Frauen, die nicht auf Bestsellerlisten stehen … schreiben Bücher, die in keine Schublade passen

Rezension von „VINDICTA“ und Plauderei mit der Autorin Isabella Bach

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Vor einiger Zeit landete auf meinem Rezensionsstapel ein Buch, das ich erstmal nicht aufschlug. Auf dem Cover eine halbentblößte junge „Sklavin“ mit Augenbinde und wohlgeformter Oberweite (übrigens wurde das Cover für die hier gezeigt Kindle-Ausgabe optisch „entschärft“).  „Deutschlands Antwort auf „Fifty Shades of Grey“ hieß es. Ach du meine Güte! Den Bestseller hatte ich nämlich damals gelangweilt zur Seite gelegt. War „VINDICTA“ auch so eine miese Mischung aus verlogener Romantik und Voyeurismus – als Krimi dann notgedrungen dekoriert mit den obligatorischen Körperflüssigkeiten?

Meine Erwartungen sollten angenehm enttäuscht werden.

Felicitas alias „Lady Caprice“ arbeitet in einem Sado-Maso-Studio und hat zwei jüngere Kolleginnen, von denen die eine ermordet und die andere hochverdächtig ist. Aber auch der attraktive „Dark Raven“ treibt als sadistischer „Dom“ seine manipulativen Spielchen. Felicitas hat eine grausame Vorgeschichte. Einziger Halt ist ihre Großmutter. Diese wiederum hat eine Liebesbeziehung mit dem ermittelnden Kommissar, der nicht nur aussieht wie Heinz Rühmann, sondern genauso schlitzohrig sympathisch rüberkommt.

Mit diesen Charakteren entfaltet sich ein solide und handwerklich gut gemachter Krimi. Es gibt viel Berliner Lokalkolorit, witzige und anrührende Dialoge, gut gemachte Rückblenden, falsche Verdächtige und klug geführte Spannungsbögen, die das Buch stellenweise zum echten Pageturner machen. Die Geschichte spielt in einem ungewöhnlichen Milieu und man lernt so ganz nebenbei viel über die Sado-Maso-Szene. Dabei gelingt der Autorin eine faszinierende Innenschau, die übertriebene voyeuristische Elemente gekonnt vermeidet und trotzdem den Kitzel des Verbotenen aufrechterhält.

Isabella Bach hat also alles richtig gemacht. Das Buch sollte auf dem Markt problemlos seine Leserschaft finden und Erfolg haben.

Hat es aber nicht.

Warum?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum Bespiel der gewählte Verlag. Wahrscheinlich greift der übliche Krimiliebhaber nicht gerade zu einem Buch aus dem „Marterpfahl-Verlag“. Dort findet sich äußerst erfolgreiche Sex-Literatur vor allem aus dem Themenbereich des BDSM, aber auch Ratgeber („Sex für Fortgeschrittene“) und Neuauflagen erotischer Klassiker. Zugegeben: Politisch korrekt und feministisch geht anders. Aber Schmuddelkram, pikant Ergötzliches und das Gefühl des Verbotenen garantierten schon immer gute Geschäfte – warum dann nicht auch für VINDICTA, ein Buch, das – oberflächlich betrachtet – prima ins Programm passt?

Ich habe mich mit der Autorin darüber unterhalten:

Isabella Bach antwortet nachdenklich: Ich sehe auch das Problem, dass der Verlag nicht ideal zur Zielgruppe meines Romans passt. Ich hatte mich seinerzeit mit VINDICTA bei unzähligen Literaturagenten und Verlagen beworben. Leider vergeblich … Und ich muss dem Marterpfahl-Verlag zugutehalten, dass dieses Buch, auch wenn es nicht perfekt ins Programm passt, sorgfältig und professionell gemacht wurde.

Ulrike Blatter: Es gibt ja durchaus Bücher, die das Thema Sado / Maso auf unterhaltsame Art und Weise behandeln. Warum hattest gerade du solche Probleme mit deinem Roman?

I.B.: Als ich mit dem Thema anfing, dachte ich auch, dass ich vom Hype der „Fifty Shades of Grey“ profitieren könnte. Aber da gibt es ziemliche Unterschiede: Insider haben nicht wirklich eine Distanz zu dem, was sie tun. Sie lieben es. Sie sind geil drauf. Das ist für mich okay, wenn es sie glücklich macht. Leute, außerhalb der Szene, die Bücher schreiben oder Filme machen, achten meist nur darauf, dass Szenen eingebaut werden, die bizarr und geheimnisvoll rüberkommen. Um Tiefe kümmert sich kaum einer.

