Eine abgründige Liebe in Rumänien

Dass ich dieses Buch in die Hände bekam, hat eine lustige Vorgeschichte. Ich wurde erstmals auf die Autorin Silvia Hildebrand aufmerksam, als ich mit dem Fahrrad durch Rumänien unterwegs war und sie mir in den sozialen Netzwerken eines Tages den ultimativen Überlebenstipp für Radfahrer in ihrem Heimatland gab: „Nicht lächeln, sondern fluchen!“

Tatsächlich kam ich aber meistens mit einem Lächeln durch das Land und lernte erst auf den Straßen von Bukarest das Fluchen – und wie! Nach 1000 Kilometern Rumänien endete die Radreise am Schwarzen Meer und viele Fragen waren offen. Ich war neugiereig geworden auf „Die Stadt der Freiheit“ und sicherte mir kurz nach Erscheinen des Romans mein Leseexemplar. Um es kurz zu machen: Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Hier die ausführliche Begründung:

Zur Abwechslung treten in einem abgründigen Roman über Rumänien mal keine Vampire auf, obwohl Silvia Hildebrandt nicht ganz auf das Bild der „Strigoj“, der Untoten verzichtet. Denn um Blutsauger geht es tatsächlich – wenn auch im übertragenen Sinne. Die Geschichte führt mitten hinein in die Diktatur Nicolae Ceausescus. Gesellschaftliche Konformität wird erzwungen und dazu gehört auch die Aussage: Homosexualität gibt es nicht im Sozialismus!

Silvia Hildebrandt gibt uns einen ungewöhnlichen Einblick in eine Gesellschaft, die von Mannbarkeitsritualen und einem eisernen Familiensinn geprägt ist. Für Schwule ist dort kein Platz – aber Attila, die Hauptfigur des Romans, schwärmt als Jugendlicher für seinen weltgewandten, gebildeten Lehrer und erkennt erschrocken, dass er zu einer ebenso verhassten wie verleugneten Minderheit gehört. Diese erste Liebe endet brutal und Attila erkennt, dass es nicht um seine Sexualität geht, sondern ums nackte Überleben. Sein bester Freund, Tiberiu, dessen Vater ein führender Kopf der Securitate ist, sucht nach Möglichkeiten Attila zu retten. Tiberiu hasst den übermächtigen Vater und will den politischen Umsturz.

Wo ist es im Orkan am sichersten? Im Auge des Sturms. So landet Attila bei der Securitate, dem allmächtigen Geheimdienst. Tiberiu positioniert den Freund inmitten einer Institution, die das Land mit einem Netz von Spitzeln und tödlicher Intrige überzieht – die Bedrohung durch die Securitate ist nicht abstrakt, sondern alltäglich, brutal und tödlich. Attila, der Nonkonformist, gewinnt zunehmend Gefallen an dieser Macht – aus dem unsicheren, schlaksigen Jungen wird ein breitschultriger Kerl, der sich nur noch in der Uniform so richtig wohl fühlt. Aber mittlerweile hat das HI-Virus auch Rumänien erreicht und zunehmend erkranken Männer am sogenannten „Schwulenkrebs“. Die Existenz von Homosexuellen lässt sich nicht mehr verleugnen – genauso wenig, wie sich das Voranschreiten von AIDS nicht mehr vertuschen lässt. In dieser Situation beginnt eine gnadenlose Jagd auf Schwule. Attila trägt den Spitznamen „Steppenfalke und Schwuchteljäger“ – er wird zu einer gnadenlosen, tödlichen Waffe. Tiberiu erkennt mit Entsetzen, dass sein Freund die Seiten gewechselt hat.

Die Charaktere haben Tiefe und sind ebenso glaubwürdig wie facettenreich dargestellt. Auch die zwei Frauenfiguren – Anna, die Schwester Attilas und Viorica, die junge Romafrau, spielen wichtige Rollen im Kraftfeld der beiden männlichen Hauptfiguren. Anna ist eine Frau, die sich vom Leben nimmt, was sie will und das Leben scheint es gut mit ihr zu meinen – aber auch sie wird mithineingezogen in den Strudel der tragischen Ereignisse. Mein persönlicher Liebling war Viorica, diese ebenso naive wie lebenstüchtige junge Frau, deren Name immer wieder mit „Victoria“ verwechselt wurde. Aber eine Siegerin ist sie nicht – ob diese Geschichte überhaupt Sieger kennt? Das will ich hier nicht verraten.

Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf die Sprache des Romans lenken: Sie ist differenziert und schafft eine dichte Atmosphäre, die uns unmittelbar in die Handlung mit hineinnimmt, wobei die Autorin nuanciert und gut dosiert humorvolle Derbheiten und Umgangssprache genauso unterbringt wie fast schon lyrische Stimmungsbilder. Zuletzt zum Spannungsbogen: Dieses Buch wäre ein echter Pageturner, wenn man es nicht immer mal wieder zur Seite legen würde, um nachzudenken oder um zur Geschichte zu recherchieren.

