertraut haben.

Fazit: Ein schönes Buch. Ein schreckliches Buch. Eines der Bücher, bei denen man bedauert, dass sie zu Ende sind.

 

Tag 5 der Blogparade #StarkeFrauen: Mutterrolle im Wandel: „Die Spuren meiner Mutter“

ein Gastbeitrag von Marie Lanfermann

mutter

 

Wer sich mit den Büchern von Jodi Picoult beschäftigt hat, der weiß, dass Jodi Picoult in ihren Romanen sehr stark auf Beziehungen eingeht und sich ihre Romane dabei zumeist um eine Familie drehen. Auch im neuen Roman von Jodi Picoult geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung. Dieses Buch wirft somit gleich zwei Fragen auf, die eigentlich wenig mit dem Buch oder der Geschichte selbst zu tun haben. Zum einen wäre da das Thema, „Die Mutterrolle in Gesellschaft und Literatur“, zum anderen aber auch die Frage, warum die Mutter in so vielen Büchern und auch genreübergreifend eine derart wichtige Rolle spielt.
Dieser Artikel wird somit also keine klassische Rezension.

1. Die Rolle der Mutter in Gesellschaft und Literatur

Nun, betrachtet man die Rolle der Mutter in Gesellschaft und Literatur, so dürfte auffallen, dass sie sich seit den Fünfzigerjahren kontinuierlich und unaufhaltsam geändert hat, galt die Mutter früher als den Haushalt machend und die Familie zusammenhaltend, womöglich sogar als Mittelpunkt der Familie, gibt es heute sogar Business-Frauen, die Mutter werden.
Betrachtet man das Frauenbild von früher und heute hat es den gleichen Wandel durchlaufen. Heute besteht die Rolle der Frau nicht mehr nur darin, den Haushalt zu führen, die Familie zusammenzuhalten und dem man den Rücken zu stärken, vielmehr haben Frauen heute ein Recht auf eine eigene Karriere. Eine Karriere, die sowohl in typisch femininen Berufen und Bereichen als auch in maskulinen Bereichen stattfinden kann.
Natürlich gibt es immer noch nicht so viele Frauen in der Chefetage, hier ist es immer noch zumeist eine Männerdomäne, aber es werden mehr und die Frauen, die heute in diese Position kommen, sind zum Teil auch Mutter, obwohl das noch seltener vorkommt als eine Frau in der Chefetage.
Früher hieß es „Kind oder Karriere“, heute heißt es „Kind UND Karriere“. Ein auf den ersten Blick kleiner Unterschied mit einer großen Wirkung. Einer Wirkung, die Gesellschaft unaufhörlich verändern und verschieben wird und die sich heutzutage auch schon in der Literatur findet.
Heute findet man in Büchern neben den scharfen Heldinnen, die schon seit jeher den historischen Büchern zugrunde liegen und die es irgendwie geschafft haben selbst in schwierigsten Zeiten ihren eigenen Weg zu finden, auch die realistischen Beschreibungen von Mutterschaft, von Stress, Karriere und Kind. Ob es nun in Büchern wie jenen von Jodi Picoult ist oder in einem vergleichsweise leichten Roman, ist aber erst einmal irrelevant.
Fakt ist die Beziehung zwischen Kindern und ihren Müttern hat sich verändert und ist heute mit deutlich mehr Konflikten aufgeladen als früher, scheint es, doch ob dies tatsächlich der Fall ist, kann, glaube ich, niemand so recht beantworten, da Fassade und Wirklichkeit auch sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können.
Im Fall von Jodi Picaults „Die Spuren meiner Mutter“ folgt die 13-jährige Jenna den Spuren ihrer vor zehn Jahren verschwundenen Mutter und begibt sich somit auf eine spannende Reise auf der Suche nach ihrer Identität.
Somit bekommt man tatsächlich schon einen Anhaltspunkt davon, was die Aufgabe einer Mutter in der Gesellschaft ist. Eine Mutter oder auch ein Vater schafft Identität, in Büchern hingegen hat die Mutter zumeist noch eine andere Aufgabe, sie hütet und behütet. In den allermeisten Fällen hütet sie ein Familiengeheimnis, das so über die Jahre nie ans Licht kommen darf und wenn doch, dann würde es zu einem großen Chaos kommen. In den allermeisten Fällen jedoch kommt das besagte Familiengeheimnis ans Licht und dann folgt der große Knall und das Chaos am Ende ist meist gar nicht so groß, wie zunächst gedacht.
Dann jedoch gibt es auch noch die behütende Mutter, die sehr an dem Wohl ihrer Kinder interessiert ist, und somit insbesondere in der Literatur zu einem Problem führt, denn sie steht dem Abenteuer vieler Bücher im Wege, ist ein Hindernis für den Protagonisten oder etwas Vergleichbares.
Im Fall von „Die Spuren meiner Mutter“ ist die Rolle der Mutter noch einmal etwas spezieller, denn sie ist effektiv abwesend, seit über zehn Jahren und niemand weiß genau, was ihr zugestoßen ist. Das alles ist ein wenig mysteriös, rätselhaft. Um zu verstehen, worum es eigentlich geht, müsste man eigentlich das gesamte Buch lesen, da reicht ein Klappentext nicht aus. Dennoch möchte ich Euch an dieser Stelle besagten Klappentext präsentieren.

2. Klappentext

„Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mithilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.“ (Quelle: Randomhouse.de)

3. Originell aber anders

So könnte man dieses Buch mit wenigen Worten beschreiben, doch das würde diesem Buch nicht gerecht werden, weswegen ich mich an dieser Stelle auch nicht an einer Rezension versuche, stattdessen möchte ich weiter über die Rolle der Mutter in der Literatur nachdenken und widme mich der Frage, warum bietet sie sich in so vielen Büchern als Haupt- oder Nebenfigur an?