U.B.: Heißt das, es darf nicht zu echt sein? Vielleicht weil es dann bedrohlich nahe heranrückt? Mir fällt da etwas ein. In einem Interview mit einem Bestsellerautor las ich einmal (sinngemäß) den folgenden Satz: „Wenn ein Roman „zu echt“ wird, spüre ich das sofort und lege das Buch zur Seite. Ich lese ausschließlich Fiktion.“

Hast du vielleicht „zu gut“ recherchiert? Eine Ex-Domina schreibt ja zu Deinem Buch: „Als Kennerin der Szene […] hat mich überrascht, wie genau die Autorin Isabella Bach die Gefühle und Gedanken einer Domina und Sklavin beschrieben hat.“

I.B.: Mal andersherum gefragt: Kann man zu gut recherchieren? Mir geht es um Glaubwürdigkeit und Authentizität. Aber ich habe ja keine Reportage geschrieben, sondern einen Krimi … Dafür habe S + M-Leuten interviewt, war in der Szene unterwegs, habe einen Stapel Insider-Literatur gelesen, mich auf Internet-Portalen informiert und mir aus der Distanz heraus eine eigene Meinung gebildet. Dadurch schaffte ich es mich immer besser, mich in meine Charaktere einzufühlen.

U.B.: Auch für mich war es spannend zu lesen, dass Masochismus unterschiedliche Facetten und Spielarten hat und wie Felicitas zur Domina wurde. Die junge Protagonistin mit ihrer Brutalität und gleichzeitig in ihrer Verletzlichkeit fand ich faszinierend.

I.B.: Es war mir wichtig zu zeigen, dass die Motive meiner Figuren sich aus ihrer Biografie heraus erklären. Warum quält jemand? Warum lässt sich jemand (für viel Geld) quälen?

U.B.: Ich finde, das ist dir gelungen. Das Buch ist ziemlich spannend geworden. Aber da ist ja noch etwas – noch so ein Tabu …. Sag mal ernsthaft: Hat dich der Teufel geritten?!

I.B. (grinst entwaffnend): Das meinst du jetzt wortwörtlich, nicht wahr? Meinst du wirklich, die Kritik an der katholischen Kirche ist ein Killer-Kriterium für dieses Buch?

U.B.: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nach Missbrauchsskandalen und einer Welle von Kirchenaustritten ist es ja nichts wirklich Neues, was du beschreibst – ich gehe jetzt nicht ins Detail, da ich nicht spoilern will …

I.B.: Eins kann man vielleicht doch sagen: Ich versuche die Parallelen zwischen Katholizismus und Sado/Maso herauszuarbeiten. Diese ganzen Verstrickungen von angeblicher Schuld und Sühneritualen, die einen Menschen klein machen und in Abhängigkeit halten. Deshalb war Felicitas als junge Frau auch Nonne.

U.B.: Ich fasse zusammen: „VINDICTA“ ist ein spannender, gut gemachter Krimi, der Einblicke in eine ungewöhnliche Szene gewährt – aber leider ist das Buch nur sichtbar für die „falsche“ Zielgruppe. Vielleicht können wir das ja mit diesem Interview ändern?

I.B.: Ich würde mich freuen. Das würde mir Mut machen, auch weiter über Tabuthemen unserer Gesellschaft zu schreiben.

U.B.: …. und ich dachte immer, in unserer Gesellschaft gibt es keine Tabus mehr …

I.B.: Unsere Gesellschaft erinnert mich eher an ein scheinbar intaktes Haus: Frisch gestrichene Fassade, aber die Mauern bröckeln.Und die Bewohner weigern sich, darüber zu reden.