Das Lesen hat bei mir etwas länger gedauert als üblich, denn „Die Stadt der Freiheit“ ist eines dieser Bücher, bei denen man gern zwischendurch mal zurückblättert – nicht, weil man den Faden verloren hat, sondern, weil sich rückblickend Zusammenhänge anders darstellen. Spannend! Und es ist auch eines dieser Bücher, die man ungern zur Seite legt, da man gern wüsste, wie es weitergeht.

Zurück zu meiner „Reise zum Buch“:

Trotz der ruppigen Straßenverhältnisse hatte ich mich nach über 1000 Kilometern rettungslos in dieses widersprüchliche und faszinierende Rumänien verliebt, in seine bunten Kulturen, die freundlichen Menschen, die unglaubliche Gastfreundschaft. Wir sehen die rumänischen Bettler in deutschen Fußgängerzonen und übersehen die Erntehelfer und Lohnsklaven in der Billiglohnindustrie – aber was wissen wir über sie? Das alltägliche Rumänien, das uns auf der Reise begegnete, hatte wenig mit unseren Vorurteilen und Stereotypen zu tun.

Es kam zu persönlichen Begegnungen und manchmal erzählten uns die Menschen von Sehnsüchten, von der Vergeblichkeit harter Arbeit, von einem korrupten Staat und vom schwierigen oder bereichernden Zusammenleben der Kulturen. Manchmal auch von der Sehnsucht nach den Zeiten von Ceausescu. Wie bitte? Wir erinnerten uns an erzwungene Schwangerschaften und Kinderheime, die eher Straflagern glichen, an heimliche Erschießungen, spurlos verschwundene Menschen, Hungernde in der Kanalisation und einen übermächtigen Überwachungsstaat. Aber die Menschen erzählten uns vom gesicherten Arbeitsplatz und der florierenden Großindustrie, die es damals gab. Dass diese Volkswirtschaft auf brüchigem Fundament ruhte, dass der Diktator wie ein „Strigoj“ seinem eigenen Volk weder Strom noch Wasserversorgung sichern konnte und es mit dem Bau des Präsidentenpalastes aussaugte bis auf den letzten Tropfen, bis zum Staatsbankrott – alles vergessen? Nein. Nichts ist vergessen, aber vieles verdrängt. Den Rumänen geht es heute zwar besser als zu Zeiten Ceausescus – aber das hat nicht viel zu bedeuten, in einem Land, das immer noch um eine flächendeckende Wasserversorgung kämpft.

Nein, was uns in den Gesprächen begegnete, war eher Scham und Frustration – dieses elende Gefühl, um die Früchte der Revolution betrogen worden zu sein. Die Schimpftirade, die Elena Ceausescu ausstieß, als man ihr die Hände auf den Rücken fesselte, um sie zur Erschießung zu führen, gellt noch heute in den Ohren vieler Menschen nach: „Schande! Schande! Schande!“

Trotz aller Widrigkeiten hat sich Rumänien auf den Weg in die Europäische Union und in die Demokratie gemacht. Ein Weg mit vielen Stolpersteinen und Staatskrisen. Laut Demokratieindex gilt das Land als „unvollständige Demokratie“. Mit 48  von maximal 100 Punkten liegt Rumänien auch bei der Korruption im Mittelfeld und gilt als „nicht sehr korrupt“ (zum Vergleich: Deutschland erreicht 80 Punkte, allerdings mit sinkender Tendenz). Die Gesellschaft ist immer noch auf dem Weg, nach der Lektüre von „Die Stadt der Freiheit“ versteht man einige Stolpersteine besser. Homophobie ist in Rumänien weiterhin ein großes Problem – auch heute noch ist das Leben vieler schwuler Männer ganz konkret bedroht. Seit Nationalismus und die Neue Rechte sich im Aufwind wähnen, hat auch die Diskriminierung noch weiter zugenommen.   

„Die Stadt der Freiheit“ sollte Pflichtlektüre für alle sein, die tiefer ins Verständnis der Länder hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang einsteigen wollen. Wir werden nach der Lektüre auch die Verwerfungen, denen Europa heute ausgesetzt ist, ein Stück weit besser verstehen und nachempfinden können. Denn die Erfahrungen einer Diktatur lassen sich nicht schnell mal so löschen.

Fazit: uneingeschränkte Leseempfehlung!

Kleiner Tipp für die zweite Auflage: Während des Lesens musste ich oft an die eingangs erwähnte Empfehlung zum Fluchen denken, denn die Sprache der Figuren ist oft ziemlich deftig „gewürzt“. Insofern hätte ich gern ein Glossar der verwendeten ungarischen und rumänischen Flüche gehabt und mich wahrscheinlich abwechselnd gegruselt und amüsiert.

Wer mehr über unsere Radreisen lesen will, findet Impressionen im Reiseblog

Meine eigenen Bücher findet Ihr unter www.ulrike-blatter.de

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