3. Mutter – eine Figur mit Konfliktpotenzial

Nun in den allermeisten Büchern ist die Mutter eine Figur, die entweder eine Nebenfigur ist, aus dem Hintergrund eine wichtige Rolle spielt oder für eine andere Hauptfigur ein Konfliktpotenzial darstellt. Schon im echten Leben reiben sich Menschen an Elternteilen auf, spätestens mit Beginn der Pubertät, der Adoleszenz oder der Ablösezeit beginnt ein Abnabelungsprozess und ein jeder steht irgendwo auf den eigenen Beinen mehr oder weniger großen Erfolg.
In Büchern ist dieser Konflikt auf wenigen Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gefasst. Das heißt, die einzelnen Konfliktpotenziale und Konfliktherde schwelen nicht nur, sie brechen innerhalb kürzester Zeit auf. Genau aus diesem Grund ist die Mutter als Figur wohl auch so beliebt.

4. Die wandelbarste Figur

Die Protagonistin, welche die Rolle der Mutter innehat, kann völlig anders aussehen als in einem anderen Buch und doch kann sie Mutter sein, und hat somit gleich eine ganze Reihe neuer Konflikte, dass sich ihre Rolle womöglich verschoben hat. Kippt die Protagonistin in irgendeiner Weise um und erscheint schwach, kann sie durch die Mutterrolle aus der langweiligen Position in die interessanteste Figur des ganzen Buches verhandelt werden.

5. Die Spuren meiner Mutter: viele Geschichten wandelnder Perspektiven

Die Geschichte die Jodi Picoult erzählt ist eigentlich eine Vielzahl von Geschichten mit einer Vielzahl von möglichen Perspektiven und jeder einzelne Perspektive bietet andere Sichtweisen auch auf die Rolle der Mutter. Am spannendsten in diesem Buch sind für meine Fragestellung eigentlich die Rolle von Jenna und ihrer Mutter Alice, denn die eine weiß ganz genau, wo sie sich befindet und was passiert ist, und die andere begibt sich eigentlich auf ihre Fährte. Sie liest Tagebucheinträge, Polizeiakten und spricht mit Menschen, die mit dem Verschwinden ihrer Mutter in Verbindung standen.
Niemand mit Ausnahme von Alice weiß was passiert ist und auch Alice tut sich schwer damit dem Leser irgendetwas zu verraten, sodass er stückweise immer neue Details erfährt und so tappt der Leser ebenso im Dunkeln wie Jenna.

6. Die abwesende Mutter

Was veranlasst eine Mutter dazu ihr Kind allein zurückzulassen oder es zu verlassen und Verwandten und Bekannten zu überlassen das eigene Kind zu versorgen. Nun, diese Frage gibt es auch im echten Leben, und ist eine Parallele zu diesem Buch. Die Frage warum Alice die dreijährige Jenna damals zurückließ, möchte ich an dieser Stelle nicht beantworten, damit würde ich Euch den ganzen Fall auf dem Silbertablett präsentieren und Euch würde das Buch am Ende gar nicht mehr gefallen.

7. Nicht nur thematisch interessant

Aus diesem Grund sage ich nicht viel mehr, als dass es sich lohnt, ein Blick in dieses Buch hinein zu werfen, denn es bietet so viel mehr als nur eine Geschichte zwischen Mutter und Tochter ist keine klassische Familiengeschichte, denn sie ist irgendwie anders und doch ist sie natürlich eine Familiengeschichte. Eine Familiengeschichte mit Abenteuercharakter, Elementen des Spannungsromans  (kein Krimi!) Und noch einiges mehr.
Schon in ihren früheren Büchern zeigte sich, dass Jodi Picoult eigentlich alle schreiben kann. In all ihren Büchern kann sie vor allem auch eins unterhalten. In vielen ihrer Bücher regen ihr Stil und die Art und Weise, wie sie ihre Geschichten erzählt, den Leser zum Nachdenken an und das ist auch bei diesem Buch wieder mal nicht anders.

8. Die Autorin

„Jodi Picoult, geboren 1967 in New York, studierte in Princeton und Harvard. Seit 1992 schrieb sie mehr als zwanzig Romane, von denen viele Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste waren. Die Autorin wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, wie etwa 2003 mit dem renommierten New England Book Award. Picoult lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und zahlreichen Tieren in Hanover, New Hampshire. „Die Spuren meiner Mutter“ ist nach dem Weltbestseller „Bis ans Ende der Geschichte“ ihr zweiter Roman bei C. Bertelsmann.“ (Quelle: Randomhouse.de)

9. Die Rolle der Mutter in der Literatur: ein Fazit

In vielen Büchern kommt die Mutter als eine Figur mit mehr oder weniger starker Ausprägung und Orientierung auf ihre Mutterrolle vor. Es gibt sicherlich viele Bücher, in denen dieser Archetyp eine Rolle spielt und doch gehört sie mit zu den am wandlungsfähigsten Figuren, die man sich vorstellen kann, denn die Mutterrolle bedeutet zwar eine Handvoll Charakterzüge, ist jedoch mit diejenige Figur, die am wandlungsfähigsten erscheint, da sie nicht oder nicht immer alleine daherkommt. Die Mutterrolle bedeutet lediglich die Anwesenheit von Charakterzügen, nicht jedoch die Abwesenheit von weiteren Merkmalen.

Danke Marie, für diesen Beitrag! Wer mehr von der „Vielleserin“ lesen will, wird hier fündig!