***

VINDICTA – Strafe muss sein; Taschenbuch: 210 Seiten; erschienen 2015 im Marterpfahl Verlag; Homepage der Autorin: www.isabella-bach.de

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

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Tag 6 und Abschluss der Blogparade #StarkeFrauen: Interview mit der Verlegerin Else Laudan

Gastbeitrag von Sabine Ibing

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Else Laudan, Verlegerin, 1963 in Berlin geboren, betreut die Reihe der “Ariadne Kriminalromane” im Argument Verlag, Hamburg, seit 1988. Mit viel Begeisterung übernahm Else Laudan mit 25 Jahren von ihrer Mutter Frigga Haug die Krimireihe, die ein Jahr vorher gegründet war. Sie hatte ein Soziologie-Studium und eine abgebrochene Ausbildung zur Maschinenschlosserin hinter sich. Mit P.M. Carlson, K.V. Forrest und Val McDermid ermittelten Detektivinnen, lesbische Kommissarinnen entgegen der männlichen Dominanz. Sie deckten Verbrechen an Frauen auf und beschrieben neue weibliche Lebensformen.  E. L.:  „Meine eigenen Lesevorlieben, mein von Soziologiestudium und Lebenserfahrung geschulter Verstand und mein Gefühl beim Betrachten der Welt sagen mir, dass Aufklärung nötig und das Verbreiten guter politischer Krimis wichtig ist. Natürlich müssen sie auch gut geschrieben sein, sonst nützt es alles nichts.“

S.I.:    Mit dem Ariadne Frauen-Krimi-Kulturprojekt hast du seit langem Erfolg. Immer noch produziert Ariadne niveauvolle Krimis aus Frauenfeder, abgedreht, humorvoll, knallhart, immer politisch, manchmal intellektuell, manche tiefschwarz. Gegründet wurde der Verlag zu Zeiten, als Krimis nicht zur Literatur zählten, schon gar nicht die von Frauen. Der weibliche Blick im Kriminalroman, wie du es gerne nennst, sei eine Stärke und keine Schwäche. Was meinst du damit?

E. L.:    Diese Aussage wehrt sich gegen zwei verbreitete Vorurteile: Erstens, dass das Erzählgeschlecht doch egal sei, dass im herkömmlich-männlichen Blick die ganze Welt vorkommt und keine Leerstellen bleiben. Wie könnte das sein? Solange es ein soziales Gefälle gibt, ist der erzählerische Blick davon befangen. Grundsätzlich leben vom Status Quo Begünstigte in einer anderen Welt als nicht Begünstigte, sie erleben verschiedene Realitäten, erzählen dieselbe Geschichte unterschiedlich. Selbst in unserer „aufgeklärten“ Wohlstandsgesellschaft werden Frauen in Lohnarbeit schlechter bezahlt, wo immer etwas zu entscheiden ist, trifft man auf ein Männerübergewicht, nach wie vor gilt „Machen“ als männlich, „Sorgen“ als weiblich. Mit dem Blickwinkel der Frauen kommen also nicht nur Machtunterschiede, sondern auch Milieus und Themen ins Bild, die sonst ausgeblendet bleiben. Das ergibt komplexere Alltagsbezüge, sorgt für lebensnahe Brisanz. MISS TERRY von Liza Cody ist z.B. ein Buch, das eine untypische, unterlaufende Erzählperspektive bietet, sehr bereichernd. Das zweite Vorurteil lautet, dass sogenannte Frauenthemen/Frauenbücher irgendwie etwas Läppisches seien, weniger relevant. Der Mainstream sieht Frauenliteratur ja immer noch gern in der Romantik-Nische wie einst die Groschenromane fürs Dienstmädchen. Frauen haben in den letzten drei Dekaden das Krimigenre erobert, aber da, wo „relevante“ Literatur definiert wird, sind sie total unterrepräsentiert. Genau wie die Milieus und Themen, die traditionell nicht Felder männlichen Heldentums sind: Jenseits von heroischen Ermittlern, Aktivisten, Spionen, Enthüllungsjournalisten in Kriegsgebieten und dergleichen gibt es Alltag, der mit seinen Verstrickungen gemeistert werden muss, damit ein Morgen überhaupt möglich ist. Es gibt Kranke, Versehrte, Alte und Kinder, für die gesorgt und vorausgedacht werden muss. Aber das sind als langweilig geltende Themen, die übrigens in der Gesellschaft genauso zu kurz kommen wie in der Kultur (siehe Pflegenotstand). Fraglos existenziell, aber ohne den Glamour des kulturell „Wichtigen“. Ich finde das borniert und dürftig, ich will die ganze Welt in guten Krimis vorfinden, nicht bloß den tradierten Jungskram. Den lese ich, sofern er toll geschrieben ist, dann zwischendurch auch gern. Aber bitte nicht nur.

S.I.:    Milieubeschreibungen, Reales, Plots, die die Gesellschaft beleuchten, Sozialstrukturen offenlegen, kritisch betrachten, das ist dein Anliegen.

E. L.:    Ja, das ist für mich die Aufgabe von und der Vorteil bei guter Kriminal- und Noir-Literatur. Ich behaupte zudem: „Über die realen Machenschaften der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, über ihre Gier und deren Auswirkungen auf menschliches Leben erfährt man heute aus guten Kriminal- und Verbrechensromanen mehr Wahres, mehr Hintergrund und mehr Konkretes als aus den offiziellen Medien“ (Essay in der Polar Gazette, Link: http://www.polar-gazette.de/?p=1532). Letztlich kommt es natürlich darauf an, wie etwas geschrieben ist und was die Schreibweise mit mir macht. Ich will mich weder belehren lassen noch wollüstig gruseln, sondern ich will mitreißende, realistische, starke Romane über echte Lebenswelten, relevantes Zeitgeschehen.

S.I.:    Du hast dich für Krimis von Frauen eingesetzt, als diese in Deutschland nicht zur Literatur gehörten. Doch als sich Krimis etablierten machten große Publikumsverlage deinen Autorinnen gute Angebote und dein kleiner Verlag ging zugrunde. Wie fühlt man sich, wenn Autoren wegrennen, die man aufgebaut hat und diese immer unterstützte. Dir war der finanzielle Erfolg immer Nebensache. Deinen Autorinnen anscheinend nicht.

E. L.:    Das stimmt so nicht ganz. Eigentlich hat uns keine Autorin schnöde verlassen, obwohl es harte Zeiten gab. Aber das führt hier zu weit, man kann es ausführlicher in einem öffentlichen Vortrag nachlesen, wo ich berichte, wie sich die Ariadne-Reihe entwickelte und was dann geschah: http://www.krimis- machen.eu/wp-content/uploads/2013/09/13-08-26-Laudan_Krimi- ist-politisch_Vortrag.pdf S.I.:    Du hast neu angefangen mit deutschen Autorinnen, eine Menge Talente aufgebaut: Monika Geier, Christine Lehmann, Dagmar Scharsich, Anne Goldmann, Merle Kröger und die Südafrikanerin Charlotte Otter, sowie die französische Königin des Noir, Dominique Manotti. Es braucht ein gutes Auge und einen langen Atem, bis sich ein Autor etabliert. Woher nahmst du den Mut neu anzufangen?

E. L.:     Ich bin Überzeugungstäterin, in doppelter Hinsicht. Ich bin überzeugt, dass der politische Kriminalroman die stärkste und dynamischste Gegenwartsliteratur ist, weil er von der Wahrheit erzählt. Und ich will immer alle überzeugen, zumindest aber alle leidenschaftlich Lesenden. In fast 30 Ariadne-Jahren hab ich Können und Erfahrung im Verlegen politischer Krimis gesammelt, und ich bin stur. Zudem ist unser Projekt noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt so kluge, kühne, geniale Autorinnen, für deren Sichtbarkeit zu streiten eine sehr erfüllende Aufgabe ist.

S.I.:    Du bist bekannt für ein hartes und faires Lektorat, für Teamarbeit, die die Autorin vorantreibt. Die Autorinnen von Adriane haben alle etwas zu sagen. Spannende Bücher, die einen sozialkritischen Hintergrund haben, kein Mainstream. Du springst auf keinen Hype auf, holst dir Schwedenkrimis (obwohl es dort sozialkritische Bücher gäbe) oder machst auf Almdudelserien. Ist vielleicht das dein Erfolg? Du bleibst dir treu in fast 30 Jahren Verlegertätigkeit.

E. L.:    Wenn ich Moden nachjagen würde, müsste mich verbiegen, und erfahrungsgemäß bringt das nichts außer Verdruss. Wir haben in harten Jahren gelernt, dass wir nur gebraucht werden, wenn wir etwas Besonderes machen. Da ist es naheliegend, sich auf das zu spezialisieren, woran man selber glaubt. Ich wollte immer eine Arbeit, die mich zum Glühen bringt, ohne dass ich mich selbst und andere belügen muss – dafür nehme ich es in Kauf, ständig zeitknapp und pleite zu sein. Nur zu verlegen, was ich ohne Kompromisse großartig und relevant finde, ist ein Privileg und verpflichtet dazu, es mit allen Kräften richtig gut zu machen.

S.I.:    Merle Kröger erhielt für ihren Roman „Grenzfall“ den Deutschen Krimipreis 2013, mit „Havarie“ stand sie 2016 auf dem 2. Platz. Ich gratuliere auch der Verlegerin. Es sind übrigens zwei wirklich gute Krimis. Wie stolz ist die Verlegerin?

E. L.:     Na, schon maßlos stolz. Merle ist eine so kühne Autorin, ich liebe sie und habe vom ersten Buch an ihr inhaltliches Rückgrat und ihre Courage bewundert, ihre formale Experimentierlust bei großer Klarheit im Anliegen. Sie riskiert viel und eckt damit auch an, so gibt es bei jedem Buch Stimmen, die meinen, der Roman sei „kein richtiger Krimi“, aber sie hat ein sagenhaftes Gespür fürs Mitreißende. Als politische Dokumentarfilmerin recherchiert sie unglaublich gewissenhaft und bleibt ganz dicht an den Menschen mit all ihren Sehnsüchten und Widersprüchen, sie bringt etwas Filmisches ins Genre ein und dokumentiert mit ihrer Fiktion zugleich das reale Leben. Ich brenne für ihre Romane.

S.I.:    Bei Ariadne müssen angehende Autorinnen mit der Einsendung eines Exposés einem Fragebogen ausfüllen. Hier muss man genau sein Skript analytisch beschreiben, Sozialstrukturen und Figuren offenlegen, seine Intention für das Manuskript erklären. Warum dies Prozedere?

E. L.:     Der Fragebogen ist uralt, etwa 25 Jahre, aber er stellt klar, dass wir inhaltliche Ansprüche haben. Die werden eingefordert, noch ehe wir auf die Erzählkunst schauen. Von den Krimiautor/innen vergangener Epochen bewundern wir ja gerade die „unbequemen“ für ihre Schärfe und Relevanz. Schreiben ist Kunst, aber es ist auch Haltung und Aussage. Form und Inhalt gehören beide in ein Bezugssystem, mit dem sich Autorinnen befassen müssen, wenn sie nicht einfach unbedeutenden Quark produzieren wollen. So sehr ich hardboiled auch liebe: Eine Autorin, die mit den Mitteln des Hardboiled affirmative oder politisch indifferente Geschichten erzählt, reizt mich null. Also fragen wir gleich vorweg: Du willst gelesen werden, willst eine Eintrittskarte in anderer Leute Köpfe. Was gedenkst du in diesen Köpfen zu hinterlassen? Was hast du zu geben, das dich dazu berechtigt? Man kann z.B. nicht wie Manotti schreiben, wenn man nicht zornig ist und zornig machen will.  Im politischen Krimi geht es darum, das Verbrecherische in den Strukturen offenzulegen. Kurz: Schreibenkönnen allein reicht noch nicht für Ariadne, es muss ein Anliegen da sein, das wir als Verlag teilen können, erst dann wird ein Buch zu unserem Projekt.

S.I.:    Männer blenden gern bestimmte politische Probleme aus, wie der Themenberg Südafrika mit Vergewaltigung, sexueller Verstümmelung, Aids, Waffenhandel. Gibt es Frauen, die diese Strukturen in Krimis angehen?

E. L.:     Natürlich, bei dem Thema denke ich sofort an Charlotte Otter. Aus Südafrika kommt ja seit rund zehn Jahren sehr starke politische Kriminalliteratur. Autoren wie Deon Meyer, Mike Nichols, Andrew Brown und andere zeigen das Post-Apartheids-Südafrika als Gesellschaft im Umbruch, ein Land der Extreme. Ihre Romane sind beinhart, vielschichtig und intelligent, es geht um ethnische Konflikte, Waffenhandel, Korruption, Gangs, Kriegsgewinnlertum, soziale Schere u.v.m. Doch einige brisante Themen, die zentral zu Südafrika gehören, stehen kaum im Fokus. Es ist absurd, in sexistischer Gewalt oder Politik um HIV und AIDS „weibliche“ Themen zu sehen, trotzdem bleiben sie bei den Jungs erstaunlich oft ausgespart. Charlotte Otters Maggie- Cloete-Romane sind genauso hardboiled wie die ihrer Kollegen, doch der Fokus verschiebt sich leicht: Es geht um Arzneimittel, Gesundheitspolitik, „Aidswaisen“ (Balthasars Vermächtnis) oder um bedrohte Arten, Lebensweisen und Monokulturen (Karkloof Blue). Charlotte schreibt niemals voyeuristisch, auch nicht etwa zahm, sondern krachend rasant, das sind schnelle, harte, starke Krimis mit weitem Blick. Echte „Fenster zur Welt“.

S.I.:    Heute steht der Thriller im Focus, manchmal lediglich sinnloses Abschlachten durch Psychopathen und Soziopathen, bis ins Detail geschildert. Auch auf diesen Hype bist du nicht aufgesprungen.

E. L.:     Ich halte Serienkiller- und Metzelthriller für eine üble Besänftigungsdroge, gepflegtes Pseudo-Grauen, damit die Realität heiler aussieht, als sie ist. Solange unwägbare Monster durch die Fantasie geistern,  bleibt „Sicherheit“ ein käufliches Gut, das hoch im Kurs steht und beruhigt. Diese Thriller sind affirmativ: Das Bedrohliche an den echten Zuständen rückt gar nicht ins Bild, das Böse ist ja in der Psyche geparkt, fernab unserer Verantwortung – sehr praktisch, wenn sich nichts ändern soll.

S.I.:    Autorinnen sind meist bescheidener als Autoren. Sie müssten mehr Ego zeigen, was Männer von Natur aus machen. Warum fällt es Frauen so schwer, ihre Kompetenz zu zeigen?

E. L.:     „Von Natur aus“? Das sehe ich ganz anders, da geht es nicht um Natur, sondern um Sozialisation und übrigens auch um mächtige Mythen, die Herrschaftsverhältnisse stärken und erhalten. Aber lass mich die Frage mal drehen. Wohin führt denn das „Ego zeigen“? Ist aggressiver Konkurrenzkampf etwa das, was die Welt braucht? Damit noch mehr zu Bruch geht, mehr Krieg, Zerstörung, Ausbeutung … Das gängige Geschlechterrollenbild ist erfolgreich eingespannt in den Erhalt von lebensfeindlicher, kindisch unverantwortlicher Politik und Kultur. Wenn wir uns davon nicht alle mal emanzipieren, bleiben für kommende Generationen nur Trümmer! Frauen sind nicht von Natur aus bessere Menschen, sie haben bloß noch mehr Gründe, gegen herrschendes Unrecht aufzubegehren, weil ihnen noch mehr vorenthalten, noch weniger zugestanden wird. Die Rollenmuster und Glücksversprechen für beide Geschlechter sind eine Schande. Wir müssen alle mehr Verantwortung für die Welt übernehmen, statt ängstlich an dem festzuhalten, was die Norm uns zugesteht.

S.I.:    Du hast die Vereinigung „HERLAND“ gegründet, ein Zusammenschluss weiblicher Krimiautoren. „Allen gemeinsam ist der feministische Ansatz. Literatur von Frauen, gerade mit politischen Themen, verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihr momentan zuteil wird. Deshalb finden Sie hier Essays, Stories, Literaturempfehlungen, Satirisches, geschrieben mit einem weiblichen Blick auf die Welt.“ Ein interessanter Blog übrigens. Warum dieser Bund?

E. L.:     Das Netzwerk HERLAND haben wir, Frauen aus mehreren Generationen (zwischen dreißig und fast achtzig), zu neunt gegründet, weil feministische Einmischung kulturell nötig ist.  Kluge politische Autorinnen arbeiten daran, unbequeme Wahrheiten in gute Romane zu packen und damit Literatur zu erschaffen, die nicht verblödet, sondern von der Welt erzählt und dem Publikum Denken zutraut. Statt damit jede allein zu lassen, will HERLAND ein kultureller Pool werden, eine Plattform, wo Autorinnen gesellschaftskritischer Krimis sich austauschen können, eine Quelle für Inspiration und Kritik und Courage. Obwohl gute politische Kriminalliteratur immer stärkere Verbreitung findet, weil sie zu den relevantesten Literaturen der Gegenwart gehört, blüht immer noch der Macho-Kult im Genre, „Frauenkrimi“ steht für romantischen Schund, und was als große Erzählung die höheren Weihen erhält, erzählt fast immer von Männern. Eine einzelne Gegenstimme geht unter und reibt sich schnell auf, also bilden wir einen wachsenden Chor. Frauen können denken, hingucken, schreiben, Frauen haben Rechte, Frauen sind überall. (Ganz besonders übrigens dort, wo die gesellschaftlich notwendigste Arbeit verrichtet wird.) HERLAND fordert mit vielfältiger Stimme:  Mischen wir uns ein. Fangen wir damit an, Frauen sichtbarer zu machen – da, wo es drauf ankommt. Die Welt ist in einem beschissenen Zustand, von dem das Genre adäquat zu erzählen weiß. Doch um seine Welthaltigkeit umfassend zu machen, braucht es den feministischen Blick, der im Politischen dem ganzen Leben gerecht zu werden sucht. Denn das Persönliche ist politisch.

S.I.:    Eine letzte Frage, was gibt es für dieses Jahr für eine Planung? Magst du uns kurz vorstellen, was Ariadne in diesem Jahr Neues herausbringt?

E. L.:    Mit Vergnügen, also der Reihe nach: Drei Bücher kommen jetzt im Frühjahr, zwei davon sind schon im Druck.  „Nach der Schlacht“ von Le Minh Khue ist ein literarischer Einblick in die Kultur und Lebenswirklichkeit Vietnams. Die meisten von uns kennen Vietnam aus Hollywoodfilmen, wo es ein US- amerikanisches Soldatendrama ist. Le Minh Khue zeigt in zwei Erzählungen ein ganz anderes Vietnam mit eigener Geschichte, vernarbt, voller Spuren von Unrecht und Gewalt, fremd und im besten Sinn merk-würdig. Auch dies ist eine Gesellschaft im Umbruch. Die deutsche Autorin Anne Kuhlmeyer spielt auf eigene Art mit dem Genre, mit dem Realismus darin. Sie erschafft faszinierende Gestalten und schickt sie in surreale Szenarien, die sie an ihre Grenzen bringen und darüber hinaus, mit viel Fabulierlust und Sinn für Geschichte(n). Ihr neuer Roman „Drift“ beginnt mit einer Hochwasserkatastrophe, dabei wird mehr weggespült als „nur“ Landschaft: Verhaltensmuster kommen auf den Prüfstand, Literatur übernimmt eine den Plot lenkende Rolle. Das ist wagemutig und herausfordernd, sehr reizvoll. Im Mai kommt dann ein funkensprühender neuer Roman von Monika Geier, die wieder zeigt, wie unglaublich originell und aktuell auch ein „klassischer“ Krimi sein kann. „Alles so hell da vorn“ erzählt von einem Frankfurter Puff, wo ein Bulle erschossen wird, von einem störrischen alten Haus, von einer geheimnisvollen jungen Hure und natürlich von Halbtagskommissarin Bettina Boll, die da Licht ins Dunkel bringen soll. Genial und verschmitzt, Rätselspannung auf allerhöchstem Niveau. Im Herbst bringen wir eine großartige Schriftstellerin aus Indien: Anita Nair nutzt das Genre, um extrem finstere Seiten der aktuellen Normalität auf den Tisch zu bringen. Bangalore, eine Drehscheibe des Kinderhandels in einem Land voller Ungleichheiten. Ein redlicher Kommissar in einem Dschungel aus Korruption. Mehrere Erzählstimmen und Blickwinkel eröffnen ein Panorama tagtäglicher Gewalt, ein Netz aus Macht und Ohnmacht und Gier. Atemberaubend und grimmig. Dann haben wir noch ein Debüt in petto, eine Art Country Noir von einer indianischen Autorin, die ihrerseits historische blinde Flecken ausleuchtet – sehr eigenwillig erzählt, sehr charismatisch. Außerdem machen wir Neuausgaben von Dagmar Scharsichs historischen Krimis „Der grüne Chinese“ und „Die gefrorene Charlotte“, beides sind absolute Juwelen literarischer Spannungsliteratur. Das sind Ariadnes Vorhaben für 2017. Und 2018 kommen neue Bücher von Anne Goldmann, Dominique Manotti und Liza Cody, wir holen endlich Denise Mina zu Ariadne, und wie ich sie kenne, wird auch Christine Lehmann etwas Neues machen – es gibt ja unendlich viel zu tun.

S.I.:    Liebe Else, ich danke dir, dass du mir einen Teil deiner kostbaren Zeit geschenkt hast.

Weitere Interviews von und mit Sabine Ibing